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„Jetzt ist es Zeit, nach vorne zu schauen“

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Von: Sabine Rauch

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Singen mit dem ganzen Körper: Tobias Landsiedel probt mit der Mädchenkantorei schon seit langem im Schloss. Jetzt haben die Mädchen nebenan die Chance auf eine pädagogische Betreuung - im ehemaligen Pfarrhaus.
Singen mit dem ganzen Körper: Tobias Landsiedel probt mit der Mädchenkantorei schon seit langem im Schloss. Jetzt haben die Mädchen nebenan die Chance auf eine pädagogische Betreuung - im ehemaligen Pfarrhaus. © sbr

Domsingknaben, Mädchenkantorei und Domchor sind auf dem Domberg vereint

Vielleicht waren es einfach zu viele Veränderungen auf einmal für eine Institution wie die katholische Kirche: die Zusammenlegung der Pfarreien und dann noch die Neuorganisation der Dommusik. Die Pfarrei Heilige Katharina Kasper Limburger Land ist noch auf dem Weg, die Dommusik ist angekommen. Die einen denken noch an das, was sie verloren haben, die anderen haben eine neue Perspektive. Jetzt sei es Zeit, nach vorne zu schauen, sagt Ute Schäfer, die Geschäftsführerin der Dommusik Limburg. Dr. Wolfgang Pax, der Leiter des Domkapitels, formuliert es so: „Kommt und schaut, was aus dem wunderbaren Haus geworden ist.“ Aus dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem auch er gewohnt hatte in seiner Zeit als Dompfarrer. Aus dem Haus, das heute der Sitz der Dommusik ist und nicht mehr Pfarrbüro und Wohnungen beherbergt, sondern Studierzimmer, Probenräume, Spielzimmer und Büros für Chorleiter und Pädagogen. Ein Haus, das Leben auf den Domberg bringt. Montags zum Beispiel, wenn nachmittags nicht mehr nur Touristen zum Dom laufen und staunen, sondern 160 Kinder und Jugendliche kommen, die im ehemaligen Pfarrhaus Hausaufgaben machen, basteln oder spielen, Instrumentalunterricht haben oder ihre Stimme trainieren.

Alles nah beieinander

Es sei notwendig, die Pfarreien in großen Einheiten zu organisieren, sagt Wolfgang Pax. Und es sei notwendig gewesen, die Dommusik neu zu organisieren. „Die Dommusik gehört an den Dom.“ Schon aus praktischen Gründen. Schließlich müssen sich die Sängerinnen und Sänger vor dem Gottesdienst einsingen. Das machen Mädchenkantorei und Domchor schon seit langem im Schloss. Die Domsingknaben sind dafür vom ehemaligen Konvikt in Hadamar nach Limburg gekommen. „Es war wichtig und richtig, die Dommusik zusammenzulegen“, sagt Wolfgang Pax. Räumlich und organisatorisch.

Auf dem Domberg liegt jetzt alles nah beieinander: Chorsäle, Probenräume, Ankleidezimmer, Platz für Instrumentalunterricht und Hausaufgaben, Notenarchiv, Büros der Chorleiter und des Domorganisten. Und weil schon der Belegungsplan eine Herausforderung ist, hat die Dommusik eine Geschäftsführerin, und zwar eine vom Fach: Ute Schäfer, Chorleitern und Stimmbildnerin. Sie hat nicht nur das Geschäft im Blick, sie weiß, was Musiker brauchen. Und sie erinnert daran, was mit der neuen Dommusik überhaupt erst möglich geworden ist: ein pädagogisches Angebot für Mädchen. Den Sängerinnen der Mädchenkantorei war all die Jahre verwehrt worden, was für die Domsingknaben selbstverständlich war: die Nachmittagsbetreuung.

Auf den 500 Quadratmetern des ehemaligen Pfarrhauses ist Platz für Jungs und Mädchen - „für kulturelle Bildung ohne soziale Grenzen“. Denn die pädagogische Betreuung ist kostenlos - genau wie die Stimmausbildung. Für die Gesamt-Proben ziehen die Chöre ins Schloss um. Die Chorsäle im Schloss hat die Dommusik schon vor langer Zeit von der Stadt gemietet, zumindest einer ist mit 100 Quadratmetern groß genug für alle und mit einer Akustik-Decke perfekt ausgestattet. Ansonsten bieten die 600 angemieteten Quadratmeter im Schloss viel Platz für kleinere Räume für Stimmbildung, Instrumentalunterricht, Registerproben oder die Gewänder. Aber einen großen Saal könnten die drei Chöre noch gut gebrauchen. Ein barrierefreier Pavillon im Pfarrgarten wäre perfekt, sagt Wolfgang Pax. Aber der sei erst einmal vom Tisch, vorübergehend nutzen die Chöre den großen Saal im Kolpinghaus, wenn der nicht anderweitig gebraucht wird. Also Musik von überall her - aus dem Schloss, dem ehemaligen Pfarrhaus, der Kapelle St. Michael, der Sakristei und dem Kolpinghaus.

Jetzt muss sich erstmal alles einspielen. Im Juli begann der Umzug, mit dem Ende der Sommerferien hat das pädagogische Angebot im ehemaligen Pfarrhaus begonnen, die letzten Instrumente sind in der zweiten Septemberwoche umgezogen, der Billardtisch steht auch noch nicht lange, die Wände sind noch leer. Die Kinder und Jugendlichen sollen mitreden - auch bei der Gestaltung. Den Blick auf den Dom gibt es sowieso.

Es geht um mehr als nur um Musik

Natürlich stehe die Musik im Mittelpunkt, sagt Ute Schäfer. Aber eigentlich gehe es um mehr. Nicht nur darum, Kinder, Jugendliche und Erwachsene für Musik zu begeistern, sondern auch darum, „Gemeinschaft zu leben und den Weg zum christlichen Glauben zu ermöglichen“. Und zwar allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. „Wir haben eine ganzheitliche Vorstellung von Musik“, sagt Wolfgang Pax. Dazu gehöre auch Disziplin, theologische Bildung und gemeinsame Freizeit. Aber nicht unbedingt gemeinsames Singen: „Die Eigenständigkeit der Chöre bleibt“, sagt Wolfgang Pax. Es werde keinen gemischten Chor geben. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass die Mädchen und Jungen ihre Hausaufgaben getrennt voneinander machen müssen, auch gemeinsame Freizeiten sind geplant. Für die tägliche Betreuung sind vier Pädagogen eingestellt worden - auf insgesamt zwei Stellen, dazu kommen ehrenamtliche Kräfte. Mittagessen gibt es in der Marienschule, im ehemaligen Pfarrhaus gibt es zwar Küchen, aber dort soll höchstens mal gebacken werden.

Natürlich seien nicht alle Domsingknaben glücklich über den Wechsel nach Limburg, sagt Ute Schäfer. Den einen fehlt der große Bolzplatz neben dem Konvikt, andere ärgern sich, dass sie nun nach Limburg kommen müssen. Aber die meisten Sängerinnen und Sänger gingen ohnehin in Limburg zur Schule und hätten nun kürzere Wege, und zwei Tore könne man auch im Pfarrgarten aufstellen. „Und die Mädchen finden sowieso alles neu und phantastisch.“

Ein paar Plätze in der pädagogischen Betreuung sind noch frei. Sängerinnen und Sänger werden auch immer gesucht. „Die Pandemie war für alle eine kritische Situation“, sagt Wolfgang Pax. Die Chöre konnten nicht wirklich zusammenkommen, Nachwuchsarbeit war auch nicht möglich. „Wir sind glücklich, dass uns die Kinder nicht weggelaufen sind“, sagt Ute Schäfer. Aber jetzt können sie wieder kommen - zu Musik und mehr.

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