Der Angeklagte Brunhold S. sitzt vor Prozessbeginn im Gerichtssaal neben seinem Anwalt, Oliver Guski (links), und verdeckt sein Gesicht mit einer schwarzen Computerschutzhülle.
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Der Angeklagte Brunhold S. sitzt vor Prozessbeginn im Gerichtssaal neben seinem Anwalt, Oliver Guski (links), und verdeckt sein Gesicht mit einer schwarzen Computerschutzhülle.

Prozess am Landgericht

Limburg: Aus Lustgewinn zum Selbstmord gedrängt

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Verteidiger stellt zu Prozessbeginn Gutachten in Frage

Limburg -Etwa 13 Minuten brauchen die Staatsanwälte Sabine Hönnscheidt und Thomas Pohling, um vor dem Limburger Landgericht die Anklage gegen Brunhold S. vorzutragen. Danach soll der heute 62-jährige Mann dreimal versucht haben, emotional instabile Frauen in den Selbstmord zu treiben, um sich an deren Tod sexuell zu befriedigen. Staatsanwalt Pohling spricht von "sexuellem Sadismus" und "seelischer Abartigkeit". Zwei Frauen überlebten, eine starb. Der Vorwurf vor dem Landgericht lautet: Versuchte Tötung in zwei Fällen und ein vollendeter Mord. Die Sicherheitsverwahrung des Beschuldigten sei nicht ausgeschlossen, sagt Richter Andreas Janisch zu Prozessbeginn.

Auf den ersten Blick sieht Brunhold S. nicht wie ein Mann aus, dem die Herzen der Frauen zufliegen. Eher wirkt der schwergewichtige 62-Jährige mit der grauen Kurzhaarfrisur und den wuchtigen, dunklen Augenbrauen völlig emotionslos. Die Staatsanwaltschaft ist dennoch davon überzeugt, dass es ihm mehrmals gelungen ist, Frauen massiv zu manipulieren. Dabei näherte er sich ihnen zunächst nicht persönlich, sondern nahm in besonderen Internet-Foren Kontakt mit ihnen auf. S. trat Chat-Gruppen bei, in denen sich überwiegend Frauen austauschten, die an Depressionen litten. Einige äußerten die Absicht, sich umbringen zu wollen. Ihnen gegenüber habe sich S. als Gesprächspartner mit medizinischen Kenntnissen geriert, heißt es in der Anklage. Er habe ihr Vertrauen erworben, um ihren Willen zu beeinflussen und sie zur Selbsttötung zu treiben, die der Angeklagte dann entweder telefonisch oder tatsächlich miterleben wollte.

Der erste Fall ereignete sich im Frühjahr 2012. S. lebte zu jener Zeit in Löhnberg und lernte im Internet eine junge Frau kennen, die in einem psychiatrischen Krankenhaus in Oberbayern betreut wurde. Zweimal täglich telefonierte er mit ihr. Er wirkte auf die Frau ein, bis sie schließlich erklärte, sterben zu wollen, allerdings ohne Schmerzen. S. schlug ihr verschiedene Methoden zur Selbsttötung vor. Die Frau willigte ein und verabredete sich mit S. in Limburg. Der bereitete nicht nur den Suizid der Frau vor, sondern organisierte auch deren Anreise. Zu dem Treffen kam es nicht, weil die Mutter der jungen Frau misstrauisch wurde und die Polizei alarmierte. Ihre Tochter wurde erneut in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Kontaktaufnahme im Internet

Rund dreieinhalb Jahre später suchte S. erneut in einem Chat-Room für psychisch kranke Frauen nach einem Opfer, bot seinen Rat und seine Hilfe an. Wieder sei es ihm darum gegangen, durch die "akustische Anwesenheit" bei einem Selbstmord einen besonderen sexuellen Lustgewinn zu bekommen, sagt Staatsanwalt Pohling. Diesmal näherte er sich einer Frau aus Nürnberg, die sich zwar als depressiv bezeichnete, aber keine Selbstmordabsichten verfolgte. Die entwickelten sich durch zahlreiche Gespräche mit S., der sie auch überzeugte, ihre stimmungsaufhellenden Medikamente abzusetzen. Sechs Stunden soll S. auf die Frau eingeredet haben, ehe sie sich entkleidete, auf einen Stuhl stieg und sich erhängen wollte. Erst in letzter Minute habe die Frau nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft von ihrem Vorhaben abgelassen.

Einer Frau aus Bremen gelang das im Februar 2016 nicht. S. habe sie bedrängt, gefügig gemacht und war fernmündlich dabei, als sie sich umbrachte, fasst Staatsanwältin Hönnscheidt zusammen. In diesem Fall ist S. wegen Mordes angeklagt.

Brunhold S. hört die Vorwürfe im Gerichtssaal und bleibt reglos. Sein Mandant werde sich erst zu einem späteren Zeitpunkt im Prozess äußern, sagt Oliver Guski, der S. gemeinsam mit Rechtsanwalt Ramazan Schmidt verteidigt. Aber: "Die Verteidigung tritt der Anklage entschieden entgegen." Beweise seien schwer zu erbringen, zumal die forensische Psychiatrie "keine echte Naturwissenschaft" und mehr als die Hälfte aller Gutachten fehlerhaft sei. Davon dürfe sich das Gericht "den Blick nicht vernebeln lassen", fordert er. Der Prozess wird am Montag um 9 Uhr fortgesetzt. Dann soll eine der Frauen als Zeugin aussagen.

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