Hier ist kein Bon nötig: Marktbeschicker Achim Schröder mit Mitarbeiterin Jessica Scholl.

Belegpflicht

650.000 Meter mehr Papier pro Jahr: "Müll ohne Ende" wegen neuem Gesetz

Unverständnis bei Limburger Unternehmern über bevorstehende Belegpflicht, bei der ab 2020 jeder Kassenzettel ausgedruckt werden muss.

Limburg-Weilburg - 650.000 Meter Papier pro Jahr. Der Limburger Bäckermeister Dominique Huth hat bereits ausgerechnet, was die neue Bon-Pflicht vom 1. Januar an nur für sein Unternehmen mit insgesamt 20 Filialen und rund 15.000 Kunden pro Tag bedeutet. "Dadurch wird Müll produziert ohne Ende. So ein Käse", sagt er.

Weniger als ein Prozent aller Kunden in den Huth-Filialen verlange einen Bon und bekomme den dann auch selbstverständlich. Aber vom 1. Januar an müsse immer ein Bon ausgedruckt werden - egal, ob der Kunde den Beleg haben wolle oder nicht. Dabei werde in jeder Kasse schon jetzt alles registriert: Angefangen von jeder Verkäuferin in den Huth-Filialen, die sich mit einem Chip individuell an der Kasse anmelden muss, bis hin zu der Möglichkeit, dass das Finanzamt jederzeit vor Ort eine "Kassenvorschau" an jeder Kasse vornehmen lassen könne mit Hilfe eines USB-Sticks. Manipulationen seien also ausgeschlossen. 

Limburg: Belegpflicht sorgt für Ärger

"Warum soll dann jedes Mal ein Bon ausgedruckt werden?", fragt Huth. Er hofft nun, dass der Bundeswirtschaftsminister den Plan des Bundesfinanzministers noch vereitelt. Vor allem Bäckereien seien von der Bon-Pflicht betroffen. Das sei eine massive Belastung für jeden Bäcker.

Von einer "Vergeudung von Zeit und Ressourcen" spricht Armin Güth, Geschäftsführer des Hotel- und Restaurantbetriebs Lochmühle in Oberzeuzheim und Vorsitzender für den Kreis Limburg-Weilburg beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Für die Servicekräfte bedeute die Neuregelung einen enormen Mehraufwand, weil Getränke nicht mehr auf einem Bierdeckel notiert, sondern künftig einzeln in die Kasse eingegeben werden müssten. "Kein Bier ohne Bon." Das sei umständlich, aber eben aus Sicht der Finanzbehörden notwendig. "Wenn alle Gastronome korrekt arbeiten, wären diese Maßnahmen überflüssig", sagt Güth. Außerdem entstehe weniger Müll, sagt er.

Limburg: Keine Belegpflicht ohne elektrische Kasse

Keine Bon-Pflicht haben dagegen all die Einzelhändler, die keine elektronische Kasse führen. Denn eine Pflicht, diese einzuführen, gibt es auch nach dem 1. Januar nicht. Das heißt, wer etwa auf dem Wochenmarkt in Limburg Gemüse und Obst am Stand von Achim Schröder kauft, bekommt zwar auf Wunsch einen Ausdruck, aber es ist kein Bon im klassischen Sinne, sondern nur der eines Taschenrechners, der die Addition der Einzelbeträge enthält. Und, wie gesagt, eine Pflicht, nach jedem Einkauf dies auszudrucken, besteht für Händler ohne elektronische Kasse nicht.

Ralf Metz, Friseurmeister aus Hadamar und Innungsvorstand, bewertet die bevorstehende Pflicht zum Kassenbon ebenfalls kritisch. Da Kleinunternehmer steuerlich keine Kaufleute sind, müssten sie auch künftig keine Kassenbons ausdrucken. Für seinen Bereich bedeutet das: Auch Barbershops etwa, die ohne Meisterprüfung betrieben werden dürfen, seien von der neuen Regelung befreit, sagt Metz. Hier könne also auch nach dem 1. Januar bar und bonlos bezahlt werden. In seinem Betrieb setze er dagegen seit Jahren ein "manipulationssicheres Kassensystem" ein. Jeder Kunde könne seinen Beleg bekommen. Nur würden die meisten darauf verzichten, weshalb er unter seine Kasse einen großen Papierkorb aufstellen müsse. Dort hinein segeln Kassenbelege auf umweltunfreundlichem Thermodruckerpapier.

Neben dem Müllberg türmt sich aber ein weiteres Problem, sagt Ralf Metz. Die in seinem System erfassten Stammkunden finden auf ihrem Kassenbon ihre persönlichen Daten wieder. Sollten diese Kunden demnächst ihre Bons nicht mitnehmen wollen, "dann muss ich die Belege schreddern - aus Datenschutzgründen". Sinnvoll sei das nicht. Und ein Blick ins benachbarte Frankreich zeige: Dort habe man die Bon-Pflicht bereits vor zwei Jahren eingeführt und schaffe sie jetzt wieder ab, "weil sie nichts bringt".

Apotheker Dr. Gunther Tollmann begrüßt grundsätzlich die gesetzlichen Vorgaben zur lückenlosen Nachweispflicht. Für seine Apotheke im Goldenen Grund in Niederbrechen wird sich am Jahresbeginn technisch nichts ändern. "Wir erfüllen alle Forderungen. Unsere Abläufe sind vom Wareneingang bis zum Abverkauf schon jetzt komplett digitalisiert", sagt Tollmann. Der Apotheker hält aber die Pflicht, jedes Mal einen einzelnen Bon auszudrucken, für nicht nachvollziehbar. "Ich sehe die Papierflut aus Umweltschutzgründen kritisch", sagt er. In der Apotheke müsse beim Vernichten der liegengelassenen Bons zudem der Datenschutz eingehalten werden, denn die kleinen Zettel enthalten gerade bei Stammkunden mit eigenem Konto auch persönliche Daten.

abv/dick/ej

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