Vor der Praxis von Dr. Tiberius Voicu in Elz bilden sich nachmittags oft Schlangen, weil die Menschen dort ohne Termin mit Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft werden.
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Vor der Praxis von Dr. Tiberius Voicu in Elz bilden sich nachmittags oft Schlangen, weil die Menschen dort ohne Termin mit Astrazeneca oder Johnson & Johnson geimpft werden.

Kreis Limburg-Weilburg

Aufhebung der Priorisierung hat wenig verändert: Impfstoff bleibt ein rares Gut

  • VonSebastian Semrau
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  • Tobias Ketter
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Die Priorisierung ist aufgehoben und auch Betriebsärzte sind nun im Boot. Die Quote im Kreis Limburg-Weilburg nähert sich 50 Prozent.

Limburg – Die Impfungen gegen das Corona-Virus im Landkreis Limburg-Weilburg schreiten voran. Knapp 50 Prozent der Menschen im Kreis haben zumindest eine Spritze bekommen. Seit Anfang dieser Woche sind nun auch die Betriebsärzte in die Impfkampagne eingebunden, zudem ist die Impfpriorisierung offiziell aufgehoben. Allerdings gibt es an allen Stellen weiterhin eine Mangelverwaltung, was vor allem für den Impfstoff von Biontech gilt. So ist das Impfzentrum des Landkreises in Dietkirchen weiterhin bei weitem nicht ausgelastet – und wird es bis zur vom Land avisierten Schließung am 30. September wahrscheinlich auch nie sein.

Und ob Betriebs-, Haus- oder auch Fachärzte: Alle sagen, dass sie mehr impfen könnten und auch wollten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Dr. Tiberius Voicu in Elz. Den Stoff von Biontech hat allerdings auch er nur in geringen Mengen. „Der ist viel komplizierter zu handhaben und geht erst einmal an meine Patienten“, sagt der Mediziner, der allerdings im Impfzelt vor der Praxis in der Weberstraße immer montags bis freitags von 14 bis 19 Uhr die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson verimpft – ganz ohne Anmeldung.

Corona-Impfungen im Kreis Limburg-Weilburg: Impflinge reisen sogar aus Hamburg an

„Davon kann man so viel bestellten, wie man will“, sagt Voicu. Dies hängt wohl mit der geringen Nachfrage nach diesen Impfstoffen, die im Gegensatz zu Biontech erst ab 60 Jahren empfohlen sind, in anderen Praxen zusammen. Genau wisse er das nicht, sagt der Mediziner, der dank einer Aktion der Kassenärztlichen Vereinigung auf die Idee kam. Dazu hieß es, dass die zweite Dosis Astrazeneca bereits nach vier Wochen gegeben werden dürfe – um geimpft in den Urlaub fahren zu können. Voicu impft nun pro Tag mehr als 100 Personen, die sogar schon aus Hamburg angereist sind. Bei Astrazeneca können sie nach vier Wochen zur Zweitimpfung wiederkommen, bei Johnson & Johnson ist diese nicht nötig.

Dass Dr. Voicu überhaupt so viel Impfstoff bekommt, wundert seinen Kollegen Dr. Gerhard Roos, der seine Praxis in Obertiefenbach hat. Er selbst habe teilweise nur kleine Mengen von Astrazeneca und Johnson & Johnson bestellt und nicht bekommen. Außerdem sei ihm die Aufklärung wichtig. Das Aufheben der Priorisierung habe nun dazu geführt, dass „noch mehr Leute anrufen, die meinen, sie seien an der Reihe“. Dabei sei es anstrengend, die Leute immer wieder vertrösten zu müssen. „Wir versuchen, unsere Liste abzuarbeiten. Denn die priorisierten Patienten sollten weiterhin früher dran sein“, sagt Roos.

"Das Telefon klingelt ohne Unterlass": Auch im Kreis Limburg-Weilburg fehllt Impfstoff

Dass nicht sofort genug Impfstoff für alle da sei, habe die Politik nicht gut genug kommuniziert, sagt der Beselicher Mediziner, der gerne „alle bedienen würde“. Froh ist er, dass es bisher zumindest funktioniere, dass er alle Dosen für die beantragten Zweitimpfungen bekomme. Das führe aber automatisch dazu, dass weniger Erstimpfungen gemacht werden könnten. Und es sei viel zu tun, auch abseits der Impftermine mittwochs und freitags nach der Sprechstunde. „Das Telefon klingelt ohne Unterlass“, sagt Roos. Zudem müssten seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch noch die Liste abtelefonieren. Dass nun auch in Betrieben geimpft wird, kann Roos nur bedingt verstehen. „Zumindest sollte es eine Konzentration auf Betriebsangehörige geben.“ Angehörige sollten aus seiner Sicht dort nicht versorgt werden. Grundsätzlich meint er: „Hausärzte sollten ihre Patienten impfen.“

„Derzeit mangelt es in Hessen noch immer an Impfstoff“, sagt Allgemeinmediziner Dr. Simon Fachinger, der auch Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Bezirk Limburg ist. „Ich bestelle wöchentlich eine bestimmte Anzahl und bekomme aber immer nur einen Teil davon geliefert“, so der Arzt aus Niederbrechen. Dies führe dazu, dass es in seiner Praxis weiterhin eine lange Warteliste gebe. „Zwischendurch waren dort mal rund 1500 Personen aufgeführt. Mittlerweile hat sich die Länge der Liste aber etwas reduziert“, sagt Fachinger. Er könne momentan pro Woche zwischen 80 und 130 Menschen gegen das Coronavirus impfen. Der Arzt aus Niederbrechen geht davon aus, dass sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Vakzine in den kommenden ein bis zwei Monaten deutlich erhöhen wird. „Schon bald ist das Problem des Impfstoffmangels wohl gelöst.“

Keine Möglichkeit für mehr Impfungen: Nachfrage im Kreis Limburg-Weilburg weiter hoch

Weil jetzt auch Betriebsärzte die Vakzine verabreichen dürfen, werde der vorhandene Impfstoff nun unter noch mehr Medizinern aufgeteilt. Deshalb sei es zumindest kurzfristig kaum möglich, deutlich mehr Leute in der Praxis in Niederbrechen zu impfen. "Allerdings bleibt ja die Gesamtzahl der Impfungen durch die neue Regelung mindestens gleich, so dass insgesamt kein Nachteil entsteht", sagt der Allgemeinmediziner, der auch als Betriebsarzt im Einsatz ist. Es gebe laut seinen Angaben mittlerweile bundesweit etwa 6100 Betriebsärzte, die sich an den Corona-Schutzimpfungen beteiligen.

Der Impfstoffmangel in Verbindung mit der Aufhebung der Impfpriorisierung sei eine schwierige Konstellation. „Es ist der falsche Zeitpunkt, um die Priorisierung aufzuheben“, sagt Fachinger. Er werde auch weiterhin möglichst diejenigen zuerst impfen, die auf seiner Warteliste stehen und einer Priorisierungsgruppe angehören. Generell habe sich durch die Aufhebung der Priorisierung für die Hausärzte kaum etwas verändert. „Wir haben ja auch schon vorher Impftermine an Personen vergeben, die keiner der Gruppen angehören, aber Astrazeneca verabreicht bekommen wollten“, so der Mediziner. Mit Blick auf die aktuelle Impfquote stellt er fest, dass ein verlangsamerer Fortschritt bei den Erstimpfungen zu erkennen sei. Die vermehrte Verabreichung der zweiten Spritze sei der Hauptgrund dafür.

Freude in den Betrieben: Impfungen durch Betriebsärzte starten im Kreis Limburg-Weilburg

So weit sind die Betriebsärzte noch nicht. Viele Unternehmen aus der Region seien interessiert, die ersten hätten auch schon angefangen, sagt Michael Hahn von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg. Das koste zwar Geld, schütze aber die Mitarbeiter und stelle Betriebsabläufe sicher. Allerdings gebe es auf diesem "dritten Weg" auch bereits Engpässe. "Wenn viele Termine notwendig sind, bedeutet das einen weiteren Mehraufwand", so Hahn. Bei Tetra Pak soll es am Standort Limburg nächste Woche losgehen. Ein Siebtel der Impfwilligen könne dann durch den Betriebsarzt, der vom Amtsärztlichen Dienst kommt, bedient werden, sagt Dr. Susanne Fabian von Tetra Pak. Ein Angebot gebe es aber nur für Betriebsangehörige. Zur Auswahl wurde gelost. Da das Unternehmen zur kritischen Infrastruktur gehört, gab es für die Mitarbeiter in der Produktion schon vorher eine Bescheinigung. "Viele sind schon geimpft.

Bei Tetra Pak sei man froh, dass es losgeht und "wir die Impfkampagne auch als Aspekt für die Gesellschaft unterstützen können", so Fabian. Allerdings wäre es besser gewesen, mehr Impfstoff zu bekommen. Wenn es bei dieser Zahl bleibt, muss der Betriebsarzt mehr als zehn Mal zu Tetra Pak kommen, um alle Impfungen durchzuführen. "Das ist ja immer auch mit einer Menge Organisation verbunden", sagt Fabian, die berichtet, dass alle Impfungen, egal ob im Betrieb oder auch im Impfzentrum oder beim Hausarzt zur Arbeitszeit zählten. Jeder hoffe natürlich, dass alle gleich dran kommen, aber man sollte auch realistisch sein, sagt sie. "Die Mitarbeiter nehmen es positiv auf, dass es nun überhaupt losgeht."

Auch im Kreis Limburg-Weilburg: Nachfrage vor allem nach Biontech-Impfstoff

Auch die Elring Klinger AG will ihren Mitarbeitern am Standort in Runkel ein Impfangebot machen. "Die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat für uns schon seit Beginn der Corona-Pandemie höchste Priorität. Umso mehr freuen wir uns daher, dass wir nun auch endlich selbst mit dem Impfen in unseren Betrieben loslegen können", erklärt CEO Dr. Stefan Wolf. Allerdings verweist auch das Unternehmen auf zu Beginn nur begrenzt zur Verfügung stehenden Impfstoff. Die Impfungen selbst, für die jeweils rund 30 Minuten veranschlagt sind, gehören bei Elring Klinger zur Arbeitszeit.

  • Im Landkreis Limburg-Weilburg wurden bisher 84 588 Erst- und 35 585 Zweitimpfungen durchgeführt. Bei laut RKI 171 912 Einwohnern bedeutet das Quoten von 49,2 und 20,7 Prozent. Über das Impfzentrum gab es bislang 49 717 Erst- und 25 193 Zweitimpfungen. Dazu kommen rund 700 vollständig Geimpfte in Wiesbaden sowie 34 181 Erst- und 9692 Zweitimpfungen in Hausarztpraxen.
  • Im Rhein-Lahn-Kreis wurden bisher 61 028 Erstimpfungen durchgeführt. Bei laut RKI 122 297 Einwohnern bedeutet dies eine Quote von 49,9 Prozent. 24 192 der Impfungen waren in Hausarztpraxen. Zweitimpfungen nennt der Kreis nicht.
  • Im Westerwaldkreis wurden bisher 84 591 Erst- und 47 374 Zweitimpfungen durchgeführt. Bei 201 904 Einwohnern laut RKI bedeutet das Quoten von 41,9 und 23,5 Prozent. Im Impfzentrum in Hachenburg wurden dabei 47 611 Erst- und 29 236 Zweitimpfungen durchgeführt, durch mobile Teams 6463 beziehungsweise 5282 (beides Stand 10. Juni), bei den Hausärzten sind es laut der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (Stand 9. Juni), 30 517 Erst- und 12 856 Zweitimpfungen.

Dass die Menge des Biontech-Impfstoffs sehr knapp ist, hat auch der Limburger Facharzt Dr. Wilfried Thiel, zugleich Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzwerks Piano, beobachtet. Er impfe allerdings nur Patienten, die bei ihm in Behandlung sind und über ihren Hausarzt nicht an eine Impfung gelangen. So verabreiche er insgesamt rund 50 Dosen an drei Tagen pro Woche. "Auch wir bekommen nicht genug", sagt Thiel, der Astrazeneca aber wegen der geringen Nachfrage auch nur in kleinen Mengen ordert. Bisher habe es bei ihm aber zumindest geklappt, dass er auch alle Zweitimpfungen durchführen konnte,

Erstimpfungen in der Region um Limburg und Weilburg: Zwei Kreise schon nah an 50 Prozent

"Jeder Arzt sieht zu, dass er möglichst viele Patienten impft", ist Thiel überzeugt. Er bitte auch alle, dass sie sich impfen lassen. "Ich sehe das als einzige große Chance, die Pandemie hinter uns zu lassen." Ähnlich äußert sich Elring Klinger-CEO Wolf: "Mit dem Impfen in unseren Betrieben tragen wir einen wichtigen Teil dazu bei, den Kampf gegen das Virus zu gewinnen. Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach über einem Jahr damit auch neue Perspektiven. Viele wünschen sich, wieder häufiger ins Büro zu kommen oder in den Produktionsbereichen unbeschwerter miteinander umgehen zu können. Wir wollen dazu beitragen, eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung zu erreichen."

Die Impfungen schreiten in allen drei Kreisen im Nassauer Land voran. Auch wenn diese Zahlen nicht 100-prozentig stimmen, weil etwa bei den Hausärzten auch Menschen aus anderen Kreisen geimpft werden oder auch nach mehreren Monaten die Zahl der geimpften Personen aus dem Kreis Limburg-Weilburg in Wiesbaden nur ungefähr genannt werden kann, haben wir ausgerechnet, wie hoch die Impfquote in den drei Kreisen in etwa ist. Zum Vergleich: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden in Hessen mit Stand Freitag, 8 Uhr, 47,2 Prozent der Menschen mindestens einmal und 22,2 Prozent vollständig geimpft. In Rheinland-Pfalz sind es 46,7 und 24,8 Prozent. Spitzenreiter bei den Erstimpfungen ist Bremen mit 52,1 Prozent, Schlusslicht Hamburg mit 44,7. Bei den Zweitimpfungen liegt das Saarland (29,3 Prozent) vorne und Hessen ganz am Ende. (Sebastian Semrau/Tobias Ketter)

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