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Ein Aktionstag richtet sich heute gegen Gewalt gegen Frauen.

Letzte Rettung Frauenhaus – eine 44-Jährige berichtet

Häusliche Gewalt: Wenn nur Angst bleibt

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Die große Liebe war ihr Mann nie für sie, sagt Frau T. Aber für eine kurze Zeit war er gut zu ihr. Doch dann eskalierte jeder Streit zu körperlicher Gewalt und Morddrohungen. Deshalb floh sie mit ihren Kindern ins Frauenhaus.

Als Frau T. an einem frühen Freitagmorgen im September die Tür ihrer Wohnung hinter sich zuzog, hatte sie es endlich geschafft. Nach 25 gemeinsamen Jahren verließ sie ihren Mann, der sie immer wieder bedroht und sie physisch und psychisch misshandelt hatte. Ihr Traum von einer heilen Familie war endgültig zerstoben. Die 44-jährige Kurdin nahm ihre Kinder, packte einige Habseligkeiten zusammen und floh ins Frauenhaus nach Limburg. Hier fühle sie sich sicher, sagt Frau T. Hier könne sie ein wenig zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen, um zu verarbeiten, was sie erlebt hat:. Viel Gewalt und wenig Liebe haben ihr Leben seit der Kindheit geprägt.

Als Frau T. noch ein kleines Mädchen war, starb der Vater. Entsprechend der kurdischen Tradition wurde sie von der Mutter getrennt und in die Obhut der Großeltern gegeben. Als sie 16 Jahre alt war, präsentierten diese ihr den Mann, den die Familie für sie ausgesucht hatte. Er sei „gut und stark“ wurde ihr mitgeteilt. Das Mädchen weigerte sich. Schon damals habe sie Männern nicht vertraut, sagt sie heute. Dafür gebe es eine Erklärung, über die sie nicht sprechen möchte. Dass sie mit ihrer Einschätzung damals schon richtig lag, das steht für sie fest. Die Großeltern fragten, ob sie „bessere Pläne“ habe. Die junge Frau gab nach.

Gemeinsam mit dem sieben Jahre älteren Mann ging sie 1991 nach Deutschland, und für einen kurzen Moment glaubte sie, alles würde gut werden. Ihr Mann half ihr in der unbekannten Umgebung, sprach besser Deutsch als sie, kannte sich aus und sagte, wo es langgeht. Den Ton anzugeben, das war ihm wichtig. „Er wollte, dass ich mich ihm unterwerfe“, als Putz- und Hausfrau und als Geliebte. Sie sollte seine Meinungen übernehmen und Wünsche erfüllen. Widerspruch duldete er nicht. Bei fast jedem Streit verlor er die Kontrolle, schubste seine Frau und schrie, er werde ihr Säure ins Gesicht schütten.

Kurz nach der Geburt des ersten Kindes floh Frau T. zu einer Verwandten. Doch in Sicherheit war sie nicht. Ihr Mann kam, schlug ihr ins Gesicht und brach ihr das Nasenbein. Die Polizei einzuschalten, kam ihr zunächst nicht in den Sinn – aus Angst und aus Scham. Laut Anette Greis vom Frauenhaus Limburg ein sehr häufig anzutreffendes Verhalten. Die Dunkelziffer im Bereich häuslicher Gewalt gegen Frauen sei hoch. Ihr zufolge decken die Angaben der Polizeidirektion Limburg-Weilburg, wonach die Zahl der Gewalttaten im Jahr 2015 mit 171 unter dem Vorjahreswert von 181 liegt, nur einen Teilbereich ab. Die Zahl der nicht polizeilich gemeldeten Aggressionen dürfte deutlich höher sein. Der Fall von Frau T. beweist das. Jahrelang kämpfte sie allein.

Vor etwa zehn Jahren beschloss sie, die Scheidung einzureichen. Heimlich verabredete sie einen Gesprächstermin mit einem Rechtsanwalt und fragte: „Was passiert nach meiner Scheidung? Wer kann mich schützen?“ Der Jurist erklärte ihr, dass der Mann mit einem sechsmonatigen Hausverbot belegt werden könne. Mehr nicht. Frau T. geriet in Panik. Ihr Mann hatte bereits mehrfach gedroht, sie „aus dem Fenster zu schmeißen“ und zu töten. Der Scheidungsprozess wurde nicht eingeleitet.

Bei jedem sich abzeichnenden Konflikt versuchte sie, ruhig zu bleiben, keine Widerworte zu geben. Solange sich ihr Mann nur verbal abreagierte und den Kindern keine physischen Verletzungen zufügte, wollte sie stillhalten. Doch ihre Ruhe stachelte seinen Hass an. Der Terror ging weiter. Tagsüber schrie er, rempelte sie an und schlug zu, nachts zog er ihr die Bettdecke weg und drohte Gewalt an. Sie blieb. Jahrelang. Schließlich hatte das Paar inzwischen vier Kinder, und „die haben mich stark gemacht“, sagt die 44-Jährige. „Die Kinder waren meine Familie, die ich selbst als Kind nicht hatte.“ Sie waren der Quell für ihre Liebe und für ihr Überleben.

Bis zu diesem Sommer. Wieder geriet ihr Mann in Rage, schimpfte und drohte erneut, sie umzubringen, weil das Frühstück ihm nicht schmeckte. Der zwölfjährige Sohn saß dabei. Da wusste Frau T., dass sie gehen würde, dass sie ein paar Tage Zeit brauchen würde, um das Ende von 25 gemeinsamen Jahren zu organisieren, und dass sie dann die Tür hinter diesem Leben zuziehen würde.

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