Interview

Krebsarzt Thomas Neuhaus: Die Arbeit ist belastend und toll

Wie verkraftet man den permanenten Umgang mit Krebskranken? Und was bedeutet es dabei, das Leiden aus eigener Erfahrung zu kennen? Auf diese Fragen von Joachim Heidersdorf hat der neue Ärztliche Direktor und Chefarzt der Onkologie des St. Vincenz-Krankenhaus Professor Dr. Thomas Neuhaus sehr persönlich und offen geantwortet.

Sie haben täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Krebskranken zu tun. Wie schaffen Sie das psychisch?

NEUHAUS: Dieser Beruf ist deutlich weniger belastend, als dies gemeinhin vermutet wird. Zwar haben wir Onkologen es in der Tat zumeist mit Patienten zu tun, die schwer erkrankt sind und die wir nicht werden heilen können, aber nicht zuletzt dank der modernen Entwicklungen in der Tumorforschung begleiten wir viele Patienten über Monate und Jahre. Und so entsteht und entwickelt sich ein Verhältnis, das es mit sich bringt, dass beispielsweise oftmals auch über Privates gesprochen wird. Das funktioniert nicht nur in eine Richtung; nein, auch wir Ärzte bekommen von den Patienten und ihren Angehörigen, auf verschiedenen Ebenen, sehr viel zurück.

Ein schwieriger Spagat?

Um eine objektive, professionelle Entscheidung treffen zu können, benötige ich eine gewisse emotionale Distanz zum Patienten, darf jedoch zugleich nicht distanziert sein. Und doch gibt es, bei aller Professionalität, immer wieder Patienten und Verläufe, die einem sehr nahe gehen; hier stellen die Familie, Freunde und das kollegiale Umfeld in der Klinik eine große Hilfe dar, um dies zu verarbeiten.

Und wie verkraften Sie das physisch? Sie machen ja kein Geheimnis aus Ihrem Krebsleiden – und im Krankenhaus sieht jeder, dass Sie sich nicht schonen, sondern sich für Ihre Patienten aufopfern.

Hier darf ich Sie erfreulicherweise korrigieren – ich bin, zumindest zurzeit, krebsfrei. Wie viele meiner Patienten muss auch ich regelmäßige Kontrollen, die sogenannte Nachsorgeuntersuchungen, durchführen lassen, und bisher sieht es gut aus, was, ehrlich gesagt, zwischenzeitlich überhaupt nicht zu erwarten war. Ich habe schlicht sehr großes Glück gehabt, und einen starken irdischen wie überirdischen Beistand. Ich denke, dass der Begriff „aufopfern“ definitiv zu weit geht; ich kenne viele Menschen, die in ihrem Beruf deutlich mehr leisten als nur das zwingend Erforderliche. Aber, das stimmt schon, es ist kein 9-to-5-Job, und, ja, es bleibt vieles auf der Strecke. So „glänze“ ich bedauerlicherweise, um nur ein Beispiel zu nennen, bei den Treffen meiner Lions-Freunde vor allem durch Abwesenheit, und auch die schon sehr beachtliche Toleranz meiner Frau erreicht gelegentlich (und völlig zu Recht) ihre Grenzen.

Mit diesem Einsatz setzen Sie aber auch Ihr Team unter Druck – oder?

Ich arbeite in und mit einem Team, das des Öfteren an seine Grenzen geht. Das gilt vor allem für meine Oberärzte, die Pflege und die Mitarbeiter in der Ambulanz, aber auch nicht minder für alle anderen ärztlichen wie nicht-ärztlichen Kollegen, die hier im Vincenz für unsere Patienten tätig sind. Ich glaube sagen zu dürfen, dass das „Wir“ bei uns großgeschrieben wird. Daraus resultiert ein gegenseitiges Motivieren und in der Folge ein hohes Engagement aller – hier muss ich selbst gar nichts dazutun. Meine Aufgabe als Chef ist es vielmehr auch zu erkennen, wenn – psychisch oder physisch – die eben genannte Grenze der Belastung und der Belastbarkeit überschritten ist, und hier sollte ich vielleicht ab und an noch etwas aufmerksamer werden.

Wie wichtig sind Ihre eigenen Erfahrungen für die Behandlung und den Umgang mit den Schwerkranken?

Nun, leider nicht erst mit der eigenen Erkrankung hatte ich Erfahrung mit dem Krebs machen müssen. Auch meine Mutter war hiervon betroffen. Sie ist nach 13 langen Jahren Kampf im Alter von nur 48 Jahren an den Folgen ihres Tumorleidens verstorben, und das hat mich in meinem beruflichen Werden sicherlich mehr beeinflusst als die eigene Krebserkrankung. Diese hat jedoch dazu geführt, dass ich mich, so glaube ich zumindest, vielleicht etwas besser in meine Patienten hineinversetzen kann. So weiß ich beispielsweise genau, wie es sich anfühlt, wenn man auf einen im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtigen CT- oder Punktions-Befund wartet, und ich weiß, welch großer Bedeutung gerade bei einer so schwierigen und vielschichtigen Erkrankung einem engen Vertrauensverhältnis zu seinem Arzt zukommt. Eine unserer vorrangigen Aufgaben ist es daher, dieses Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Ich habe, auch aus der Perspektive desjenigen, der als Patient auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt, erkannt, welch tollen und wichtigen Beruf wir haben, und ich bin sehr dankbar, ihn weiter ausüben zu können.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare