Gutachter Professor Dr. Hartmut Berger. Foto: Joachim Heidersdorf
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Gutachter Professor Dr. Hartmut Berger. Foto: Joachim Heidersdorf

"Axtmörder"-Prozess

Limburg: Entscheidung über neuen Gutachter vertagt

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    vonJoachim Heidersdorf
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Imad A. lehnt psychiatrischen Sachverständigen wegen Befangenheit ab. Gericht entscheidet am Mittwoch.

Limburg -Es geht nun um viel für Imad A.: Um einige Jahre mehr oder weniger hinter Gitter. Deshalb zieht sein Verteidiger Wolfgang Stahl auch am Mittwoch wieder alle prozessualen Register, um ihn vor einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu bewahren. Dies kann ihm nur gelingen, wenn die 2. Große Strafkammer des Limburger Landgerichts von einer verminderten Schuldfähigkeit des sogenannten "Axtmörders" ausgeht.

Darauf hofft der Mann, der am 25. Oktober 2019 in der Limburger Weiersteinstraße seine vor ihm ins Frauenhaus geflüchtete Frau Sana auf dem Gehweg absichtlich mit einem Auto umgefahren und ihr anschließend mit einem Küchenbeil und einer Axt den Kopf zertrümmert hat.

Aber in welchem seelischen Zustand? Diese für große Teile der Öffentlichkeit unbedeutende Frage wird für das Strafmaß ausschlaggebend sein. Und darum dreht sich der komplette neunte Verhandlungstag. Am Nachmittag vertagt die Kammer den für morgens um neun erwarteten Beschluss zum Beweisantrag des Verteidigers, einen neuen psychiatrischen Gutachter zu bestellen. Der jetzige, Professor Dr. Hartmut Berger, hat Imad A. volle Schuldfähigkeit attestiert.

Der Vorsitzende Dr. Andreas Janisch deutet die "Tendenz" an, diesem Antrag bezüglich der Eignung des Sachverständigen wahrscheinlich nicht zu entsprechen.

Doch Stahl schiebt zwei Befangenheitsanträge nach, um Berger abzulehnen. Formell muss dies sein Mandant tun. Den ersten begründet Imad A. damit, dass Berger bei den Untersuchungen voreingenommen gewesen sei und Suizidabsichten bei der Tat und in der Zeit davor ignoriert habe. Im zweiten erklärt der Angeklagte die Befangenheit des Mediziners mit dem Fakt, ihn als Lügner darzustellen.

Der Täter behauptet, dass Berger bei der letzten Untersuchung im März eine lebenslange Freiheitsstrafe angekündigt hat. "Das ist falsch", kontert der 72-Jährige energisch. "Das würde nicht meiner Professionalität entsprechen."

Genau daran hat Wolfgang Stahl erhebliche Zweifel. Was er von dem Frankfurter Psychiater hält, dem er am vorangegangenen Sitzungstag die Qualifikation für diese Aufgabe abgesprochen und mehrere vermeintliche Fehler unterstellt hat, ist ihm deutlich anzusehen. Seine Mimik und Gestik sprechen Bände. Wenn der Anwalt die Stirn runzelt - das tut er bei ihm missliebigen Aussagen fast ständig - signalisiert das die unterste Stufe seines Unmuts. Gestern Morgen schüttelt er beim Vortrag Bergers wiederholt den Kopf, zweimal vergräbt er sein Gesicht hinter beiden Händen.

"Das grenzt an eine

Blockade im Hirn"

Am Nachmittag platzt ihm der Kragen. Janisch bittet den Sachverständigen an den Richtertisch, um Aufzeichnungen eines JVA-Psychiaters zu Suizidgedanken Imads einzusehen und diese zu erläutern. Berger bleibt bei seiner Einschätzung, dass es keinerlei Anhaltspunkte für eine mögliche Selbsttötung gab. "Nicht zu fassen, wie stoisch er an seiner Einschätzung festhalten will", kommentiert Stahl. "Herr Dr. Berger hat die Aufzeichnung eines Kollegen bewusst falsch ausgelegt. Das grenzt an eine Blockade im Hirn."

Von den Entscheidungen der Kammer über die drei Anträge hängt der weitere Verlauf des Verfahrens ab. Sollte ein neuer Gutachter bestellt werden, wird es noch länger dauern. Andernfalls sollen heute Nachmittag die Plädoyers gehalten und am Freitag das Urteil verkündet werden.

Stahl sagt, dass sein Mandant auch mit dem Urteil voll schuldfähig leben könne - wenn das Gutachten belastbar sei. Das sei die Expertise von Dr. Berger jedoch nicht.

Der seit 45 Jahren als forensischer Sachverständiger tätige Arzt weist die Kritik zurück. Ausführlich schildert und verteidigt er sein Vorgehen und sein Ergebnis. Imad hat demnach unter keiner Persönlichkeitsstörung oder anderen seelischen Erkrankung gelitten; auch nicht unter einer leichten depressiven Episode, allenfalls unter einer Anpassungsstörung. Imads Verhalten bis kurz vor der Tat spreche eindeutig gegen die Kriterien, die für eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegen müssten.

Stahls Auftreten im Gerichtssaal kennen die Verfahrensbeteiligten und Beobachter inzwischen. Aber der Angeklagte verhält sich am neunten Verhandlungstag ganz anders als sonst. Bislang verfolgte Imad A. den Prozess bis auf wenige Momente äußerlich regungslos mit gesenktem Kopf. Gestern sieht er Berger fast durchgehend an.

Nach stundenlanger Erörterung psychiatrischer Fragen, Begrifflichkeiten und Interpretationen wendet der 34-Jährige sich direkt an den Sachverständigen und hält ihm vor, verschiedene Punkte aus den vier Gesprächen nicht richtig wiedergegeben zu haben.

Staatsanwalt Thomas Pohling sieht das völlig anders und lehnt den Antrag, einen neuen Sachverständigen zu bestellen, ab. Die Sachkunde Bergers stehe außer Frage, das Gutachten enthalte keine Widersprüche.

Joachim Heidersdorf

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