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Seit 1927 befindet sich das Fachgeschäft in diesem Gebäude.

Traditionshaus

Fachgeschäft an der Grabenstraße: Riema schließt nach fast 140 Jahren

Nach fast 140 Jahren reger Geschäftstätigkeit schließt mit "Riema" eines der letzten inhabergeführten Traditionshäuser in Limburg in einigen Wochen seine Pforten. Vor der Ansiedlung des Fachgeschäfts für Strümpfe und Dessous war im schmucken Gebäude am Rande der Altstadt das Hotel Stadt Wiesbaden.

Die Entscheidung fiel „Riema“-Inhaberin Ulrike Kremers und Tochter Anna Kremers sehr schwer, musste aber getroffen werden. Das Fachgeschäft für Strümpfe, Bademoden und Dessous schließt demnächst – unter anderem, weil sich vieles im Kaufverhalten der Kunden geändert hat. Nur ein Beispiel: Viele Besucher nutzen zwar gerne die Beratung und Probemöglichkeiten in der Grabenstraße 39, kaufen aber dann doch häufig im Internet.

Was sich nach Schließung des Fachgeschäfts im Geschäftshaus am Eingang zur Altstadt tun wird, steht noch nicht fest.

Bis heute haben sowohl das Unternehmen Riema als auch das Gebäude eine spannende Geschichte vorzuweisen. Ein Blick zurück: In der Gründerzeit, als Kaiser Wilhelm und Reichskanzler von Bismarck noch lebten, erschien am 7. September 1880 in der Domstadt eine Anzeige von Adele Riema.

Die Unternehmerin zeigte an, dass sie in der Unteren Grabenstraße 4b (heute 27), ein „Mode-, Kurz-, Weiß-, und Wollwarengeschäft“ eröffnet habe, und dass sie „Hüte und Hauben auf das geschmackvollste garniere“.

Adele Riema scheint viel Erfolg gehabt zu haben, jedenfalls expandierte sie ständig und zog deshalb mehrfach innerhalb der Grabenstraße um: zunächst in die heutige Hausnummer 46 (gegenüber Domhotel, ehemals Friseur Schubert). Die damalige Adresse lautete Obere Grabenstraße 12.

1904 übergab Adele Riema ihren florierenden Betrieb an Minna Göhring weiter. Die Spezialität der 21-Jährigen waren die Putzmacherei und maßgefertigte Kleider. Die erfolgreiche Jungunternehmerin heiratete kurz darauf Josef Wurm aus Bad Ems. Gemeinsam führten die Eheleute das Geschäft. Ihr Fleiß machte sich bezahlt: 1926 konnten die beiden ihr künftiges Domizil, das Haus „Obere Grabenstraße 1“ (heute 39), erwerben.

Hüte und Wäsche

Zu diesem Zeitpunkt war das Gebäude gerade erst 24 Jahre alt. Josef Busch hatte im Jahr 1902 mit dem Bau eines Hotels begonnen, Ende 1904 öffnete das Hotel „Stadt Wiesbaden“ mit dem „Café Monopol“ seine Pforten. Viele bekannte Gesichter waren dort anzutreffen. Ein illustrer Gast logierte 1909 in diesem Haus, als er in ganz Europa seinen von Carl Zuckmayer dramatisierten Streich zu Geld machte: der Hauptmann von Köpenick.

In diesem Haus, wo bisher livrierte Diener Koffer schleppten und Türen aufhielten, wo Lahn-Riesling und Champagner ausgeschenkt wurde, sollten also künftig Kurzwaren, Spitzen, Bänder, Borten, Tressen und Litzen, Hüte und Wäsche angeboten werden.

Aber zuvor änderte sich auch äußerlich einiges. Der Zeitgeschmack hatte sich radikal gewandelt, das zeigte der Umbau des Hauses. Das neue Erscheinungsbild ließ Bauhaus ahnen, die Horizontale herrschte vor. Das umgebaute Geschäftshaus der Eheleute Wurm wurde im November 1927 eröffnet.

Da die Ehe kinderlos blieb, adoptierten die Eheleute Minnas Neffen, Reinhold Göhring, der fortan den Namen Wurm-Göhring trug. Auch er erlernte den Kaufmannsberuf und erlebte als solcher intensiv, wie hoch angesehen deutsche Produkte in der Welt waren. „Made in Germany“ stand für Perfektion und Wertarbeit.

Als Josef Wurm 1937 starb, erhielt Reinhold Prokura. Im November 1942 heiratete Reinhold Wurm-Göhring Else, die Tochter der Metzgerei Georg Schmidt, aus dem Steinernen Haus am Fischmarkt 1–2. Die begeisterte Rollschuhläuferin, die sogar Meisterschaften in Berlin bestritt, brachte vier Jahre später im St.-Vincenz-Krankenhaus auf dem Rossmarkt, Töchterchen Ulrike (heute Kremers) zur Welt.

Nach der unheilvollen Kriegszeit ging es im neu geschaffenen Land Hessen und der Bundesrepublik stetig bergauf. Das Wirtschaftswunder erreichte auch Limburg, wo 1955 bei Riema Jubiläum gefeiert wurde. Zwei Jahre später starb mit Minna Göhring eine Unternehmerin, die 53 Jahre lang mit Sachverstand und Geschick den Namen Riema in der Domstadt und weit darüber hinaus hochgehalten hatte.

Bademoden und Dessous

Reinhold Wurm-Göhring und seine Ehefrau führten den Familienbetrieb weiter durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Reinhold 1969 viel zu früh starb, rückten Mutter Else und Tochter Ulrike eng zusammen und führten das Geschäft gemeinsam durch die kommenden Jahrzehnte. In den 1990ern wurde kräftig investiert: Eine neue Geschäftsausstattung, neue Schaufenster, eine neue Fassade und eine Straffung des Sortiments standen an.

Schwerpunkt im Geschäft sind heute noch Bademoden, die es über das ganze Jahr gibt, die Brautmoden-Dessous-Beratung, Komplettprogramme (Schlafanzug mit passendem Hausmantel) oder Dessous mit passenden Strümpfen und natürlich die Wäsche, die uns schon in der allerersten Anzeige von 1880 begegnete. Im Fachgeschäft bedienen mittlerweile neun Mitarbeiterinnen, die alle im Hause Riema gelernt haben und die, ebenso wie Ulrikes Tochter Anna, als fünfte Generation, der Stadt Limburg, den Kunden und den Lieferanten gerne die Treue hielten.

von ANETTE IN CONCAS

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