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Der Zug von Koblenz fährt im Limburger Bahnhof ein.

Barzahlung beim Schaffner

Fahrkartenverkauf im Nahverkehrszug nicht üblich

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Wer ohne ein Ticket in den Nahverkehrszug steigt, riskiert eine „erhöhtes Beförderungsentgelt“. Eine Barzahlung beim Zugbegleiter ist nicht so ohne Weiteres möglich – auch wenn der Wunsch danach groß ist.

Was genau an diesem Sonntag geschah, als der letzte Zug von Balduinstein nach Limburg fuhr, lässt sich nicht mehr klären, weil Aussage gegen Aussage steht. Fest steht: Zwei junge Männer erwischten nach eigenen Angaben nur knapp den Zug, ohne sich noch ein Ticket kaufen zu können. Sie mussten den Zug an der nächsten Station, in Fachingen, wieder verlassen, und mit dem Taxi nach Hause fahren.

Rein formal ist die Sache eindeutig, wie der Geschäftsführer des zuständigen Verkehrsverbunds Rhein-Mosel (VRM), Stephan Pauly, auf Anfrage dieser Zeitung erklärt. Wer in den Zug steigt, müsse ein gültiges Ticket dabeihaben, sonst fahre er schwarz und müsse mit einem „erhöhten Beförderungsentgelt“ rechnen; das wären in diesem Fall 60 Euro pro Person.

Die nach eigenen Angaben untrainierten Männer wollten am Sonntag, 15. Juli, eine Extremwanderung von Koblenz nach Limburg machen. „In Balduinstein nach über 50 Kilometer Wanderung konnten wir nicht mehr weiterlaufen, weil uns alles weh tat“, schreiben sie in einer E-Mail. „Zufälligerweise kam genau dann der letzte Zug nach Limburg. Da wir uns echt beeilen mussten, um den Zug zu erwischen, konnten wir uns keine Fahrkarte kaufen, aber als wir, direkt nachdem der Zug losfuhr, auf die Schaffnerin gestoßen sind, haben wir sie sofort darauf angesprochen. Leider war sie überhaupt nicht kulant und hat uns – obwohl wir ganz offensichtlich sehr erschöpft von der Wanderung waren und kaum noch laufen konnten – an der nächsten Station (Fachingen) rausgeworfen. Daraufhin mussten wir um 0.15 Uhr noch über eine Stunde auf ein Taxi warten, was uns in der nächtlichen Kälte ebenfalls nicht gutgetan hat, weil wir keine Jacken dabeihatten und komplett durchgeschwitzt waren.“ Sie werfen der Schaffnerin „empathieloses Verhalten“ vor.

Nach Rücksprache mit der Schaffnerin über die Deutsche Bahn spricht der VRM-Geschäftsführer von „Aussage gegen Aussage“. Die Schaffnerin habe die Männer darauf hingewiesen, dass sie ohne gültiges Ticket Zug fahren und ein „erhöhtes Beförderungsentgelt“ zu zahlen hätten. Das heißt: Den Personalausweis vorlegen und 60 Euro pro Person zahlen. Die Männer seien dazu nicht bereit gewesen und hätten deshalb den Zug verlassen müssen.

Gibt es keinen Ermessensspielraum? Jeder Zugbegleiter im Nahverkehr müsse sich gegenüber seinem direkten Vorgesetzten, dem Fahrmeister, für jeden Barverkauf im Zug rechtfertigen, erklärt VRM-Geschäftsführer Pauly. Das sei nun einmal leider so. Der Schaffner stehe ziemlich allein zwischen dem Kunden und dem Vorgesetzten.

Er selbst wünsche sich, dass die Deutsche Bahn wieder den Barverkauf in den Zügen erlaubt. Das sei auch für ältere Menschen ein Vorteil, die mitunter Probleme mit dem Fahrkartenkauf am Automaten hätten. „Ich wünsche mir das schon seit langem“, sagt Pauly.

Die Erfahrung der beiden Männer sei nicht so ungewöhnlich. Er selbst habe als Bahnkunde in Bremen Ähnliches erlebt, berichtet Pauly. Er wollte eines Tages nach Bremerhaven weiterreisen, der Zug stand schon abfahrbereit am Gleis. Er hatte noch kein Ticket kaufen können und sprach den Schaffner am Gleis an, ob er im Zug bar bezahlen könne. Der Schaffner habe ihn freundlich darauf hingewiesen, er müsse dann im Zug 60 Euro zahlen. Pauly bedankte sich und nahm den nächsten Zug.

Die Deutsche Bahn fühlte sich zunächst übrigens überhaupt nicht zuständig: Auf schriftliche Anfrage dieser Zeitung, was den beiden Männer passiert war, verwies ein Bahn-Sprecher an den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), was falsch ist. Der RMV verwies an den VRM, was zwar richtig ist. Aber um den Vorgang zu klären, musste der VRM doch bei der Bahn nachfragen, weil die Bahn auf jeden Fall zuständig sei, wie VRM-Geschäftsführer Pauly betont.

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