Statue von Justitia
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Am Montag begann in Limburg der Prozess gegen einen 33-Jährigen wegen versuchten Totschlags.

Liebevoller Ersatzvater oder versuchte Tötung?

Baby bis zu lebensgefährlicher Hirnblutung geschüttelt?

Prozessauftakt vor dem Limburger Landgericht: 33-Jähriger soll in Merenberg neugeborenes Mädchen misshandelt haben.

Limburg -Weil er Ende August 2017 das erst fünf Wochen alte Baby seiner Lebensgefährtin in Merenberg so stark geschüttelt haben soll, dass es in der Folge zu einer lebensgefährlichen Hirnblutung bei dem Kind gekommen ist, muss sich ein 33-Jähriger aus Hadamar seit Montag vor dem Limburger Landgericht verantworten (wir berichteten). Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag vor.

Die Ermittlungen kamen nicht durch einen Hinweis der behandelnden Ärzte ins Rollen, sondern erst im Januar 2018, als die Kindsmutter ihren damaligen Freund wegen häuslicher Gewalt angezeigt hatte. Dabei erwähnte sie auch, dass es bereits eine fragwürdige Situation mit der kleinen Tochter gegeben habe.

Prozess in Limburg: Mann soll Neugeborenes misshandelt haben - Er weist Schuld von sich

Der Angeklagte selbst weist alle Schuld von sich und beschreibt sich selbst als liebevoll umsorgenden Ersatzvater sowohl für das Baby als auch den älteren Bruder. "Ich habe mich mehr um die Kinder gekümmert, als die Mutter", sagte er. Er habe die Windeln gewechselt und sei meistens auch nachts aufgestanden, wenn die Kleine weinte. Dann gab er ihr das Fläschchen und massierte den kleinen Bauch gegen die wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden.

Als das Paar sich kennenlernte, war die Kindsmutter im fünften Monat schwanger und wollte sich gerade von ihrem Ehemann trennen. Schnell vertiefte sich die Beziehung und der Angeklagte zog zu seiner Freundin nach Merenberg. Er übernahm das Aufräumen und Saubermachen und versorgte den einjährigen Sohn seiner Freundin, der ihm immer mehr ans Herz wuchs, wie er berichtet. Die Kindsmutter beschreibt er zum damaligen Zeitpunkt als psychisch labil. "Sie hatte extreme Stimmungsschwankungen, mal laut und aggressiv und dann wieder teilnahmslos und geradezu apathisch." Er habe jedoch gehofft, dass sich dieser seelische Zustand nach der Entbindung stabilisiere.

Limburg: Fünf Wochen altes Mädchen misshandelt

Das Baby kam als Kaiserschnittgeburt einen Monat zu früh auf die Welt und blieb danach noch einige Tage im Krankenhaus. Etwa zwei Wochen nach der Entlassung soll es zu dem Vorfall gekommen sein, aufgrund dessen das Hirn des kleinen Mädchens so stark geschädigt wurde, dass sie ihr Leben lang behindert bleiben wird. Der Angeklagte schilderte, dass er das Baby gefüttert habe und es anschließend aufstoßen ließ. Die Kindsmutter habe währenddessen den älteren Bruder zum nahe gelegenen Kindergarten gebracht.

Auf einmal habe der 33-Jährige ein Röcheln gehört und sah, wie sich das Gesicht des Babys bläulich verfärbte. "Ich dachte, sie hätte sich verschluckt, nahm sie hoch und klopfte auf ihren Rücken", erinnerte er sich. Doch sei das Kind immer schlaffer geworden. Deshalb habe er es auf den Boden gelegt und versorgt. "Ich weiß aus meiner Zeit bei der Feuerwehr und von meinem Dienst am Flughafen wie Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht wird", erklärte er. Zum Glück habe sich das Kind wieder gefangen und ganz normal ausgesehen, als die Kindsmutter vom Kindergarten zurückkehrte.

Limburg: Neugeborenes Mädchen mit Hirnblutungen in Rettungshubschrauber

Allerdings sei Baby danach stiller als sonst gewesen und hätte auch schlechter getrunken. "Ich wäre am liebsten mit der Kleinen ins Krankenhaus gefahren, aber die Mutter wollte das nicht", so der Angeklagte. Gegen 16 Uhr des Folgetages fing das Kind an zu krampfen. Die Mutter rief daraufhin die Nachsorge-Hebamme an und erhielt den dringenden Rat, sich an die Notaufnahme zu wenden. Nach eingehender Untersuchung im St.-Vinzenz-Krankenhaus wurde das Baby aufgrund von Hirnblutungen per Hubschrauber nach Wiesbaden in die Horst Schmidt Kliniken verlegt.

Die Mutter selbst erinnert sich an keinerlei Veränderungen im Verhalten oder dem Appetit des Babys in den beiden Tagen vor dem Krampfanfall. Sie hält es vielmehr für denkbar, dass das Personal des Limburger Krankenhauses für die Hirnverletzung verantwortlich ist. Das vermutet auch der leibliche Vater. Er sagte, dass sich der Angeklagte immer gut um die Kinder gekümmert habe und hält ihn nicht für fähig, das Baby misshandelt zu haben.

"Unter dem Strich gibt es mehrere Möglichkeiten, wie es zu den tragischen Verletzungen gekommen ist", resümierte der Vorsitzende Richter Andreas Janisch. Es könne der Angeklagte gewesen sein, der mit der Schilderung einer Wiederbelebung das Schütteln des Kindes zu verharmlosen versucht. Ebenfalls vorstellbar wäre, dass die Mutter selbst das Baby misshandelt hat oder dass beide gemeinsam daran beteiligt waren. Eine Einordnung sei schwierig. Die Rechtsmedizin habe sich lediglich festgelegt, dass das Baby am 29. oder 30. August 2017 ein Schütteltrauma erlitten habe.

Der Prozess in Limburg geht am 27. November mit dem rechtsmedizinischen Gutachten weiter. (Kerstin Kaminsky)

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