Auch in der Kita St. Hildegard in Limburg werden von der kommenden Woche an wieder mehr Kinder betreut. Dann wird Erzieherin Vanessa Jung sicherlich noch andere Kinder schaukeln dürfen.
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Auch in der Kita St. Hildegard in Limburg werden von der kommenden Woche an wieder mehr Kinder betreut. Dann wird Erzieherin Vanessa Jung sicherlich noch andere Kinder schaukeln dürfen.

Kinderbetreuung in Corona-Zeiten

Kitas im Kreis Limburg-Weilburg: Nur eine erweiterte Notbetreuung

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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    Rolf Goeckel
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Bürgermeister kritisieren die Landesregierung, weil Konzepte und Vorgaben fehlen. Zudem fallen viele Erzieherinnen aus.

Limburg -"Kinder dürfen nicht Verlierer der Corona-Pandemie werden", so lautet der Appell der Bürgermeister des Landkreises Limburg-Weilburg an den hessischen Sozialminister Klose (Grüne). Die Verwaltungschefs fordern Klose auf, darzulegen, wie eine möglichst weitgehende Öffnung der Kindertagesstätten "vor dem Hintergrund der nur sehr eingeschränkten Verfügbarkeit von Erzieherinnen und Erziehern, der mangelnden räumlichen Voraussetzungen und klaren Hygienevorgaben gehen soll", so die Sprecherin der Bürgermeister des Landkreises Silvia Scheu-Menzer (parteilos) aus Hünfelden.

Die von Klose angekündigte "eingeschränkte Regelöffnung" der Kitas ist aus Sicht der Bürgermeister höchstens eine "erweiterte Notbetreuung" - und dies, so Scheu-Menzer, "sollte auch den Eltern entsprechend kommuniziert werden, um keine falschen Erwartungen zu wecken". Insbesondere würden noch klare Vorgaben über Betreuungsschlüssel, Gruppengrößen und Verteilung der Restplätze ausstehen. "Die Last darf nicht ganz auf die Kommunen verlagert werden", sind sich Bürgermeisterin und Bürgermeister einig.

Mit einer "Quadratur des Kreises" vergleicht der Weilburger Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch (CDU) die Aufgabe, die Kinderbetreuung in den insgesamt 13 Kindergärten der Stadt zu organisieren. Da wäre es hilfreich gewesen, wenn das Land einen einheitlichen Richtwert erlassen hätte, wie viele Kinder pro Quadratmeter Fläche betreut werden dürfen. Bei der Verordnung über die Wiedereröffnung der Restaurants habe das Land gezeigt, dass es imstande sei, solche Richtwerte zu erlassen. Lediglich die Rangfolge der Kinder, die einen Anspruch auf Betreuung haben, sei vom Land festgelegt worden, moniert Hanisch.

Wie viele Kinder

pro Raum betreuen?

Alle Kommunen seien mit dem Problem konfrontiert, dass etliche Erzieherinnen nicht zur Verfügung stehen, weil sie zu einer der Corona-Risikogruppen gehören. Hanisch schätzt, dass etwa 15 Prozent der insgesamt 70 Erzieherinnen in den Weilburger Kitas - auch wegen Schwangerschaft oder Krankheit - aktuell nicht an Bord sind. Das Kernproblem aber sei: "Wie viele Kinder dürfen pro Raum betreut werden?" Hier orientierten sich die Kommunen derzeit nur an einem Richtwert des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, der etwa zwölf bis 13 Kinder pro Gruppe vorsieht. "Das bedeutet, dass wir es nicht schaffen werden, allen Kindern den täglichen Besuch einer Kita zu ermöglichen."Sie müssten also in einer Art "Schichtbetrieb" betreut werden, so Hanisch. Derzeit laufe daher eine Umfrage bei allen Eltern, um zu ermitteln, welche Eltern wann einen Betreuungsbedarf haben.

"Massive Probleme" sieht auch Hanischs Amtskollege Matthias Rubröder (CDU) aus Villmar. Derzeit würden in allen gemeindlichen Kitas Pläne ausgearbeitet, um möglichst vielen Eltern gerecht werden zu können. Klar sei aber jetzt schon: "Wir können nicht alle Kinder auf einmal aufnehmen." Dafür fehlten nicht nur die notwendigen Räumlichkeiten, sondern auch die nötige Zahl von Erzieherinnen. In Villmar gehörten zwischen drei und fünf Erzieherinnen zu einer Corona-Risikogruppe.

Zu "Irrungen und Wirrungen" hätten die Formulierungen des Sozialministeriums geführt, kritisiert der Erste Stadtrat von Hadamar Bernd Groh (parteilos), der zurzeit Bürgermeister Michael Ruoff (CDU) vertritt. Viele Eltern glaubten, dass vom 2. Juni an alles so sei wie vor der Coronakrise. "Das ist nicht der Fall", sagt Groh. Vorrang hätten beispielsweise Kinder, deren Eltern in "systemrelevanten" Berufen arbeiten, behinderte Kinder oder auch solche aus Problemfamilien, die unter Umständen vom Jugendamt benannt werden. Dies, so Groh, könne zu der unschönen Situation führen, dass Kinder möglicherweise wieder aus der Betreuung herausgeholt werden müssen, weil ein andere Vorrang hat.

Abstandsregeln

nicht einzuhalten

Kita-Koordinatorin Annika Meyer von der Katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Nepomuk, zuständig für Hadamar, Ahlbach und Obertiefenbach, geht derzeit von einer Gruppenstärke von zwölf Kindern statt bisher 25 aus. Sie hält es für ausgeschlossen, dass die Kinder die Abstandsregeln einhalten. "Kontakt der Kinder untereinander und zu den Erzieherinnen ist in einer Kita nicht zu verhindern", sagt Meyer. In den von ihr betreuten Kitas werde derzeit nach der Methode verfahren: "Möglichst viele Kinder kurz betreuen als nur wenige Kinder lang."

"Wir hätten uns konkretere Regeln, Hinweise und Empfehlungen von der Landesregierung gewünscht", sagt die zentrale Kita-Leiterin der Gemeinde Brechen, Ann-Kristin Bäbler. Auch dort vermisst man besonders eine klare Richtlinie, wie viele Kinder pro Quadratmeter betreut werden dürfen. "Die Politik und die Medien sprechen immer wieder von einem eingeschränkten Regelbetrieb, der ab der kommenden Woche stattfinden soll. Einen solchen Regelbetrieb wird es aber nicht geben. Es handelt sich vielmehr um eine erweiterte Notbetreuung", sagt Bäbler.

In Breche wolle man Schritt für Schritt zur Kita-Betreuung für alle zurückkehren. Nach Pfingsten kommen zunächst rund 50 Vorschulkinder zurück in die vier Einrichtungen der Kommune. "Sie werden aber nicht zu den gewohnten Zeiten betreut. Vielmehr dürfen sie erst einmal an ausgewählten Tagen für einige Stunden in die Kindertagesstätten", erklärt Bäbler. Alle anderen Mädchen und Jungen sollen ab dem 8. Juni die Gelegenheit bekommen, ihre Kitas zu besuchen. "Das geht aber auch nur sehr eingeschränkt. Den Eltern muss bewusst sein, dass es noch nicht möglich ist, alle Kinder täglich zu betreuen."

Limburg rechnet mit

deutlich höheren Zahlen

Auch der Limburger Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) teilt die kritische Einschätzung seiner meisten Kollegen. Limburg geht von einem wieder höheren Betreuungsaufwand aus. "Am Dienstag waren 292 Kinder in der Notbetreuung (von circa 1400 bis 1450 Kindern)", teilt die Sprecherin der Stadt, Anna-Sophie Schindler mit. "Das werden mit Sicherheit jetzt deutlich mehr werden." Die Stadt werde mit allen neun Trägern der rund 20 Einrichtungen ein Gespräch führen. Die Verordnung sowie die Hygieneempfehlungen des Landes seien erst am Mittwoch gekommen. "Die Träger müssen dann mit ihren jeweiligen Kitas die Empfehlungen auf Umsetzung in der konkreten Einrichtung prüfen."

"Wir fühlen uns ziemlich allein gelassen. Der Schwarze Peter wird vom Land an die Kommunen weitergereicht", sagt Bad Cambergs Bürgermeister Jens-Peter Vogel (SPD). Auch er hätte sich konkretere Regelungen gewünscht. "Außerdem wäre es für die Kommunen besser gewesen, wenn das Land die Empfehlungen früher veröffentlicht hätte." Der eingeschränkte Regelbetrieb startet in den Bad Camberger Kitas ebenfalls am kommenden Dienstag. Zunächst werden die Heranwachsenden in Kleingruppen betreut. Eine Gruppe besteht aus maximal zwölf bis 15 Kindern und jedes Gruppenmitglied hat zwei feste Betreuungstage. Mädchen und Jungen, die bereits die Notbetreuung in Anspruch genommen haben, werden auch weiterhin in diesem Gruppenverband betreut.

Rund 90 Vorschulkinder der Gemeinde Hünfelden dürfen ab Dienstag wieder stundenweise in ihre Kitas. Etwa 65 Erzieherinnen arbeiten in den sieben Einrichtungen. "Wir geben unser Bestes, um möglichst vielen Jungen und Mädchen die Gelegenheit zu geben bald wieder mit ihren Freunden, in den Kindergärten zu spielen", sagt Bürgermeisterin Scheu-Menzer. Vorrang haben weiter Kinder, die eine Notbetreuung dringend benötigen.

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