Justitia_060919_4c_29962_28
+
Am zweiten Verhandlungstag sagten eine Kinderärztin und die rechtsmedizinische Gutachterin aus.

Zweiter Verhandlungstag

Klare Belege für ein Schütteltrauma

Limburg: Prozess um Baby-Misshandlung in Merenberg: drei mögliche Tatabläufe.

Limburg -Hat ein heute 33-jähriger Deutscher im Sommer 2017 das vier Wochen alte Baby seiner Lebensgefährtin so geschüttelt, dass es in Lebensgefahr geriet und irreparable Hirnschäden davontrug? So jedenfalls stellt es die Staatsanwaltschaft in der Anklage dar. Doch könnte auch die Mutter das Baby misshandelt haben, kurz bevor den älteren Bruder in den Kindergarten brachte. Beide weisen alle Schuld von sich. Sie vermuten vielmehr, dass dem Kind, das als Frühchen zur Welt kam und das noch eine Weile im Krankenhaus bleiben musste, in der Klinik etwas zugestoßen sei, was sich erst später in Symptomen zeigte. Die Zweite Große Strafkammer am Landgericht Limburg steht vor der schwierigen Aufgabe, einen Tatablauf zu klären, der mehr als drei Jahre zurück liegt.

Der Angeklagte hatte erklärt, dass die Kleine am Morgen des 29. August 2017 in Merenberg noch normal getrunken habe, dann aber plötzlich blau anlief und röchelte. Nach einer Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage hätte sich der Zustand fast normalisiert. Er hatte das Baby nur als schlapp empfunden. Am Folgetag krampfte die Kleine, woraufhin sie ins St.-Vincenz-Krankenhaus gebracht wurde. Bei einer Ultraschalluntersuchung vermuteten die Mediziner Hirnblutungen und verlegten das Kind nach Wiesbaden.

Die als Zeugin geladene Kinderärztin der Horst-Schmidt-Kliniken sagte, dass man bei einer MRT-Untersuchung Blutungen im Hirn entdeckt habe. "Da denkt man als erstes an ein Schütteltrauma", sagte sie. Allerdings hätte auch eine angeborene Stoffwechsel- oder Gerinnungsstörung dafür verantwortlich sein können. Der Misshandlungsverdacht erhärtete sich durch eine augenärztliche Untersuchung. Deutliche Einblutungen am Augenhintergrund seien ein ganz typisches Verletzungsmuster bei einem Schütteltrauma. Bei Gesprächen mit der Kindsmutter und ihrem Freund erfuhr die Kinderärztin vom Verschlucken und der Laien-Reanimation. "Es hat mich doch sehr überrascht, dass für ein vier Wochen altes Baby in einer solchen Notsituation kein Arzt oder Rettungswagen gerufen worden ist."

Richter Andreas Janisch wies auf die abweichenden Einlassungen des Angeklagten und der Mutter hin. Der 33-Jährige hatte erklärt, dass Baby habe sich schon lange vor dem Krampfanfall auffällig verhalten, die Mutter hingegen fand alles ganz normal. Dies lasse drei mögliche Tatabläufe erkennen: Entweder habe der Mann das Kind geschüttelt und versucht, die Tat zu verschleiern, indem er vom Verschlucken und der Reanimation sprach. Oder die Mutter war es, bevor sie aus dem Haus ging. Denkbar wäre auch, dass sich das Kind tatsächlich verschluckt hatte und blau wurde. Dann wäre das Schütteln vielleicht eine Kurzschlusshandlung im Sinne von "nun wach doch endlich auf".

Die rechtsmedizinische Gutachterin hat MRT-Bilder ausgewertet. Sie erkannte großflächige Einblutungen unter der Hirnhaut und am zum Übergang zum Rückenmark. Das führe zu Schwellungen und Sauerstoffmangel im Gehirn, so dass Zellen absterben. Zusammen mit den Befunden des Augenarztes seien dies klare Belege für ein Schütteltrauma. Auch wenn die Misshandlung meist nur wenige Sekunden dauere und von außen selten etwas zu sehen sei, sind die Folgen dramatisch, oft sogar tödlich. So wird das kleine Mädchen aufgrund ihrer schweren Behinderung niemals ein normales Leben führen können. Kerstin Kaminsky

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare