Im Moment passt nur einer auf die Bank vor der Tagesförderstätte der Lebenshilfe: In Zeiten von Corona ist auch dort alles anders, wissen Britta Bodewing (von links), Werner Schlenz, Dominik Trippe, Christine Wilhelm und Frauke Starkloff.
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Im Moment passt nur einer auf die Bank vor der Tagesförderstätte der Lebenshilfe: In Zeiten von Corona ist auch dort alles anders, wissen Britta Bodewing (von links), Werner Schlenz, Dominik Trippe, Christine Wilhelm und Frauke Starkloff.

Sie sind auch systemrelevant

Limburg: "Die Behindertenhilfe ist vergessen worden"

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Lebenshilfe Limburg Diez macht bei Kampagne mit

Limburg -Den Altenpflegern wurde schon im Sommer ein Bonus versprochen. Die Pflegekräfte im Krankenhaus sind damals immerhin öffentlich bejubelt worden, jetzt sollen wenigstens einige von ihnen eine Corona-Prämie bekommen. Und die Menschen, die in der Behindertenpflege arbeiten? Die haben ein Danke von ihren Klienten bekommen und manchmal auch von deren Angehörigen. "So ein Dankeschön ist viel wert", sagt Christine Wilhelm, Erzieherin bei der Lebenshilfe Limburg Diez. Aber es ist nicht genug.

Deshalb ist die Lebenshilfe Limburg Diez eine der Institutionen, die sich mit der Unterzeichnung der Petition "Mehr wert als ein Danke" für bessere Arbeitsbedingungen, gerechten Lohn und mehr Wertschätzung einsetzen will. "Die Petition wird die Probleme nicht lösen", sagt Werner Schlenz, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Aber sie stehe am Anfang eines Prozesses, an dessen Ende hoffentlich mehr Wertschätzung für die Behindertenhilfe stehe.

Gesellschaft sein

Die Mitarbeiter hätten in den vergangenen Monaten das Gefühl gehabt, dass sie einfach vergessen wurden - immerhin 60 000 Frauen und Männer bundesweit alleine bei der Lebenshilfe. Das sind viele, aber weniger als alle Altenpflegerinnen und Krankenschwestern. Aber am Ende gehe es um eine Frage, die alle angeht: "Was ist das Soziale wert?", sagt Dominik Trippe, Ergotherapeut und Betriebsrat bei der Lebenshilfe Limburg Diez. Inklusion sei Pflicht. Deshalb müsse auch die Behindertenhilfe ein Teil der Gesellschaft sein. Genauso wie die Menschen mit Behinderungen ein Teil der Gesellschaft sein müssten und nicht am Rand stehen dürften.

Aber dafür braucht es Geld. "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kann ich nur gewährleisten, wenn ich genug Personal habe", sagt Frauke Starkloff, Heilerziehungspflegerin. Im stationär begleiteten Wohnen bei der Lebenshilfe Limburg Diez begleitet sie sechs Männer und Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Und das auch in Zeiten von Corona. In einer Zeit, in der alles auf den Kopf gestellt wurde.

Die ersten Tage des Lockdowns seien für ihre Klienten wie Urlaub gewesen, sagt Frauke Starkloff. Das habe sie ihnen auch so erklärt, das sie jetzt erst einmal "so eine Art Urlaub" hätten und genug Zeit für alles, was im Haushalt liegengeblieben war. Aber nach ein paar Tagen musste wieder Struktur ins Haus, das Mittagessen musste pünktlich auf dem Tisch stehen, die täglichen Rituale geben Halt. Und immer wieder mussten sie und ihre Kollegen über Corona reden und daran erinnern, wie wichtig das Händewaschen und die Nies-Etikette sind. Da sind Geduld und Kreativität gefragt.

ist gefragt

Und große Flexibilität: Um die Betreuung in den Wohnheimen und Wohnungen zu gewährleisten, mussten Teams gebildet werden. Mit allen Kollegen, auch mit denen aus den Werkstätten und Tagesförderstätten - im Schichtbetrieb haben sie in den Wohnhäusern gearbeitet, die Klienten betreut, Essen gemacht, dann Arbeit gebracht und wieder abgeholt. "Da haben einige von uns mal die Berufsfelder der Kollegen kennengelernt", sagt Christine Wilhelm. "Und mal gemerkt, wie schwierig es ist, die ganze Mannschaft an den Frühstückstisch zu kriegen." Und das ohne den Stress, den es bereitet, wenn der Bus gleich kommt, um die Männer und Frauen an ihre Arbeitsplätze zu bringen.

Britta Bodewing vom familienunterstützenden Dienst der Lebenshilfe Wohnen hat ebenfalls vorübergehend das Metier gewechselt. "Da war dann auf einmal konkrete Lebenshilfe gefragt." Sie hat jede Menge Masken genäht und rund um die Uhr Telefonseelsorge betrieben. Schließlich hören die Probleme in den Familien nicht auf, wenn sie keine persönlichen Kontakte mehr haben dürfen.

Nach außen seien die meisten Klienten sehr gelassen gewesen, sagt Frauke Starkloff. Aber natürlich hätten sie sich Sorgen gemacht, es gab auch mal Konflikte in den Gruppen, den einen oder anderen Lagerkoller - eben das, was passiert, wenn viele Menschen gezwungen sind, auf engem Raum miteinander zu leben. Eine Beziehung sei kaputtgegangen, weil das Paar sich nicht mehr sehen durfte. Aber die Zeit habe auch Chancen geboten: Einige Klienten hätten sich von ihren Eltern lösen können. Für die Lebenshilfe-Mitarbeiter bot sich die Gelegenheit, ihre Klienten besser kennenzulernen: in der Einzelbetreuung oder beim Spaziergang zu zweit zum Beispiel - mit Abstand natürlich. Die Angst, sich anzustecken oder das Virus in die Einrichtung zu tragen, sei groß, sagt Schlenz. Und trotzdem sei es schön, bei der Lebenshilfe zu arbeiten. Wenn die Bedingungen stimmten.

Immer wieder würden Menschen einfach voraussetzen, dass sie die Arbeit mit behinderten Menschen ehrenamtlich mache, sagt Frauke Starkloff. Eine Krankenschwester würde das niemand fragen. "Das ist meine Arbeit, die nehme ich sehr ernst, und damit muss ich mein Leben finanzieren."

Die Lebenshilfe geht mit roten Zahlen aus der Krise - Beschäftigte gingen leer aus

500 Frauen und Männer arbeiten in den Werkstätten der Lebenshilfe Limburg Diez - normalerweise. Wochenlang durfte keiner von ihnen dorthin. Das Land habe ein Betretungsverbot ausgesprochen, sagt Werner Schlenz. Und das aus ganz praktischen Gründen: Wenn die Werkstätten offiziell wegen der Pandemie geschlossen worden wären, hätten die Beschäftigten einen Erstattungsanspruch gehabt. Aber so gehen die Beschäftigten, die in der Werkstatt ihre Grundsicherung aufstocken, leer aus. Ihr Gehalt wird nämlich aus dem Ertrag bezahlt. Kein Ertrag, kein Gehalt. Immerhin solle jetzt ein Teil der Behindertenausgleichabgabe an die Behinderten ausgezahlt werden, sagt Schlenz. Aber das könne den Einkommensverlust nicht ausgleichen.

Auch die Lebenshilfe insgesamt geht mit roten Zahlen aus der Krise. "Uns fehlen allein 30 000 Euro an Einnahmen, weil einige Plätze in den Wohnhäusern nicht belegt werden konnten", sagt Werner Schlenz. Dazu kommen Mindereinnahmen, weil die Werkstätten wochenlang keine Erlöse brachten und die offenen Hilfen lange auch nicht stattfanden. Kurzzeit-Aufnahmen waren nicht möglich, auch der familienentlastende Dienst durfte ein paar Wochen gar nicht rausfahren, erst jetzt können die Mitarbeiterinnen wieder in die Familien.

Dafür stiegen die Ausgaben - bislang habe die Lebenshilfe Limburg Diez allein 125 000 Euro für Masken, Desinfektionsmittel und Schutzschilde ausgegeben. Und die Personalausgaben bleiben: "Wir zahlen den höchsten Satz." Die Lebenshilfe Limburg Diez zahlt nach Tarif - die Mitarbeiter in Limburg schon lange, die der Lebenshilfe Wohnen in Diez seit Ende vergangenen Jahres.

"Dass wir alle nach Tarif bezahlt werden, ist ein Meilenstein", sagt Dominik Trippe. Im kommenden Jahr soll immerhin der Satz steigen, den die Lebenshilfe vom Landeswohlfahrtsverband für die Personalausgaben erhält: um 1,5 Prozent. "Letztlich brauchen wir höhere Vergütungssätze." Behindertenhilfe wird pauschal bezahlt - für jeden Klienten gibt es einen festen Satz, von dem Geld muss er komplett versorgt werden, inklusive Essen, Strom und Wasser und Gehalt der Personen, die ihn betreuen. Die Kostenträger wüssten, wie wichtig die Förderung und Betreuung von Menschen mit Behinderung ist, sagt Dominik Trippe. "Aber es ist kein Geld da." Jedenfalls nicht dafür. Sabine Rauch

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