Die syrische Familie Zarzory aus Frickhofen wurde abgeschoben und lebt jetzt in Madrid.
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Die syrische Familie Zarzory aus Frickhofen wurde abgeschoben und lebt jetzt in Madrid.

Schock für syrische Familie

Trotz Ausbildungsplatz und Sprachdiplom: Familie wird abgeschoben

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Sie haben sich in vier Jahren ein Leben in der Nähe von Limburg eingerichtet: Dennoch wird die gut integrierte syrische Familie nun abgeschoben.

Limburg/Frickhofen – Wenn heute Vormittag die Zehntklässler der Theodor-Heuss-Schule in einer Feierstunde ihre Realschulzeugnisse entgegennehmen, wird der Platz einer Schülerin leer bleiben. Alaa Zarzory fehlt. Die 18-Jährige aus Frickhofen, ihre Eltern und ihre drei Geschwister wurden am Dienstagmorgen von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt, zum Flughafen gebracht und nach Madrid abgeschoben. Spanien war vor mehr als vier Jahren das "Erstankunftsland" der Familie.

Dass sie dorthin zurückgebracht, dass sie überhaupt abgeschoben werden würden, wusste die Familie nicht, berichtet Alaa per Telefon. Sie sagt: "Wir hatten keine Ahnung, dass das passieren würde." Sie hatte sich ihr Leben in Deutschland eingerichtet. Alaa hat bereits einen Ausbildungsplatz. Auch der bleibt vermutlich leer.

Limburg: Familie aus Syrien wird abgeschoben – Trotz Deutschkenntnisse und Ausbildungsplatz

Die junge Frau steht unter Schock. Sie versucht den Tag, die Stunden, jede Minute jenes Morgens zu kapitulieren. Gegen 5.30 Uhr war es, als zehn oder elf Polizisten vor der Tür der kleinen Wohnung in der Gemeinschaftsunterkunft standen, erinnert sie sich. Die Mutter habe die Tür geöffnet, die Polizisten zählten die Familienmitglieder, um herauszufinden, ob die kleine Gruppe vollständig sei, und erklärten, es solle rasch gepackt werden, die Familie würde nach Spanien abgeschoben.

Sie und die Geschwister gerieten in Panik, sagt Alaa. Sie weinten - und verstanden nichts von dem, was die Polizisten ihnen vorhielten. Denn die sprachen davon, dass der Familie bereits im Jahr 2017, dem Jahr ihrer Ankunft in Frickhofen, schriftlich mitgeteilt worden sei, sie müssten Deutschland innerhalb von 30 Tagen wieder verlassen und nach Spanien zurückkehren. Hier hätten sie zuerst europäischen Boden betreten, weshalb sie hier ihren Wohnsitz hätten. Nur "dieses Schreiben haben wir nicht bekommen", sagt Alaa, die sich ebenso wie ihre Geschwister im Laufe der Zeit nahezu fehlerfreie deutsche Sprachkenntnisse angeeignet hat. Auch die Eltern kennen kein derartiges Dokument. Zudem liege die Ankündigung des Briefes vier Jahre zurück.

Ausbildungsvertrag ist keine Rettung für Familie aus Syrien

Anfangs habe sich die Familie in Sechs-Monats-Etappen in Deutschland aufhalten dürfen, sagt Alaa. Nach zwei Jahren erhielten sie erneut Papiere für weitere sechs Monate. Dann seien regelmäßig Duldungen ausgesprochen worden, die eine Abschiebung verhindert. Der Zeitraum dieser Duldungen habe jeweils zwischen einem und drei Monaten variiert. Familie Zarzory beriet sich mit ihrem Anwalt. Sie fragte, kann das für uns gefährlich werden? Alaa zufolge verneinte der Anwalt. Schließlich seien sie seit Jahren in Deutschland, Alaa habe einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, ihre ein Jahr jüngere Schwester absolviere den Hauptschulabschluss, und auch die Brüder gingen zur Schule und würden ordentliche Leistungen erbringen.

Für die Familie klang das, als könne ihnen nichts geschehen. Wie der Anwalt jetzt die Situation einschätzt, bleibt ungeklärt. Für ein Gespräch mit dieser Zeitung steht er nicht zur Verfügung. Auch von der für die Abschiebung zuständigen Ausländerbehörde beim Regierungspräsidium Gießen liegt bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme vor. Alaa betont derweil, die zuständige Ausländerbehörde habe am 15. Juni eine Duldung für die Familie ausgesprochen und zwar bis zum 15. Juli, bis Donnerstag kommender Woche, neun Tage nach der bereits vollzogenen Abschiebung.

Limburg: Familie wird nach Spanien abgeschoben – „Es geht uns nicht so gut“

Eine weitere Merkwürdigkeit wabert im schulischen Umfeld der Mädchen, die beide die Theodor-Heuss-Schule in Limburg besuchen. Danach sei der Zeitpunkt der Zeugnisübergabe entscheidend für die Abschiebung, sagt einer, der namentlich nicht genannt werden will. Nach seiner Information hätte das tatsächlich ausgehändigte Zeugnis zusammen mit dem Ausbildungsvertrag für Alaa eine Bleibeperspektive eröffnen können. Durch die Abschiebung ist die indes verbaut, auch wenn sich Lehrer und Mitschüler für eine Rückkehr der Familie engagieren. "Wir wollen Euch hier haben, und wir brauchen Euch auch", formuliert Martin Simon-Knierim, Konrektor der Theodor-Heuss-Schule. Eltern und Kinder Zarzory seien integriert, hätten Sprachdiplome erlangt und für Deutschland heimatliche Gefühle entwickelt.

Jetzt sind sie in einem Flüchtlingscamp untergebracht, berichtet Alaa Zarzory. Ohne Geld, ohne Internetzugang und mit wachsender Verzweiflung. Auch hier sei ihnen mitgeteilt worden, dass sie in Spanien als dem Erstankunftsland ihren Wohnsitz haben müssten. Da aber ihre Weiterreise nach Deutschland vier Jahre zurückliegt, gibt es für die Familie auch in Spanien mittlerweile keinen Wohnsitz mehr, sondern allenfalls die Aufenthaltsplätze in einem Camp. "Es geht uns nicht so gut", sagt die junge Frau. (Anken Bohnhorst-Vollmer)

Auch in Kriftel lebt eine Familie aus Pakistan, die sich sehr gut integriert hat. Jetzt sitzt sie in Abschiebehaft.

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