Dr. Dr. Roland Streckbein mit seiner Mitarbeiterin Tatjana Mironenko bei einer Operation.
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Dr. Dr. Roland Streckbein mit seiner Mitarbeiterin Tatjana Mironenko bei einer Operation.

Gesundheit in Corona-Zeiten

Keine gute Entwicklung in Limburg: Aus Angst vor Corona gehen Kranke zu spät zum Arzt

Mediziner in Limburg beobachten schwere Erkrankungen, weil Patienten aus Sorge vor einer Corona-Infektion zu lange warten - mit lebensgefährlichen Folgen.

  • Aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2* gehen vielen kranke Menschen nicht zum Arzt
  • In Limburg mussten Kliniken dringende Operationen streichen, weil Patienten nicht kommen wollten
  • Ärzte warnen: Langes Warten bei Beschwerden kann lebensgefährlich sein 

Limburg - Das geflügelte Wort vom "Selbstmord aus Angst vor dem Tod" hat in der Corona-Krise eine neue Bedeutung bekommen. Die Auswirkungen der Pandemie sind freilich noch nicht absehbar - auch medizinisch nicht. Fest steht allerdings schon jetzt, dass zahlreiche Menschen aus Angst vor einer Infektion erhebliche gesundheitliche Schäden riskiert haben und viele deshalb schwer krank geworden sind.

"Gerade ältere Patienten haben häufig zu lange gewartet", sagen etwa die Limburger St.-Vincenz-Chefärzte Prof. Dr. Stephan Steiner, Dr. Udo Heuschen und Dr. Christoph Oberwittler übereinstimmend. Bei den Fachärzten das gleiche Bild. "Wir musten Dutzende dringend notwendige Hautkrebs-Operationen streichen, weil die Patienten nicht kommen wollten, berichtet Dr. Dr. Roland Streckbein aus Limburg.

Ärzte in Limburg besorgt: Kranke warten wegen Corona zu lange vor Behandlung 

Inzwischen herrscht in den meisten Praxen wieder Normalbetrieb, auch in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) des Limburger Krankenhauses. "Die Zahl der Patienten war auf 60 bis 70 Prozent zurückgegangen", erläutert ZNA-Leiter Dr. Peter Sahmer. 

Und manche Mediziner haben jetzt sogar noch mehr zu tun als üblich. "Wir müssen die Behandlungen nachholen", sagt der auf Darm- und Baucherkrankungen spezialisierte Dr. Heuschen. "Die Leute sind ja nicht plötzlich gesünder geworden." Er operiert sonst jeweils ein Drittel Not-, dringliche und verschiebbare Fälle und hat in der Regel eine Warteliste von sechs bis acht Wochen. Aufgrund des Erlasses des Sozialministeriums durften es ab Mitte März nur noch Notfälle sein.

Ungewöhnlich schwere Erkrankungen: Patienten in Limburg warten zu lange aus Angst vor Corona-Infektion

"Aber selbst die waren spürbar weniger", sagt der Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Was auf Anhieb kurios klingt, kann er einfach erklären: "Offensichtlich sind viele mit Beschwerden nicht zum Haus- und zum Facharzt gegangen, der sie eingewiesen hätte."

Die Folge: In den vergangenen Wochen kamen ungewöhnlich viele Patienten mit durchgebrochenem Blinddarm, durchgebrochenen Gallenblasenentzündungen oder durchgebrochenen und blutenden Magengeschwüren. "Außerdem ein Sammelsurium an verschleppten Krebserkrankungen", so Heuschen.

Viele schwere Herzinfarkte in Limburg: Patienten warten aus Sorge vor Corona-Infektion mit Behandlung 

"Wir haben Herzinfarkte gesehen, die bei einer früheren Behandlung nicht so schwer verlaufen wären", sagt der Kardiologe Dr. Stephan Steiner. "Wir hatten deutlich weniger Einweisungen von Intensivpatienten." Nach seinen Angaben hat es durch das lange Warten in vielen Fällen unnötige Komplikationen gegeben. "Einrisse am Herzen", nennt er als Beispiel. "Das haben wir seit 20 Jahren fast überhaupt nicht mehr gehabt", sagt Steiner.

Schlaganfälle gehören zu den Erkrankungen, bei denen schnelle Hilfe besonders wichtig ist. "Diese Botschaft haben die meisten inzwischen wohl verstanden", sagt der Neurologe Dr. Christoph Oberwittler. "Wir hatten in diesem Bereich einen geringen Rückgang." In seiner Abteilung war eine Station vorübergehend komplett geschlossen.

Panik bei Patienten in Limburg: Kranke gehen erst zu spät zum Arzt

Dr. Dr. Roland Streckbeim vom "IZI Zentrum für Zahnimplantate & Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie" in Limburg macht die mediale Begleitung der Pandemiedynamik für das Dilemma verantwortlich. "Die hat neben der beabsichtigten Wachsamkeit eben auch Panik erzeugt", sagt er. Dabei seien die Auswirkungen nicht ausreichend bedacht worden. "Wenn, wie in unserem Fachgebiet der Kiefer-Gesichtschirurgie und Zahn-Mund-Kieferheilkunde operative Entfernungen und Abklärungen von Haut-und Mundschleimhautveränderungen aus eben dieser Angst auf die lange Bank geschoben werden, droht ein weiter gehender, gesundheitlicher Schaden", sagt Dr. Dr. Roland Streckbein. Im IZI seien gut 30 Prozent der zahnärztlichen und kieferchirurgischen Termine abgesagt worden, bei Hauttumoren etwa die Hälfte der Operationen verschoben worden.

"Ohne Not", meint er, "denn in Arzt- und Zahnarztpraxen, Klinikambulanzen und Reha-Nachsorgeeinrichtungen besteht aufgrund des konsequenten Infektionsschutzes kaum eine Gefahr, sich anzustecken".

Ärzte in Limburg geben Entwarnung: Kaum Ansteckungsgefahr in Arztpraxen

Dass die Vorsichtsmaßnahmen insgesamt richtig waren, steht für die meisten Ärzte dennoch außer Frage. "Es war gut, die Pandemie so ernst zu nehmen und die Kliniken auf das Schlimmste vorzubereiten, um hier keine Verhältnisse wie in Italien, Spanien, New York und Großbritannien zu erleben", sagt Dr. Udo Heuschen. Nur in einem Punkt hätte es aus seiner Sicht besser laufen können: "Die Menschen hätten besser aufgeklärt werden müssen, dass sie keine Angst vor einem Arzttermin haben müssen."

Für die Fachärzte gilt in Corona-Zeiten das gleiche wie für Virologen und Epidemiologen. "Einiges wissen wir nicht", sagt Dr. Stephan Steiner. "Zum Beispiel, wie viele Patienten verstorben sind, die gerettet hätten werden können."

Von Joachim Heidersdorf

Beim Thema Corona-Helden hat die Pflege einen besonders hohen Stellenwert eingenommen - St.-Vincenz-Pflegedirektorin Martina Weich aus Limburg spricht über die Pandemie* und die Folgen für ihren Berufsstand. Währenddessen sind die Folgen der Pandemie in den Kliniken im Kreis Limburg-Weilburg* völlig unterschiedlich. Alle aktuellen Informationen zur Corona-Krise in Hessen finden Sie im News-Ticker.

Yvonne Streb und ihre Kollegen testen im St.-Vincenz-Krankenhaus in Limburg auf das Coronavirus*. Wie sich ihr Arbeitsalltag durch die Pandemie verändert hat, erzählt sie im Interview.

*fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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