Familie Ott
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Familie Ott nutzt den Lockdown für viele Spaziergänge an der frischen Luft. Besonders die Schulkinder Clemens und Carina sind froh über maskenfreie Zeit.

Für Schüler und Eltern ist alles anders

Corona-Alltag für Familien: Volle Züge für Schulkinder und Probleme mit der Maske

  • vonPetra Hackert
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Corona ist anstrengend. Das Virus bestimmt den Alltag. Besonders Familien merken, was sie alles ändern müssen, sobald die gewohnten Routinen wegfallen oder neue hinzukommen. Schule in Corona-Zeiten ist ganz anders, erzählen Schüler und Eltern.

Limburg-Weilburg - Morgens um 6.30 Uhr legt sie die Maske an und nach 14 Uhr wieder ab. Montags bis freitags jeden Tag. Mehr als sieben Stunden am Stück muss sie sie tragen. Nur beim Essen ist eine kurze Pause gestattet. Sehr wenig, meint Carina. Nein, sie ist nicht berufstätig. Ihre Maskenzeit ist nötig, weil sie elf Jahre alt ist, die sechste Klasse der Limburger Marienschule besucht und mit dem Zug hin- und zurückfährt.

Die Bahnsteige sind oft voller Menschen, die Züge auch. "Es würde schon helfen, wenn man die Schulanfangszeiten etwas verschieben würde", meint ihr Vater Daniel Ott in Sachen Gedränge und Abstandhalten. Nur kurze Zeit später fährt ein Zug, der ziemlich leer sei. Der Eisenbacher weiß, dass es für die Schulen im Kreis schwierig ist, so etwas zu organisieren. Doch da das Virus nicht so schnell verschwinden wird, hält er es für nötig, darüber nachzudenken.

Limburger Schülerin: Maskenpflicht im Unterricht

Seine Tochter Carina hat sich wie ihre Schulkameraden an neue Routinen gewöhnen müssen, zu denen auch das Maskentragen gehört. "Es ist sehr anstrengend, und ich kann mich schlecht konzentrieren", sagt sie zum stundenlangen Gebrauch des Mund-Nase-Schutzes. "Die Lehrer sind auch schlecht zu verstehen und wiederholen oft, was sie sagen, damit es alle mitbekommen." Das Kind weiß: Das Virus ist gefährlich, potenziell tödlich, und sie möchte auch niemanden anstecken. Besonders ihre Omas und ihr Opa nicht, die altersbedingt zur Risikogruppe gehören. Die Situation ist alles andere als einfach.

So prägt Corona den Alltag in Limburger Klassenzimmern.

Oft hat sie abends Kopfschmerzen. "Wir sind 24 in unserer Klasse. Wechselunterricht gibt es noch nicht, erst ab der Sieben", sagt das Mädchen. Sie hätte ihn auch gerne, um die Abstände besser einhalten zu können. Online-Unterricht findet sie gut. "Beim ersten richtigen Lockdown im März konnten wir uns über eine App, Teams, dazuschalten. Das hat ziemlich gut geklappt, und unsere Lehrerin hat sich da viel Mühe gegeben."

Clemens Ott, stellvertretender Kreis-Schulsprecher.

Corona-Pandemie: Schulinternet zu schlecht für Videoschaltung im Unterricht

Ihr älterer Bruder Clemens kann das so nicht bestätigen. Der 13-Jährige besucht die siebte Klasse der Bad Camberger Taunusschule und ist im Wechselunterricht. Jeweils die Hälfte der Klasse bleibt zu Hause, die andere Hälfte ist im Präsenzunterricht. Er ist jetzt zum zweiten Mal daheim.

In Limburg müssen alle Schüler im Unterricht Makse tragen. Aber der 7. Klasse wird in Gruppen unterrichtet.

"Ich finde das ziemlich doof und würde lieber jede Woche in die Schule gehen", sagt er. "Es ist anstrengend, über die verschiedenen Kanäle und Apps zu erfahren, was wir machen müssen." Manche Aufgaben erführen sie direkt in der Schule, könnten es in der Präsenzwoche von der Tafel abschreiben, anderes werde digital übermittelt. "Wenn wir uns per Videokonferenz in den Unterricht dazuschalten könnten, das wäre gut", meint er. Nur dafür sei die Internetverbindung der Schule einfach zu schlecht. Eine Woche daheim per Video-Schalte dabei, die andere Woche Präsenzunterricht - so könnte er sich das Lernen gut vorstellen. Auch Clemens ist für Maskenpausen im Laufe des Tages. Frei atmen zu können, das sei enorm wichtig.

Corona im Alltag: Ehepaar Ott darf im Home-Office arbeiten

Ihre Eltern haben das Glück, überwiegend im Home-Office arbeiten zu können. Ihr jüngstes Kind, Cornelius (6) ist gerade im letzten Kindergartenjahr und fragt: "Ist der Coronavirus wieder weg, wenn ich im nächsten November sieben Jahre alt werde?" Direkt Angst haben sie nicht. "Doch die Verunsicherung ist groß", sagt Inger Ott (43). "Wir machen viel Gutes aus der Corona-Zeit, aber die Kinder brauchen deutlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit im Homeschooling."

Auch ihr Mann Daniel (44) arbeitet viel von zu Hause aus. Der selbstständige Verlagskaufmann hat sein Geschäft in Bad Camberg, kann es sich einrichten und ist froh darüber. Die Familienzeit ist mehr geworden, dafür der Kontakt zu Freunden weniger. Die ganze Familie ist im Bad Camberger Stadtgeschehen normalerweise sehr aktiv. Das reduziert sich jetzt. "Es ist aber auch so, dass wir die gewonnene Zeit durch die vielen abgesagten Aktivitäten auch genießen und die Lockdown-Zeit weniger stressig für uns alle ist", sagt Inger Ott.

Corona-Alltag in der Schule: Kalte Klassenzimmer durch Lüften

Doch noch einmal zurück zur Schule: "Es ist ganz schön kalt", gibt Daniel Ott wieder, was ihm seine Kinder jeden Tag erzählen. Keiner ist gegen das Lüften. "Nur ist es eine Tatsache", sagt der Familienvater. Schwierig war auch, als seine Tochter Erkältungssymptome hatte und deshalb zu Hause bleiben musste. Zum Glück war es nicht Corona. Bei Clemens auch nicht. Er ist getestet worden, Abstrich durch Mund und Nase. Das Kind stellt fest: "Es war sehr unangenehm." Doch besser als Corona, ist sich die Familie einig. Sie versuchen, die Zeit gut zu überstehen und merken, dass sich viel verändert hat. Inger meint: "Beim ersten Lockdown im März war alles noch ganz weit weg. Mittlerweile kennt jeder jemanden, der das Virus bereits hatte."

Björn Jung, Kreis-Schulelternbeiratsvorsitzender.

Das sagen der stellvertretende Kreis-Schulsprecher

"Grundsätzlich ist es so, dass alle die Schutzmaßnahmen als sinnvoll bewerten und akzeptieren", sagt Clemens Ott (16). Der Niederselterser besucht die elfte Klasse der Bad Camberger Taunusschule und ist stellvertretender Kreis-Schulsprecher. Anfangs habe er sich schwer vorstellen können, acht Stunden am Tag einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Er hört nun auch von anderen, dass sie sich daran gewöhnt haben. Das Lüften in der kalten Jahreszeit führt dazu, "dass wir morgens in der ersten, zweiten Stunde mit der Daunenjacke da sitzen". Das sei gewöhnungsbedürftig. "Es gibt schöneren Unterricht." Für wesentlich hält er es, die Digitalisierung voranzutreiben. Hier sei zu wenig geschehen. "Der Kreis hat uns zwar mit iPads ausgestattet, aber oft fehlt es dennoch an Hardware. Und, was wir für den wichtigsten Punkt halten: Die Lehrer sollten weitergebildet werden."

Es sei beeindruckend, was manche leisteten. "Aber nicht alle hatten bisher Berührungspunkte. Der digitale Unterricht stellt neue Anforderungen, und da gab es vom Schulamt zu wenig Weiterbildungs-Angebote." Schließlich habe man seit März gewusst, dass die zweite Welle schlimmer wird. Hier müsse reagiert werden. Den Wechselunterricht ab der siebten Klasse (eine Woche in der Schule im Präsenzunterricht, eine zu Hause) empfindet er als richtig, um Abstände zu schaffen. Nur ist dies leider nicht in ganz Hessen so. Das wünscht er sich. "Im Moment gibt es nämlich keine Chancengleichheit bei den zentralen Abschlussprüfungen." Die Lerninhalte müssten alle schaffen. Durchgehender Präsenzunterricht sei aber besser, um Inhalte zu vermitteln, diese Schüler also im Vorteil. Überraschenderweise seien die Schulbusse zum Teil leerer geworden. Dies könne am Wechselunterricht und daran liegen, dass mehr Kinder und Jugendliche zu Fuß gingen oder von den Eltern gebracht würden.

Das sagt der Kreis-Schulelternbeiratsvorsitzende

Kreis-Elternbeiratsvorsitzender Björn Jung sieht den Kreis Limburg-Weilburg in einer Vorreiterrolle. Sehr positiv sei, dass hier gleich nach dem Lahn-Dill-Kreis (das ist der gleiche Schulamtsbezirk) frühzeitig die Pandemiestufe 3 ausgerufen und der Wechselunterricht ab der Jahrgangsstufe 7 eingeführt wurde. Das entlaste im Unterricht, auf den Fluren, bei den Transportwegen. Dieses Beispiel werde auch überregional beachtet. Von Land und Bund hätte er sich mehr erhofft. Die Eltern seien so stark belastet, "das geht ein bisschen auf Verschleiß". Daher sei es schwer, sich mit Worthülsen abzufinden. Im acht Monaten nur das Lüften als Strategie anzubieten, sei zu wenig. Auf lokaler Ebene wiederum hätten Landkreis und Schulamt sehr gut reagiert, auch die Teststrategie des Kreisgesundheitsamts sei gut. Wichtig sei, Kinder, die besondere Förderung benötigten, nicht aus den Augen zu verlieren.

Hier müsse sich in Sachen Nachhilfe, Online-Betreuung noch mehr tun. "Meine Kinder profitieren vom Wechsel-Unterricht", sagt Jung. Sie sind 13 und 15 Jahre alt. Er bemerke, dass in kleineren Gruppen intensiver gelernt werde, in der Woche zu Hause bestehe die Möglichkeit, das Gelernte zu vertiefen und digital nachzuhören. Eine gute Erfahrung auch für künftige Schulpolitik. Der Kreis gebe sich Mühe, die technischen Voraussetzungen zu verbessern. Das sei das Positive in der Krise: "Ohne Corona wären wir in Sachen Digitales noch längst nicht so weit." Gleiches gelte für das Ansehen von Schule nicht nur in Sachen Bildung und Teilhabe, sondern auch in punkto Systemrelevanz. "Wie relevant Schule eigentlich ist, wurde vorher nicht so gesehen." Er hoffe, dass die Politik darauf reagiere.

Welche Erfahrungen gibt es?

Wer möchte seine eigenen Eindrücke zu diesem Thema schildern? Wir bitten um Zusendungen an die E-Mail-Adresse nnp@fnp.de. (Petra Hackert)

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