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Die Marmorbrücke überspannt die Lahn in Villmar Die Vertreter die IG Lahn machen sich Sorgen um das Leben in dem Fluss.

Interessengemeinschaft schlägt Alarm

Den Fischen in der Lahn geht es schlecht

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Zahlen bei vielen Arten in der Lahn in Limburg rückläufig. Sorge um den Aal. Extremes Ungleichgewicht im Fluss.

Limburg - Seit Jahrzehnten setzt sich Winfried Klein aus Runkel, Vorsitzender der von ihm selbst mitbegründeten Interessengemeinschaft (IG) Lahn, für einen besseren Schutz der Fische in der Lahn ein. Doch trotz seines Engagements hätten sich die Lebensbedingungen für die Wasserbewohner in den zurückliegenden Jahren weiter verschlechtert, wie er berichtet. Jüngster Befund: Eine Untersuchung des Instituts für angewandte Ökologie in Kirtorf (Vogelsbergkreis) kam im September zu dem Schluss: "Der Fischbestand in der Lahn ist völlig unausgewogen."

Am 25. und 26. September hatte das Institut mit sogenannten Elektrobefischungen bei Runkel, Villmar und Wetzlar den aktuellen Fischbestand im Fluss ermittelt. Auffällig, schreibt das Institut in seinem Bericht, sei "die extrem geringe Dichte des Aals" und das "weitgehende Fehlen des Hechts mit Ausnahme der diesjährigen Besatzfische". Von der Äsche sei "kein einziges Exemplar" gesichtet worden - im Gegensatz zu Fischbestandsuntersuchungen 1991, als zwischen Oberbiel und Löhnberg zumindest Einzelexemplare registriert worden seien. Zugleich ermittelten die Ökologen ein "massenhaftes Auftreten von Cypriniden-Brütlingen und -Jungfischen (Plötze, Ukelei, Bitterling), verbunden mit einer geringen Dichte größerer Exemplare". Ursache des Ungleichgewichts in der Lahn sei vor allem die "extrem hohe Dichte von Welsen aller Altersklassen".

Mikroschadstoffe als Problem

Besonders schlecht, kommentiert Winfried Klein das Untersuchungsergebnis, sei die Situation unterhalb der Kläranlage Runkel. Dort fehlten Brassen, Güstern und Aale. Di Rotaugen gingen auch zurück. Dies liege nicht daran, dass keine Jungfische vorhanden wären. "Doch sie wachsen scheinbar nicht heran, was wohl an den Mikroschadstoffen wie Tablettenrückständen, Östrogenen und Glyphosat liegt", so Klein.

Auch die Fangstatistik des Fischerei Sportvereins Oberlahn (FSO) bestätigt den Abwärtstrend bei vielen Fischarten. Holten die Sportfischer im Jahr 1984 noch 4553 Aale aus der Lahn, so waren es 2018 nur noch 206. Die Zahl der gefangenen Hechte ging im selben Zeitraum von 1372 auf 408 zurück. Brassen und Güstern verringerten sich zwischen 1990 und 2018 von 1820 auf 174. Rotaugen gingen von 3161 auf 1774 zurück. Für Winfried Klein, der auch Gewässerwart des FSO ist, ein Alarmzeichen, dass beim Fischschutz dringend etwas geschehen müsse.

Darauf macht er seit kurzem auch in einer Online-Petition an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) aufmerksam. Mehr als 100 Personen haben das Schriftstück bereits unterschrieben, in dem der rührige Runkeler ein Defizit beim Vollzug des Bundestierschutzgesetzes beklagt. Während Klöckner ein Schredderverbot für Jungküken durchsetzen wolle, tue sie kaum etwas für das "Tierschutz-Problem in unseren Flüssen". Mit Blick auf die Aal-Statistik sagt Winfried Klein: "Wir rotten einen Fisch aus, der in der Lahn seit 60 Millionen Jahren beheimatet ist."

Die Wehre abreißen

Fast alle Fischarten, so der 75-jährige ehemalige Oberstudienrat, litten zum einen unter dem Betrieb von Wasserkraftanlagen, in denen vor allem die Aale getötet würden. Zum anderen hätten sie auch mit Schadstoffen und mit dem massenhaften Auftreten von Braunalgen zu kämpfen, die den PH-Wert stark ansteigen ließen. An manchen Tagen, so Klein, werde aus der Lahn ein fast schon lebensfeindliches Gewässer. Einen Verantwortlichen für die Algenvermehrung hat der Lahn-Experte seit langem im Visier: die Stauwehre. Sie bremsten den Fluss derart ab, dass die Braunalgen rasant wachsen könnten - mit den bekannten negativen ökologischen Folgen.

Ob Klein mit seiner Forderung nach einem Abriss von Lahnwehren - nur Limburg und Runkel will er aus optischen Gründen verschonen - durchdringt, gilt allerdings als zweifelhaft. Denn Lahn-Kommunen und Tourismusverbände laufen seit Jahren regelmäßig Sturm gegen Pläne, die Lahn zur Nebenwasserstraße herabzustufen, und verweisen auf ihre ökonomische Bedeutung als touristisches Ziel. Klein hingegen hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn sich der Lahn-Tourismus ökologisch wandeln würde, zum Beispiel zum Paradies für Lachsfischer. "Denn die Lahn soll wieder ein Fluss werden, der lebenswert ist", sagt er. Auch erinnert er daran, dass ein Schleifen der Wehre laut der europäischen Wasserrahmenrichtlinie vorgeschrieben sei. (Rolf Goeckel)

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