Tobias Scheinkönig hat versucht, für seine Mutter Maria einen Impftermin zu vereinbaren.
+
Tobias Scheinkönig hat versucht, für seine Mutter Maria einen Impftermin zu vereinbaren.

Anmeldestart sorgt für Chaos

Ärger beim Corona-Schutz: „Ein Impftermin ist wie ein Sechser im Lotto“

  • vonPetra Hackert
    schließen

Anmeldung zur Corona-Impfung: Menschen aus Limburg und Umgebung kommen nicht durch. Senioren über 80, die einen Termin ausmachen wollen, brauchen viel Geduld und gute Nerven.

Limburg – Tobias Scheinkönig ist frustriert. Seit über vier Stunden versucht er, für seine Mutter einen Corona-Impftermin zu vereinbaren. Dienstag, 12. Januar 2021. Der erste Tag, an dem die Anmeldung möglich ist. Er probiert es seit dem Start um 8 Uhr morgens. Zahlreiche Senioren und deren Angehörige landen in Warteschleifen oder bei Online-Absagen, weil die Zahl der Zugriffe auf die entsprechende Website begrenzt ist. Und: "Meine Mutter könnte das alleine gar nicht schaffen", sagt Scheinkönig. Sie ist 86 Jahre alt, dement, hat Pflegestufe IV.

Zwei Telefonnummern hat der Erbacher zur Auswahl. Unter der (06 11) 50 59 28 88 kommt er zuerst gar nicht durch, hört bei einem der späteren Anrufe die Ansage, man solle es online versuchen. Wählt er die 11 61 17, beginnt das Spiel "drücken Sie die 1". Die 1 drückt er, weil er damit signalisiert, einen Impftermin ausmachen zu wollen. Es folgen weitere Ziffern. Er gibt die Postleitzahl ein. "Meine Mutter wäre damit schon überfordert. Sie würde wahrscheinlich noch nicht einmal merken, dass sie mit einem Automaten spricht", sagt Scheinkönig. Seine Sorge ist groß: "Wie machen es denn die anderen Senioren oder die Angehörigen, die ihnen helfen?" Und: "Eine Supermarktkassiererin, die nicht wie ich im Homeoffice ist, könnte das alles gar nicht machen."

Corona-Impfungen in Limburg: Alle zehn Minuten ruft der Senior an

Mit "das alles" meint er die Prozedur, die er gestern nebenbei gestartet hat, während er am Dienst-PC mit anderen Dingen beschäftigt war. Denn Arbeit hat er ja auch noch. "Das alles" begann so: Er rief die Website auf, um eine Online-Registrierung vorzunehmen. "Senioren, die das alleine machen und nur telefonieren können, sind da schon im Nachteil", stellt er fest.

Diese Erfahrung macht zur gleichen Zeit Dieter Prill aus Elz. "Heute morgen um 6 Uhr bin ich aufgestanden und habe gefrühstückt, damit ich um 8 Uhr anrufen kann", sagt der 80-Jährige. Vier Stunden später ist er keinen Schritt weiter. "Alle zehn Minuten rufe ich da an", berichtet der Senior. Er weiß, wie wichtig es ist, sich impfen zu lassen, und will dabei sein. Auch fünf Stunden später: Er lässt nicht locker.

Corona in Limburg und Umgebung: Kein Durckommen bei der Impf-Anmeldung

Heiner Etzold versucht dasselbe. Der Bad Camberger ist vor einigen Jahren nach Runkel gezogen, noch immer sehr aktiv, unter anderem als Kreisvorsitzender der "AG 60 plus" der SPD Limburg-Weilburg. Deshalb interessiert es ihn, wie es ist, frühzeitig einen Impftermin vereinbaren zu wollen. 80 wird er im Juni. Er wählt die 11 61 17, den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Besetzt. Die andere Nummer mit Wiesbadener Vorwahl verhilft ihm zu einem menschlichen Direktkontakt - mit einem Callcenter. Eine nette Mitarbeiterin gibt ihm eine weitere 06 11-er Telefonnummer. Er kommt durch, allerdings beim Bundeskriminalamt. Der Mann am anderen Ende der Leitung ist hilfsbereit. "Versuchen Sie es doch einmal mit der 3 am Ende." Seine Ziffernfolge endet auf 2. Ein Hörfehler? Etzold probiert die 3. Er erreicht eine andere Firma. Nein, mit Impfstoff hat sie nichts zu tun, auch nicht mit Impfterminen. "Aber den ganzen Morgen rufen hier schon Leute an, um einen Impftermin zu vereinbaren", heißt es am anderen Ende der Leitung.

Heiner Etzold hört auf, Dieter Prill in Elz macht weiter. Noch immer kein Durchkommen. "Ein Impftermin ist wie ein Sechser im Lotto", stellt er fest. Ähnlich ergeht es Tobias Scheinkönig in Erbach. Die Online-Versuche sind frustrierend, denn: "Zuerst kommt man nicht durch, dann erscheint eine Mitteilung: ,Zur Zeit wird der Online-Service von vielen Antragstellerinnen und Antragstellern gleichzeitig genutzt. Um fehlerlose Bearbeitung sicherstellen zu können, haben wir die Anzahl der gleichzeitigen Online-Anträge begrenzt. Daher möchten wir Sie bitten, den Online-Service zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzurufen.'"

Anmeldung für Corona-Impfung in Limburg: Fast dabei, dann alles wieder auf Anfang

Zweimal hat es Scheinkönig geschafft, über diese Hürde hinauszukommen. Er hat die Daten eingegeben, die belegen, dass seine 86-jährige Mutter zu den Impftermin-Berechtigten gehört, landet, so wie er meint, beim vorletzten Schritt. Fast hätte er den Impftermin vereinbart. "Dann ist das System zusammengebrochen." Auf dem Bildschirm blickt er in einen Kreis, der sich ständig dreht. Leider klickt er nun auf "Okay". Ein Teufelskreis. Alles wieder auf Anfang. Wie sollen das Senioren machen? Tobias Scheinkönig ist mittlerweile überzeugt: "Wenn ich doch irgendwann einmal da durchkomme, gibt es bestimmt keinen Impfstoff mehr."

Eine weitere Frage, die nicht nur er sich stellt: Warum ist die Gruppe der Menschen, die sich zuerst anmelden können, so groß? "Hätte man das nicht nach Jahrgängen oder Anfangsbuchstaben einteilen können?", fragt er. Außerdem: Seine Cousine versuche gerade, für ihre über 90-jährigen Eltern einen Termin zu vereinbaren. Ein gemeinsamer Impftermin für beide ist online nicht vorgesehen. Jetzt wertet er: "Ich finde es zynisch, wie das Land Hessen hier mit den Menschen umgeht." Dies nicht nur wegen der schwierigen Durchkommens, sondern auch, weil das fertige Impfzentrum in Limburg nicht in Betrieb gehen durfte, die Senioren jetzt sehen müssen, wie sie nach Wiesbaden kommen. "Und dabei sind wir in Limburg-Weilburg doch schon genug gestraft, als Corona-Hotspot und mit dem eingeschränkten Bewegungsradius auf 15 Kilometer."

Corona-Impfung in Limburg und Umgebung: Impfung in Seniorenheimen

Nächste Woche werde in den Seniorenheimen in Bad Camberg geimpft. Weil sie zu Hause gepflegt wird, ist seine Mutter nicht mit dabei. Hätte man das nicht anders organisieren können? "Wir haben eine osteuropäische Pflegekraft und es kommt ein Hilfsdienst. Das sind doch Außenkontakte. Meine Mutter müsste dringend geimpft werden." Zynisch - das Wort wählt Scheinkönig auch deshalb, weil dem Schreiben des Landes Hessen ein Formular beigefügt ist, das diejenigen ausfüllen und zurückschicken sollen, die eine Behandlung im häuslichen Umfeld möchten. Im Impfzentrum wird ab 19. Januar geimpft, teilt die Behörde im Anschreiben mit. Wer das Formular zurückschickt und um häusliches Impfen bittet, unterschreibt: "Mir ist bewusst, dass aufgrund der aktuellen Impfstoffknappheit eine häusliche Impfung nicht unmittelbar erfolgen kann." Wann das denn sein wird? Es könnte Monate dauern. "Unser Hausarzt hat uns davon abgeraten", sagt Scheinkönig.

Übrigens: Nach sieben Stunden gelingt es ihm, den Registrierungs-Vorgang online abzuschließen. Er bekommt einen Code geschickt, soll auf die Bestätigungs-E-Mail warten. Anderthalb Stunden später ist sie noch nicht da. Das Land informiert: Wenn die E-Mail nicht ankommt, soll er die (06 11) 50 59 28 88 anrufen. Alles wieder auf Anfang. (Petra Hackert)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare