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Das Hate-Slam-Team der FNP (von links): Tobias Köpplinger, Kerstin Schellhaas, Robin Göckes und Joachim Braun.

Kleinkunstbühne

"Hate Slam" in Limburg: Realsatire, Prügel und starke Emotionen

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Realsatire pur – das bot der erste Limburger Hate Slam. Über 100 Zuschauer dachten und lachten mit. Ein Kabarettprogramm, das Leserbriefschreiber entworfen haben, und zwar unfreiwillig. Vielleicht gerade deshalb so anregend. Die Inhalte reizen zum Widerspruch. Energisch!

Kabarettisten machen sich Gedanken über abendfüllende Programme. Journalisten berichten darüber. Normalerweise. Der erste Limburger Hate Slam war anders. Acht Journalisten im Wechsel auf der Bühne. Die Texte haben Leser geschrieben. Nicht in der Absicht, ein zweistündiges Programm zu gestalten. Aber genau das ist gelungen. Mit sehr viel Emotion, nicht immer hasserfüllt, sehr häufig aber doch und dabei hart an der Grenze – manchmal sogar darüber hinaus.

Das Publikum, das an den Tischen in der prallvollen Kleinkunstbühne „Thing“ Platz genommen hat, genießt diese Form der Unterhaltung von der ersten Sekunde an. Doch oft genug bleibt das Lachen im Halse stecken. Wes Geistes Kind sind diese Leute, die scheinbar ohne jeden Skrupel über andere herfallen, keine Scheu haben, politisch Andersdenkende, Zeitungsredakteure, Randgruppen, gerne auch Ausländer aufs übelste zu attackieren? „Linksversifftes Schmierblatt“ – diese Formulierung taucht plötzlich überall auf. Am Abend ist es Werner D’Inka, der sie als erstes zitiert – von einem Leser bezogen auf die FAZ, deren Mit-Herausgeber D’Inka ist.

Arnd Festerling, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, ergänzt: „Wir ersparen Ihnen hier einiges.“ Der Grund: Die Zeitungen, in diesem Moment Veranstalter des Bühnenprogramms, sind sich ihrer Verantwortung bewusst, Hetze kein Forum zu geben. Das zweite: Frauen müssen einiges aushalten. Den sexualisierten Attacken auf Kolleginnen wollen die Journalisten auf der Bühne nicht den Raum einräumen, den sie in Briefen an die Redaktion einnehmen.

Man sieht nicht den, der solches schreibt. Auch nicht denjenigen, den es trifft. Normalerweise. Diesmal doch. Joachim Braun, Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, hat ein breites Kreuz. Nicht nur optisch. Einer, die ebenfalls auf der Bühne sitzt, scheint die Sache näher zu gehen. Katja Thorwarth (Frankfurter Rundschau) ist zierlich, wirkt beim Lesen der Texte so filigran wie die Kommentare, die sie geschickt einflicht. Das, was sie liest, an sie beruflich-persönlich gerichtet, ist es nicht. Derjenige, der dies schreibt, ist weit, weit weg. Wie wäre es wohl, so etwas von Angesicht zu Angesicht auszutauschen? Dazu sind die meisten nicht in der Lage. Oder, wie es Werner D’Inka formuliert: Sollte sich im Publikum ein Schreiber befinden und seine Äußerungen wiedererkennen, möge er sich bitte „körpersprachlich zu erkennen“ geben.

Da ist niemand, die Körpersprache des Publikums eindeutig: Die Zuschauer lachen aus tiefstem Herzen über allzu große Absurditäten und nehmen wahr, mit welcher Selbstgefälligkeit Menschen in diesen Briefen über andere urteilen. Genau das ist es: Eine einzelne Zuschrift dieser Art ist schnell vergessen. Doch die geballte Masse, aus den Redaktionen der drei großen Zeitungen zusammengetragen, hinterlässt mehr als nur ein mulmiges Gefühl. Rückt unsere Gesellschaft tatsächlich so weit nach rechts? Oder sind es wieder einmal die Schreihälse, die sich hier Gehör verschaffen und durchsetzen wollen? Wie denkt die schweigende Mehrheit? Wer ist das Volk? Der Kabarettist Frank-Markus Barwasser formulierte es in seiner Rolle als Erwin Pelzig kürzlich so: „Wenn ich nicht dabei bin, ist das Volk nicht vollständig.“ Recht hat er!

Die Zuschauer im Thing jedenfalls reagieren mit einem befreiten Lachen auf die größten Dummheiten, einfach deshalb, weil Lachen gut tut – und manches keine andere Reaktion verdient. Anderes ist tatsächlich ausgesprochen amüsant.

So zum Beispiel eine Zuschrift auf „

Omas Tipp

“ in der FNP: Beim Transport schwerer Möbel sollte man dicke Socken über die Beine und Füße derselben ziehen, um Kratzer im Parkett zu vermeiden. Guter Tipp, kam bei einem Leser sehr schlecht an. Kerstin Schellhaas, Tobias Köpplinger, Joachim Braun und Robin Göckes lesen im Wechsel. Das verleiht dem gesprochenen Wort Würze. Die schönsten Zeilen: „Ja sind die denn blöd? Wer soll denn die schweren Möbel zum Anziehen der Socken hochheben? Und wie sieht das denn hinterher aus? Und was mache ich? Meine Schränke haben gar keine Füße!?“ Emotion pur. Dem Schreiber dieser Zeilen aus Neu-Isenburg ist es perfekt gelungen, dies rüberzubringen. Logische Folge: Sehr viel Applaus!

Das braucht es nämlich zwischendurch: Ein befreites und amüsiertes Lachen. Auch wenn so mancher nun mit dem Gedanken in die Nacht geht, ob das, was er soeben gehört hat, nicht auch Teil seines eigenen Umfelds ist – und sich schon fragt, wie man im täglichen Leben darauf reagieren könnte.

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