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Krisen fordern Wirtschaft und Politik

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Von: Sebastian Semrau

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Beim Jahresempfang der IHK (von links): Hauptgeschäftsführerin Monika Sommer, bundesbester Azubi Janis Wüst, Limtronik-Geschäftsführer Gerd Ohl, Gastredner Prof. Achim Wambach und IHK-Präsident Ulrich Heep.
Beim Jahresempfang der IHK (von links): Hauptgeschäftsführerin Monika Sommer, bundesbester Azubi Janis Wüst, Limtronik-Geschäftsführer Gerd Ohl, Gastredner Prof. Achim Wambach und IHK-Präsident Ulrich Heep. © ©2022 Fotostudio Sascha Braun,

Jahresempfang der Industrie und Handelskammer Limburg nach mehr als zwei Jahren wieder in Präsenz.

Limburg -Einen Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg in Präsenz hatte es seit Ende November 2019 nicht mehr gegeben. Doch am Dienstagabend war es in der Limburger Stadthalle endlich wieder soweit - wenn auch mit geringerer Gästezahl und 3 G-Regel. "Unser Jahresempfang lebt vor allem von der Nähe und dem persönlichen Austausch der Menschen. Deshalb freut es mich sehr, dass wir uns heute hier wieder begegnen können", sagte IHK-Präsident Ulrich Heep, der als Gastredner den Präsidenten des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Prof. Achim Wambach, begrüßen konnte.

Doch vor den Ausführungen des Wirtschaftswissenschaftlers (siehe Text unten) und den anschließenden Gesprächen in lockerer Atmosphäre galt es für Ulrich Heep, Bilanz zu ziehen und die Forderungen und Wünsche der rund 13 500 Mitgliedsunternehmen im Landkreis Limburg-Weilburg zu formulieren. "Die Wirtschaft in der Region steht, wie die in ganz Deutschland, aktuell vor enormen Kraftanstrengungen", sagte der IHK-Präsident. Nach wie vor seien viele Unternehmen von der Corona-Krise und ihren Folgen betroffen.

Als er dann auf den "russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine" einging, zeigte sich Ulrich Heep sichtlich mitgenommen. "Das macht mich sehr betroffen und steht über allen wirtschaftlichen Folgen", verwies er auf die Opfer von Gewalt und Zerstörung. Viele Menschen verlören durch den schrecklichen Krieg ihr Zuhause. "Ihnen gilt unser uneingeschränktes Mitgefühl." Der IHK-Präsident forderte auch zur Hilfe auf und sagte: "Ich bin stolz, dass unsere Unternehmen dies tun."

Mehr Tempo und

Zuversicht benötigt

Ulrich Heep ging aber auch auf die Wünsche der Wirtschaft an die Politik ein. Denn schon vor Kriegsausbruch habe Deutschland das schwächste Wachstum im Euroraum ausgewiesen. "Wir brauchen mehr Tempo und Zuversicht als Bedenken und Bremsen." Denn die von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) genannte Zeitenwende gelte nicht nur geo- und sicherheitspolitisch, sondern auch für die Weltwirtschaft. Anschließend nannte Heep konkrete Forderungen der Wirtschaft im Kreis Limburg-Weilburg und was die IHK Limburg tut. Dies sind:

Fachkräftesicherung: "Als großes Risiko für ihre Entwicklung sehen es auch viele heimischen Unternehmen, wenn sie offene Stellen nicht besetzen können", sagte Ulrich Heep. Auch wenn sich die Region Limburg-Weilburg als Unternehmensstandort mit ihrem Arbeitsplatzangebot für Fachkräfte positiv entwickelt habe, plädierte er für eine weiter verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, qualifizierte Einwanderung und auch die Integration Geflüchteter. Dazu gehöre auch die nächsten beiden Punkte:

Berufliche Bildung: Diese muss laut Ulrich Heep weiter gestärkt und das Bewusstsein für die Gleichwertigkeit mit der akademischen Bildung vermittelt werden. Dazu brauche es eine attraktive Berufsschullandschaft mit betriebs- und wohnortnahen Schulstandorten. Positiv aus Heeps Sicht: "Mit der Novellierung der Kriterien für die Standorte von Fachklassen an Berufsschulen in Hessen ergeben sich für unsere Region neue Möglichkeiten." Corona habe aber zuletzt den üblichen Weg - Azubi-Börsen, Schnuppertage und physische Bewerbungsgespräche - oft verhindert. Und auch wenn die Zahl der Ausbildungsverträge in der Region 2021 im Vergleich zum ersten Corona-Jahr um zehn Prozent gestiegen sei, betonte der IHK-Präsident: "Die zentrale Frage des Ausbildungsmarkts lautet nicht, wie noch mehr Ausbildungsplätze gewonnen werden können, sondern wie aus einem Schulabgänger ein Bewerber wird." Dazu gebe es von der IHK Limburg zahlreiche Angebote, etwa den "Tag der Ausbildung" oder die Kampagne "Gönn Dir eine Ausbildung in Limburg-Weilburg" der OloV-Steuerungsgruppe mit zahlreichen weiteren Akteuren. Erstmals gibt es einen "Tag der Betriebe". Heep verwies zudem auf Studium Plus, das duale Studienangebot der Technischen Hochschule Mittelhessen, und das Projekt "Robotik im Schulalltag", das in den Grundschulen ansetzt.

Weiterbildung: "Wichtig für die Fachkräftesicherung ist nicht zuletzt auch das lebenslange Lernen der einzelnen Fachkräfte", sagte Heep. Die innovativsten Unternehmen will die IHK Limburg zukünftig bei ihrem Jahresempfang auszeichnen und startet daher einen Wettbewerb.

Klimaschutz- und Energieeffizienz: "Die Energiewende wird vor allem dann ein Erfolg, wenn die Unternehmen Partner im Transformationsprozess sind", sagte Ulrich Heep. Dazu benötige es aber Handlungsspielräume.

Verwaltung: Diese müsse modernisiert werden, forderte Ulrich Heep. Dazu gehöre auch ein Abbau von Bürokratie. "Noch immer macht den Betrieben die aus ihrer Sicht nicht enden wollende Vorschriftenflut zu schaffen."

Steuern: Der IHK-Präsident plädierte für eine Unternehmenssteuerreform (die letzte liegt 13 Jahre zurück). Sie solle auf international wettbewerbsfähigem Niveau liegen. "Das würde das Wirtschaftswachstum stärken und damit mittel- und langfristig auch für steigende Steuereinnahmen des Staates sorgen." Steuererhöhungen seien hingegen kontraproduktiv. Auch von den Kommunen forderte er Augenmaß. Klar sei dabei auch: "Je solider die Finanzen der Kommunen sind, desto größer ist ihre Gestaltungskraft - auch für einen attraktiven Wirtschaftsstandort."

Verkehrsprojekte: Hier dauere die Umsetzung nach wie vor viel zu lange, sagte Ulrich Heep. Er plädierte erneut für eine Südumgehung in Limburg und betonte die Ablehnung von Diesel-Fahrverboten in Limburg. Zudem forderte er die Freigabe der B 49 zwischen Limburg und Löhnberg als Kraftfahrstraße.

Ortszentren und Innenstädte: Sie seien durch den zunehmenden Online-Handel geschwächt. Ulrich Heep setzt auf einen guten Mix aus Handel, Dienstleistungen und Gastronomie und plädiert für bis zu vier verkaufsoffene Sonntag pro Jahr ohne Anlassbezug. Die geplante Erweiterung des Factory-Outlet-Centers in Montabaur findet er "nicht hilfreich".

Gewerbe- und Industrieflächen: Wirtschaft brauche Fläche, betonte Ulrich Heep die Position der IHKs zum Regionalplan Mittelhessen. Positiv sei, dass dieser erstmals ein Gewerbeflächenkonzept enthalte. Kommunen könnten so schneller auf Anfragen von Betrieben reagieren.

Digitalisierung: Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur sei nötig, sagte der IHK-Präsident. "Daher sollte diese noch konsequenter mit Glasfaser ausgebaut werden." Die heimische Region sei beim Breitbandausbau - auch dank des Engagements des Landkreises sowie der Städte und Gemeinden - als Vorreiter gut aufgestellt. Die IHK unterstütze Unternehmen bei der Digitalisierung und nutze auch selbst deren Chancen.

Offene Märkte: "Die stark internationalisierte deutsche Wirtschaft ist auf offene Märkte und gute Regeln für Handel und Investitionen angewiesen", sagte Ulrich Heep. Ein freier Welthandel sei entsprechend wichtig. Der IHK-Präsident forderte eine Modernisierung der WHO und eine entsprechende EU-Handelspolitik. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz hingegen sei eine bürokratische Belastung.

Einfuhrzoll auf russisches Gas

als mögliche Lösung

Prof. Achim Wambach leitet seit dem Jahr 2016 das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, eines der führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstitute. Unter anderem berät er auch das Bundeswirtschaftsministerium und die baden-württembergische Landesregierung. Für seinen Vortrag bei der IHK Limburg musste er angesichts der aktuellen Entwicklungen den Titel noch kurzfristig in "Europa unter Stress: Krieg, Pandemie, Klimawandel" ändern.

Beim Umgang mit Russland kritisierte Achim Wambach Studien, die die ökonomischen Folgen eines Energieembargos für Deutschland als nicht größer als den Einbruch durch die Corona-Pandemie beschreiben. Ihm geht es dabei vor allem um die Gas-Lieferungen. Bei einem Embargo könnte es zu einer Rationierung kommen. "Dann bricht die Industrie zusammen", sagte der Wissenschaftler. Er plädiert dafür, selbst wenn ein kompletter Lieferstopp käme, die Marktkräfte wirken zu lassen und etwa an die zu zahlen, die Energie einsparen. Befürworten würde er aber vielmehr einen Einfuhrzoll auf russisches Gas. "Da gibt es gute Argumente dafür", sagte er und zählte auf: Geringere Gewinne für Russland, Variierungsmöglichkeiten, Einnahmen für den Staat und steigende Attraktivität für Alternativen, weil das russische Gas teurer wird. "Das wäre ein Sicherheitsaufschlag", sagte Achim Wambach.

Vor allem sieht er die Politik gefordert, die nun den Winter vorbereiten müsse. Zudem müsse jetzt eingespart, und die Speicher müssten gefüllt werden.

Eine Folge des Kriegs und der Pandemie ist aus Achim Wambachs Sicht auch, dass es eine stärkere Diversifizierung geben müsse. "Wir wollen raus aus Abhängigkeiten", sagt er. Auch beim Thema China werde diese Frage schon seit drei Jahren gestellt. Die Regierung solle diese Diversifizierung durch mehr Handelsverträge mit mehr Partnern unterstützen.

Ein großes Problem sieht Achim Wambach in der Inflationsdynamik. Die habe es schon vor Kriegsbeginn gegeben. "Die Wirtschaft wuchs und die Energiekosten stiegen." Ein Grund sei das geänderte Konsumverhalten, das mehr auf Güter als auf Dienstleistungen angelegt sei. Der Wirtschaftswissenschaftler geht angesichts dieser Situation auch davon aus, dass es in diesem Jahr noch erste Zinsschritte der Europäischen Zentralbank geben wird.

Insgesamt ist Achim Wambach aber gar nicht so skeptisch auch wenn die Finanzmarkt-Experten dies für die nächsten sechs Monate anders sehen. Durch die Corona-Krise sei Deutschland gut hindurchgekommen, es gebe nicht mehr Arbeitslose und sogar weniger Insolvenzen. Gezeigt habe sich etwa, dass eine Mehrwertsteuersenkung wirkt. "Die Preise wurden tatsächlich gesenkt." Achim Wambach betont zudem: "Der Wohlstand wäre ohne den Krieg höher. Aber wird sind nach wie vor auf einem Wachstumspfad."

Zudem gebe die aktuelle Situation "einen Boost für die Klimapolitik". Der Zeitpunkt für das "Osterpaket" der Bundesregierung etwa zur schnelleren Genehmigung sei günstig gewesen.

Bundesbester Auszubildender

ausgezeichnet

Beim IHK-Jahresempfang ist Janis Wüst erneut ausgezeichnet worden. Der Dornburger war im vergangenen Jahr bundesweit der besten Absolvent im Beruf Industrieelektriker - Fachrichtung Geräte und Systeme. Geschenke, einen Pokal und Urkunden erhielten er und der Geschäftsführer seines Ausbildungsunternehmens Limtronik, Gerd Ohl, von IHK-Präsident Ulrich Heep und Hauptgeschäftsführerin Monika Sommer. "Von den 96 Landesbesten in der Ausbildung stammen sechs aus der Region Limburg-Weilburg. Einer von ihnen gehört zu den 223 Bundesbesten", sagte Heep und verwies auf eine Ehrung bereits Ende vergangenen Jahres. Für Limtronik war Janis Wüst bereits der vierte bundesweit beste Auszubildende. Heep verwies auch auf das "Teamwork", das für einen solchen Erfolg notwendig ist. Dazu gehörten neben dem Auszubildenden selbst die Betriebe, Ausbilder und Berufsschulen. ses/FOTOs: fotostudio sascha braun

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