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Warten gespannt auf die Entscheidung: Hans-Martin G. mit seinem Verteidiger Dr. Frank Seebode.

Urteil

Knapp vier Jahre Haft für Ex-Chef der Volksbank Langendernbach

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Der Ex-Chef der Volksbank Langendernbach ist gestern wegen Untreue in 116 Fällen und eines Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Die Kammer bewertete das Verhalten von Hans-Martin G. nach dem Auffliegen des Millionenbetrugs positiv.

Gespannt verfolgen alle Beteiligten die Urteilsverkündung. Der Angeklagte verzieht keine Miene, als er um 14.27 Uhr das Strafmaß hört. Im Zuhörerraum atmen Familienmitglieder auf, andere Besucher schütteln enttäuscht den Kopf. Und am Ende lachen die Protagonisten im Saal 104 des Landgerichts sogar herzhaft: „Auf Wiedersehen“ sagt Staatsanwalt Andreas Karl zum 63-Jährigen beim Handschlag. „Oh, besser nicht, „schiebt er gleich hinterher. „Also Tschüss“.

Hans-Martin G. spricht danach mit Frau und Kindern. Er kann Weihnachten im Kreis der Familie feiern; erst im neuen Jahr muss er ins Gefängnis. Voraussichtlich für etwa zweieinhalb Jahre, denn jeder, der ihn im Prozess erlebt hat, setzt eine vorzeitige Entlassung wegen guter Führung voraus.

Staatsanwalt fordert viereinhalb Jahre Haft

Auf Anfrage dieser Zeitung will der Siegerländer sich nicht zum Urteil äußern. „Ich bin nicht unzufrieden“, sagt sein Verteidiger Dr. Frank Seebode. Er plädierte morgens für eine Strafe, „die drei Jahre nicht überschreitet.“ Oberstaatsanwalt Markus Weimann hätte vorne gerne eine vier gesehen, sagt er uns. Im Plädoyer forderte er viereinhalb Jahre. Aufgrund des Verlaufs der zehn Verhandlungstage dürfte es unwahrscheinlich sein, dass eine der beiden Seiten in Revision geht.

Der Vorsitzende Richter Peter Scherer fasst sich in der mündlichen Urteilsbegründung relativ kurz. Er erklärt die Position von G. im Vorstand der Volksbank Langendernbach (von 1992 bis November 2014) und sagt, G. sei sozial gut integriert gewesen und habe keinen ausschweifenden Lebensstil geführt. „Unwucht“ in sein Leben kam laut Scherer Anfang 2000 durch Schulden von knapp zwei Millionen Mark aufgrund von Spekulationsverlusten.

Die 1. Große Wirtschaftsstrafkammer: Vorsitzender Peter Scherer mit seinen Kolleginnen Dr. Helen Hetterich (links) und Sandra Schmidt.

Der Richter: Dem Anlageexperten der Voba droht die Privatinsolvenz. Er nutzt seine Stellung dergestalt aus, dass er 78 wohlhabende Kunden und andere mit günstigen Konditionen für festverzinslicher Anleihen lockt. Die Anlagegeschäfte existieren jedoch nur auf dem Papier von G. Mit dem Geld kauft er bis Oktober 2014 insgesamt 108 Objekte mit 610 Wohneinheiten. Hans-Martin G. richtet zu Hause eine Barkasse ein, um die Zinsen zu bedienen und eine Reserve für den Fall zu haben, dass ein Kunde das Geld ausgezahlt haben will. Mit den Mieteinnahmen tilgt G. seine Schulden, macht aber trotzdem weiter. Das System in der Bank hatte sich verselbstständigt. Der Vorstand weiß, dass seine Bank gegenüber den Kunden haften muss, weil diese aufgrund der raffiniert gefälschten Dokumente dachten, mit ihren Anleihen sei die Voba betraut.

Angeklagter trägt maßgeblich zur Aufklärung der Fälle bei

Scherer beziffert den Nominalbetrag der 116 Untreue-Fälle auf rund 4,5 Millionen Euro. Der Staatsanwalt hatte den Schaden auf 4,9 Millionen Euro addiert. In der Anklage standen zunächst 176 Punkte mit einer Schadenssumme von mehr als acht Millionen; Hans-Martin G. hatte vor vier Jahren ein notarielles Schuldanerkenntnis über 9,8 Millionen Euro abgegeben. Mehrere Taten waren verjährt, und am Dienstag nahm die Kammer alle Wiederanlagen aus der Anklage.

Der Vorsitzende Richter spricht von einem untypischen Wirtschaftsstrafverfahren und erläutert: „Der Angeklagte hat maßgeblich zur Aufklärung beigetragen. Die meisten Tathergänge beruhen auf seinem Geständnis. Er ist nicht vorbestraft, bereut sein Handeln, hat sich bei jedem dafür entschuldigt, die Verantwortung dafür übernommen und nachhaltige Schadenswiedergutmachung betrieben.“

Ex-Chef der Volksbank Langendernbach zeigt hohe kriminelle Energie

Alle 78 Kunden haben ihr Geld inklusive hoher Zinsen zurückbekommen, alle Immobilien sind verwertet worden; unterm Strich bleibt ein Schaden von rund 1,5 Millionen Euro für die Rechtskosten der Voba. Dem Täter-Opfer-Ausgleich stehen nach Angaben der Kammer die erhebliche kriminelle Energie und das gewerbsmäßige Handeln über einen längeren Zeitraum gegenüber. G. muss die Kosten des Verfahrens und seine Auslagen tragen.

Oberstaatsanwalt Weimann bezeichnet den Angeklagten als „Bankräuber in der Bank“ und prangert das Vorgehen unter dem Dach des Arbeitgebers an. Er erklärt das „perfide Betrugssystem“ und die Pflichtwidrigkeiten.

Die Staatsanwälte Markus Weimann (links) und Andreas Karl kurz vor ihren Plädoyers.

Verteidiger Dr. Frank Seebode sagt, es sei unbegreiflich, dass die Betrügereien so lange nicht aufgeflogen sind. Sein Mandant habe nicht aus Eigennutz oder Gier gehandelt, sondern aus einer Notsituation heraus und das Geld nicht in die Schublade gelegt oder für Luxus verwendet, sondern durch Immobilienkäufe die Einnahmen verbessert.

In seinem „letzten Wort“ sagt Hans-Martin G.: „Was ich getan habe, ist nicht zu erklären. Ich habe Gelder unterschlagen, Menschen belogen und Vertrauen missbraucht. Das tut mir alles unendlich leid, aber ich kann es nicht mehr ändern.“

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