Prozess in Limburg

Langjähriger Bankdirektor steckt 8 Millionen in Jackentasche

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In dem seit vier Jahren mit Spannung erwarteten Prozess wegen Untreue in 176 Fällen hat der Ex-Vorstand der Volksbank Langendernbach gestern alle Taten gestanden. „Ich bereue und schäme mich zutiefst“, sagte Hans-Martin G. Der 63-Jährige erklärte, warum er auf die schiefe Bahn geraten ist und wie er nicht nur seine Kunden, sondern auch seine Mitarbeiter betrog.

Was Hans-Martin G. mit den fast zehn Millionen Euro gemacht hat, die er von 78 Kunden der Volksbank Langendernbach für vermeintlich lukrative Anlagegeschäfte kassierte und für eigene Zwecke verwendete, ist seit November 2014 bekannt: Er kaufte insgesamt 108 Immobilien mit 600 Wohnungen.

Seitdem rätselten Freunde, Ex-Kollegen, betrogene Kunden und Ermittler, was den Mann angetrieben hat. Gestern liefert er vor der 1. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts die Erklärung: „Ich habe mich an der Börse verzockt“, sagt G. Ende der 90er Jahre habe das Unglück seinen Lauf genommen. Der Experte, der in der Voba auch für Wertpapiergeschäfte verantwortlich war, klagt über einen Verlust zwischen 1 und 1,5 Millionen Mark: im wesentlichen gespartes Geld, außerdem Kredite von Banken und Darlehen von Freunden. Immer riskantere Anlagen trieben ihn immer tiefer in den Sumpf, wie er sagt. „Ich brauchte eine dauerhafte Entlastung.“ Als einzigen Ausweg sah der Banker die Einnahmen durch Immobilien, die er mit dem Geld von Kunden finanzierte.

Der 63-Jährige kommt um Punkt neun mit seinem Kölner Verteidiger Dr. Frank Seebode in den Schwurgerichtssaal – als freier Mann. Weil er gestanden, alle Vermögenswerte übertragen und an der Aufklärung mitgewirkt hat, sahen die Strafverfolger keine Fluchtgefahr. Der schwergewichtige Mann mit Halbglatze und grauem Schnäuzer „flüchtet“ auch nicht vor Fernsehkameras und Pressefotografen. Im Gegensatz zu vielen Angeklagten verbirgt er nicht sein Gesicht, lässt sich bereitwillig filmen und fotografieren. Die blaue Weste zieht der Siegerländer schnell aus, darunter trägt er ein hellblaues kurzärmeliges Hemd. Wie ein gerissener Verbrecher wirkt er nicht; auf den ersten Blick eher träge und gutmütig – und vertrauensvoll. . ..

Als Staatsanwalt Andreas Karl 80 Minuten lang die Anklage verliest, setzt G. sich die Brille auf, verfolgt aufmerksam jeden Vorwurf und Zahlungsvorgang. Ab und zu nickt er zustimmend, insgesamt bleibt er ruhig. Karl listet detailliert 178 Fälle, davon 69 schwere, zwischen dem 28. Dezember 2009 und dem 11. August 2014 auf – mit Bargeschäften zwischen 9300 und 436 000 Euro.

Nach zwei Stunden geht der langjährige Bankdirektor (1992 bis 2014) dann gnadenlos mit sich selbst ins Gericht. Der Betrüger will nichts beschönigen, sondern sich nur noch entschuldigen: Bei seinen Kunden und Kollegen, bei Familie und Freunden.

Es vergehe kein Tag und keine Nacht, an dem er sein Tun nicht bereue und sich nicht dafür schäme. „Ich muss Menschen um Verzeihung bitten für mein unverzeihliches Handeln. Ich habe ihr

Vertrauen missbraucht

“, sagt G. Er stehe heute vor einem großen Scherbenhaufen und sei nicht in der Lage, diesen wegzuräumen. Besonders schmerze ihn, dass er durch sein christliches Wirken nicht zur Einsicht gefunden und stattdessen christliche Werte in den Schmutz gezogen habe.

Der langjährige Gemeindeälteste der Freien evangelischen Gemeinde in seinem Heimatort, der sich auch in der Diakonie engagierte und aktiver Feuerwehrmann war, berichtet von zwei Seiten im Leben – auf der einen der korrekte und seriöse Bankvorstand, der sich für die Gemeinschaft einsetzte, und auf der andere der Mensch, der Kunden betrogen hat.

„Das hat eine Spirale in Gang gesetzt, die mir mehr und mehr über den Kopf wuchs“, sagt G. Durch seine Geschäfte habe sich eine Bank in der Bank entwickelt, von der aber niemand in der Voba etwas geahnt habe.

Der Ex-Chef betont mehrfach, dass er niemanden schädigen wollte. „Ich habe bis zum Schluss an ein gutes Ende geglaubt und war überzeugt, jedem sein Geld zurückzugeben. Eine Illusion, die ich verdrängt habe.“

G. erklärt, warum er immer mehr Immobilien kaufte. „Anlass waren gute Erfahrungen mit einem Mehrfamilienhaus in Jena, das eine Rendite zwischen 12 und 14 Prozent brachte“. Weitere vergleichbare Objekte im Osten sollten ähnliche hohe Gewinne in seine Kasse spülen und die Rückzahlungen an die Kunden ermöglichen. 85 Prozent des Kaufpreises finanzierte er durch Bankdarlehen, den Rest mit Kundengeldern als Eigenkapital.

Und er erklärt weiter, wie er das Bargeld seiner Kunden im wahren Sinn des Wortes in die eigene Tasche steckte statt es, wie vereinbart, für lukrative Anlagen nach Luxemburg zu transferieren. „Ein paar Tage vor dem Termin habe ich die gewünschte Summe geordert. Der Kunde saß dann bei mir im Büro und hat den Auszahlungsbeleg unterschrieben. Damit bin ich an die Kasse, habe das Geld in bar abgehoben und auf dem Rückweg ins Büro in die Jackentasche gesteckt“, sagt G. Dem Kunden gab er den Auszahlungsbeleg und versprach ihm, die Auftragsbestätigung zu schicken.

Weil er dafür Papiere fälschte, flog der Schwindel jahrelang nicht auf. G. druckte Dokumente für damals schon verbotene „Tafelgeschäfte“ (Papier für Geld) aus und schob sie einem Voba-Mitarbeiter zur Unterschrift unter. Der Angeklagte gibt zu, dass er damit das Vertrauen in den Chef ausgenutzt hat. „Ich habe immer einen günstigen Moment abgewartet, in dem der Mitarbeiter unter Zeitdruck stand, und habe meinen Beleg zwischen drei oder vier andere gelegt. Der ist dann blind unterschrieben worden.“ Die Kammer vernimmt’s verwundert. . .

Zwischen 50 000 und

150 000

Euro hatte G. nach eigenen Angaben stets in bar zu Hause, um Zinsen auszahlen zu können – ebenfalls grundsätzlich in bar. „Ich habe nie etwas überwiesen.“ Der Banker hat genau Buch geführt und den durch ihn angerichteten Schaden auf 9,8 Millionen Euro beziffert. In der Anklage geht es um einen Betrag von 8,03 Millionen Euro, der der Volksbank als Schaden entstanden ist. Dies kommt daher, weil verschiedene Taten strafrechtlich verjährt sind.

Opfer sind fast ausschließlich Kunden aus Langendernbach und anderen Dornburger Ortsteilen sowie aus Hausen und Elbtal. Alle sind inklusive der versprochenen Zinsen gut entschädigt worden. Alle Immobilien sind verkauft, die Volksbank bleibt unterm Strich auf einem Verlust von 1,6 Millionen Euro für Prüfungen und Verfahrenskosten hängen.

Der Prozess wird heute um 9 Uhr fortgesetzt. Die ersten acht Zeugen sind für den dritten Verhandlungstag am 5. November geladen.

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