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Servicemitarbeiterin Vera Niebisch (60) arbeitet für die Limburger Bäckerei Huth; hier steht sie in der neuen Filiale in Staffel an der B 8.

Helden der Corona-Krise 

Bäckerei in Limburg: „Mit dem nötigen Respekt, aber angstfrei“

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Vera Niebisch arbeitet als Verkäuferin in einer Bäckerei in Limburg. Sie ist eine der Alltagsheldinnen der Corona-Krise. 

Limburg – Draußen ist Kaiserwetter. Drinnen herrscht kein geschäftiges Treiben. Alle Tische und Stühle in der Bäckerei-Filiale von Huth in Staffel an der B 8 sind mit einem rot-weißen Band abgesperrt. Kein Frühstück, kein Plausch bei Kaffee und Kuchen am Nachmittag. Nur jeweils ein Kunde soll die Filiale betreten, maximal zwei.

Auf dem Boden vor dem Tresen voller Brötchen, Nussecken, Prasselkuchen und anderer Leckereien ist ebenfalls ein rot-weißes Absperrband geklebt. Abstand halten - auch zu den Verkäufern - lautet das Gebot der Stunde, an das sich jedoch noch immer nicht jeder Kunde hält, wie Vera Niebisch leider regelmäßig beobachten muss. Die 60-Jährige arbeitet seit Januar für die Limburger Bäckerei Huth; an diesem Tag bedient sie in der noch recht neuen Filiale in Staffel an der B 8 und schneidet gerade zwei Brote für einen Kunden.

In ihrer Wahrnehmung hält sich zwar die große Mehrheit der Kunden an die Abstandsregeln, wartet brav draußen und bleibt auch in der Bäckerei auf Abstand. Aber es gebe dann eben doch immer noch Menschen, die die Corona-Krise nicht ernst nehmen und es darauf anlegen zu provozieren - die ihre Arme auf den Tresen legen und sich bewusst nach vorn beugen; meist seien das Männer zwischen 30 und 40 Jahren. "Ich appelliere dann freundlich, den Vorschriften bitte Folge zu leisten", sagt sie. "Denn wir wollen hier alle unsere Arbeitsplätze behalten."

Bäckerei in Limburg: Manche verstehen es immer noch nicht

Manche würden sich daraufhin entschuldigen, andere betreten schweigen und wieder andere mit Spott reagieren. Und immer wieder trifft sie auf Senioren, die noch immer nicht verstehen, dass sie zurzeit ihre Enkelkinder nicht sehen sollen - zu ihrem eigenen Schutz vor dem Virus. "Sie wollen es nicht wahrhaben", sagt sie. Das Kaufverhalten habe sich wieder normalisiert. Anfangs hätten Kunden, die sonst ein Brot wollten, gleich fünf gekauft. Immer verbunden mit der sorgenvollen Frage: "Haben Sie morgen auch noch geöffnet?" Doch seitdem jedem klar sei, dass die Bäckereien ebenso wie die Supermärkte in der Corona-Krise jeden Tag geöffnet hätten, bleibe es bei den sonst üblichen Mengen.

Und wie begegnet sie persönlich der Corona-Krise? "Mit dem nötigen Respekt, aber angstfrei", sagt Vera Niebisch, die mit ihrem Lebensgefährten, einem Polizisten, in Weilburg wohnt. "Ich bin ein realitätsnaher Mensch und kann mich gut anpassen." Das hat sie auch in ihrem bisherigen Berufsleben bewiesen. Gelernt hat sie Rechtsanwalts- und Notargehilfin und hat auch viele Jahre in dieser Branche gearbeitet, aber auch im öffentlichen Dienst und 15 Jahre lang bei einer Sparkasse. "Mein Lebensmotto lautet: Ich kann mir meine Brötchen überall verdienen", sagt sie. "Als ich mich beruflich verändern wollte, weil ich nicht mehr 70 Stunden in der Woche arbeiten wollte und den Wunsch hatte, mit vielen Menschen in Kontakt treten zu können, hat mich eine Freundin daran erinnert."

Weil Vera Niebisch schon immer mal hinter die Kulissen einer Bäckerei schauen wollte, bewarb sie sich für eine Stelle im Verkauf bei Huth, bekam eine Zusage und arbeitet seit Januar offiziell als Servicekraft, weil sie keine Ausbildung als Bäckereifachverkäuferin absolviert hat. "Ich bin am Ende eines Arbeitstages zufrieden, weil mich Kunden angelächelt haben oder ich gute Gespräche mit ihnen hatte", sagt sie.

Bäckerei-Verkäuferin in Limburg: Ehrenamtliches Engagement

Die 60-Jährige engagiert sich seit zwei Jahren als Hospiz- und Sterbebegleiterin. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit ruht während der Corona-Krise. Kontakt zu den Angehörigen hält sie telefonisch. In ihrer Freizeit entspannt sie sich mit Yoga und Mediation, wenn sie nicht gerade durch den Wald walkt oder joggt. Zu ihren Freunden hält sie aktuell digital Kontakt. Und dass sie im Augenblick zum Beispiel nicht ins Kino kann, stört sie nicht. "Das Kino läuft ja nicht weg, und der Eisbecher kann auch noch einige Wochen warten."

Persönlich habe sie keinen Grund zur Klage. "Ich kann arbeiten gehen, habe zu Hause eine Terrasse und kann auf dem Dorf die Natur genießen. Wir haben Strom und Wasser - uns geht es gut." Und nein, eine Heldin sei sie natürlich nicht. "Dafür fehlt mir der entsprechende Aufzug mit einem eng anliegenden Kostüm", sagt sie augenzwinkernd und bedient den nächsten Kunden.

Von Stefan Stefan Dickmann

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