Kind nach Behandlung behindert

Eltern wollen 500 000 Schmerzensgeld

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Insgesamt 500 000 Euro Schmerzensgeld fordert die Familie eines heute fünfjährigen Jungen vom St. Vincenz-Krankenhaus, von einer dort beschäftigten Krankenschwester und von zwei Kinderärzten, weil das Kind wegen eines Behandlungsfehlers schwerbehindert ist. Einen Vergleich der Zivilkammer des Landgerichts lehnen alle Beteiligten ab.

Das strafrechtliche Urteil sei gesprochen worden, dennoch blieben Fragen offen, die zivilrechtlich aufgearbeitet werden müssen, stellte der Vorsitzende Richter Karl Klamp fest. Zudem sei nicht auszuschließen, dass ein neues medizinisches Gutachten erstellt werden müsse, weil der Sachverständige während des vorangegangenen Strafprozesses seine eigene Aussage über Reanimationsmöglichkeiten mündlich relativierte. Er hatte eingeräumt, dass die Wiederbelebungsmaßnahmen, wie er sie in seinem Gutachten schriftlich dargestellt hatte, bei Kleinstkindern nicht angewendet werden dürfen. Außerdem muss nach Einschätzung des Richters die „Problematik des Spritzenscheins“ geprüft werden.

Aber, sagte der Richter: „Es spricht viel dafür, dass Fehler passiert sind“ an jenem 26. Dezember 2011, als der damals 14 Monate alte Tyler Jannaschk in der kinderärztlichen Belegabteilung des St. Vincenz-Krankenhauses wegen einer starken Bronchitis behandelt wurde. Als ihm die Kinderkrankenschwester ein Antibiotikum über einen bereits vorhandenen Zugang verabreichte, begann das Kind zu schreien und verschluckte sich so heftig, dass es zu ersticken drohte. Zwar konnte das Kind durch das Notfall-Team der Klinik reanimiert werden. Aber die Sauerstoffversorgung des Gehirns war einem Sachverständigen zufolge mindestens zehn bis zwölf Minuten unterbrochen, was zu einer schweren und dauerhaften Hirnschädigung führte (siehe NNP vom 21. Januar.)

Die Familie des Jungen fordert jetzt ein Schmerzensgeld in Höhe von 500 000 Euro sowie die Übernahme sämtlicher Schäden, die seit diesem Ereignis angefallen sind und die künftig noch anfallen werden. Eine gütliche Einigung werde abgelehnt, erklärte Anwalt Andreas Hohnel, weil die Krankenschwester nicht den für diese Medikamentengabe notwendigen „Spritzenschein“ hatte. Nach seiner Auffassung hatte sie daher „keine Erlaubnis“, das Antibiotikum zu verabreichen.

Der Verteidiger der Krankenschwester hielt dagegen, dass ein Spritzenschein nicht notwendig war, da die Krankenschwester keine Spritze setzte, sondern lediglich einen bereits vorhandenen Zugang benutzte. Die Verteidiger der beteiligten Kinderärzte machten deutlich, dass ihre Mandanten als Belegärzte einen Vertrag mit dem Krankenhaus geschlossen haben, der ihnen die Unterstützung durch „ausreichend qualifiziertes Personal“ zusichert. Aus ihrer Sicht müsse vielmehr geprüft werden, weshalb sich der Zustand des Kindes während des Transports in eine Wiesbadener Klinik dramatisch verschlechtert habe.

Die Verteidigerin einer der beiden Kinderärzte, die den Jungen in den Tagen vor dem Unfall betreut hatte, wies zudem darauf hin, dass ihre Mandantin keine wirksame Haftpflichtversicherung habe. Die Versicherung habe mitgeteilt, sie werde nicht für mögliche Schadensansprüche aufkommen, weil die Medizinerin „die Risiken nicht ordnungsgemäß“ angegeben habe. Ein Vergleich sei für die Kinderärztin daher unter keinen Umständen annehmbar, teilte deren Anwältin mit.

Das Verfahren um Schadensersatz wird schriftlich fortgesetzt. Die Urteilsverkündung setzte Richter Karl Klamp für Montag, 18. April, 9 Uhr, an. Am Mittwoch vergangener Woche war die Krankenschwester in einem Strafprozess wegen fahrlässiger Körperverletzung vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro verurteilt worden.

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