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Das Gericht hat entschieden.

Wegen Misshandlung

Gequälte Schutzbefohlene: Pflegerin der Lebenshilfe Limburg Diez vor Gericht

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Sie hat ihre Klienten geschlagen, beleidigt und gequält. Das Limburger Amtsgericht hat jetzt ein Urteil gefällt.

Limburg – Das Urteil ist hart. Für die Angeklagte. Und für die Lebenshilfe Limburg Diez. Für die Angeklagte, weil sie wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Körperverletzung für zwei Jahre und zwei Monate ins Gefängnis muss, obwohl sogar die Staatsanwaltschaft auf eine Bewährungsstrafe plädiert und die Frau selbst immer wieder ihre Unschuld beteuert und von einem Komplott gesprochen hatte. Und für die Lebenshilfe, weil auch Amtsrichterin Bettina Kilian am Ende feststellen musste, dass es bei der Lebenshilfe kein System gab, das so ein Verbrechen an Menschen, "die einen besonderen Schutz brauchen", verhindert oder zumindest aufgeklärt hätte.

Unvorbereitete Strukturen: Bei der Lebenshilfe Limburg konnte die Angeklagte machen, was sie will

Die sadistische, geltungssüchtige Angeklagte Beatrice R. habe bei der Lebenshilfe einen Arbeitgeber gefunden, dessen Strukturen auf so etwas nicht vorbereitet sind, sagte Bettina Kilian in ihrer Urteilsbegründung. "Es gab kein System, wie damit zielgerichtet umgegangen werden kann." Es habe ja noch nicht einmal eine Instanz gegeben, an die sich ein Mitarbeiter wenden kann, wenn er das Gefühl hat, dass etwas nicht in Ordnung ist oder Übergriffe beobachtet.

Deshalb lobte Bettina Kilian auch ausdrücklich den Mut der jungen Frau, die Anfang vergangenen Jahres den Stein ins Rollen brachte und bedauerte, dass ihr das offenbar "zum Nachteil gereichte", denn sie wurde nicht übernommen - trotz guter Zeugnisse.

Im vergangenen Jahr hatte die junge Frau eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin in der Offheimer Tagesförderstätte der Lebenshilfe gemacht. Dort werden schwerstmehrfachbehinderte Menschen betreut - und offenbar nicht immer gut behandelt. Einige Zeit sah sich die junge Frau die Übergriffe an, wunderte sich, dass niemand etwas dagegen tat, hatte Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Dann vertraute sie sich einer Kollegin an, dann der Vorgesetzten, und schließlich fragte sie ihren Lehrer um Rat. Ende Januar teilte die Lebenshilfe den Eltern der fünf Opfer mit, dass es Übergriffe gab, dass ihre Kinder beleidigt, geschlagen, festgesetzt und systematisch gequält wurden. Zwei Heilerziehungspflegerinnen waren damals in Verdacht. Das Verfahren gegen eine von ihnen wurde eingestellt, sie arbeitet weiterhin in der Tagesförderstätte, allerdings ermittelt die Staatsanwalt inzwischen wieder gegen sie - wegen uneidlicher Falschaussage. Der Vorwurf: Sie habe vor Gericht gelogen, um ihre ehemalige Kollegin zu decken. Und vermutlich noch viel mehr.

Faustschläge und Ohrfeigen an der Limburger Lebenshilfe

Der Angeklagten R. sei es gelungen, Gefolgsleute zu finden, die an den Quälereien und Misshandlungen entweder aktiv beteiligt oder sich daran belustigt haben, auf alle Fälle nicht bei den richtigen Stellen darüber sprachen, sagte Richterin Bettina Klilian.

Zwei Zeuginnen hatten im Prozess für Beatrice R. ausgesagt, zwei berichteten davon, dass sie Faustschläge und Ohrfeigen gesehen und mitbekommen haben, dass ein Klient ins Bad gesperrt und geschlagen wurde, gezwungen wurde, Abfall zu essen. Das Gericht glaubte den beiden Zeuginnen der Anklage. Ihre Beobachtungen seien wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges, sagte Bettina Kilian.

Opfer konnten nicht kommunizieren – Ermittlungen im Fall in Limburg schwierig

Die Opfer selbst konnten nicht schildern, was ihnen passiert war. Sie sind nicht in der Lage zu kommunizieren. Das hatte die Ermittlungen auch so schwierig und langwierig gemacht. Mehr als anderthalb Jahre mussten Zeugen gesucht und befragt werden, die Beweisaufnahme vor Gericht nahm einen ganzen Tag in Anspruch. Die Staatsanwaltschaft habe ihre Sache gut gemacht, sagte Bettina Kilian, sie habe wirklich in alle Richtungen ermittelt. "Am Ende ergab sich ein ganz rundes Bild." Zu dem auch gehört, dass die Lebenshilfe Limburg Diez nicht der erste Arbeitgeber der Heilerziehungspflegerin Beatrice R. war. In den Einrichtungen vorher hatte "der Ton" der jungen Frau "nicht gepasst". Aber angezeigt hat sie niemand. Mit der Heilerziehungspflege ist jetzt erst einmal Schluss für Beatrice R. Das Gericht verhängte drei Jahre Berufsverbot.

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Aber Michael Hewer, Anwalt der Nebenklage (zwei Eltern waren vor Gericht gezogen), ist mit dem Urteil "sehr zufrieden". Weil er froh ist, dass diese Misshandlungen "der Schwächsten der Schwächsten" drastisch bestraft werden. "Und weil das Gericht auch die Umstände bei der Lebenshilfe deutlich benannt hat." Hubert Engel, Vater eines Opfers, formulierte es so: "Wir vertrauen denen unsere Kinder an, es wird viel Geld dafür ausgegeben und dann kommt sowas dabei heraus."

Lebenshilfe Limburg Diez wehrt sich gegen die Vorwürfe

Die Lebenshilfe Limburg Diez sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es gab und gebe ein ausgefeiltes System, um Übergriffe auf Klienten zu verhindern. "Wir haben ein Qualitätsmanagementsystem", sagt Elisabeth Gerheim, die Geschäftsführerin der Lebenshilfe. Und es gebe seit 2018 eine Betriebsvereinbarung, die genau benennt, was zu tun ist, wenn Übergriffe auffallen, wer der richtige Ansprechpartner ist. Herbert Helferich, der Vorsitzende des Betriebsrates, zählt auf, mit welchen Mechanismen die Lebenshilfe Gewalt, auch sexualisierter Gewalt gegen Schutzbefohlene begegnen will: mit Supervision, Teamgesprächen, Fallberatungen, kollegialen Fallberatungen, externen Ansprechpartnern. "Es gibt ein breites Instrumentarium, keine strukturellen Mängel." Und außerdem unterschreibe jeder neue Kollege eine Ehrenerklärung.

Dass das in diesem Fall alles nichts geholfen habe, liege vermutlich an der Persönlichkeit der ehemaligen Mitarbeiterin und auch daran, dass sich die Tagesförderstätte Offheim damals erst im Aufbau befunden habe, deshalb hätten sich viele Strukturen, die in anderen Tagesförderstätten längst etabliert hätten, dort vor anderthalb Jahren noch im Aufbau befunden, sagt Elisabeth Gerheim. Aber man habe auch insgesamt aus dem Fall gelernt: "Uns ist es wichtig, die Dinge aufzuarbeiten und die Teams zu stärken." Das Thema Gewalt und der Umgang mit Beobachtungen spielten nun schon bei der Einarbeitung eine große Rolle. "Damit unsere neuen Kollegen sensibel werden und wissen, an wen sie sich wenden können." (Sabine Rauch)

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