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Die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle des Diakonischen Werks Limburg-Weilburg hat noch nie so viele Rückfälle registriert wie um Ostern - auch bei Depressionen.

Limburg

Corona fördert Depressionen: In Limburg wächst die Sorge

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Soziale Isolation macht krank, das ist bekannt. Und was passiert, wenn der wichtigste Ansprechpartner eine Institution ist und die Mitarbeiter nur noch am Telefon erreichbar sind?

Limburg - Die Kontaktbeschränkungen helfen gegen das Virus. Aber sie sind eine soziale Herausforderung. Und für manche Menschen ganz besonders. Uwe Schaar formuliert es so: "Wenn alle zu Hause bleiben, bleiben bestimmte Bevölkerungsgruppen auf der Strecke."

Und das sind vor allem die Bevölkerungsgruppen, mit denen er und seine Kollegen von der Suchtberatung und der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle beim Diakonischen Werk Limburg-Weilburg zu tun haben. Das sind Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen. Menschen, die froh sind über feste Strukturen und Ansprechpartner.

Diakonisches Werk Limburg zu Corona: Menschen geraten in Depressionen

Zum Beispiel Menschen, die gerade auf dem Weg aus der Depression waren, als der Lockdown kam und sie wieder auf sich zurückgeworfen hat. Menschen, die schon immer getrunken haben, wenn ihnen die Decke auf den Kopf fiel. Menschen mit Angsterkrankungen, denen die Angst vor dem Virus das Leben noch schwerer macht.

"Viele unserer Klienten sind darauf angewiesen, dass wir den Kontakt aufrecht erhalten", sagt Carsten Höhler, der Leiter der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle. Und das sind vor allem Menschen, die keine Familie haben, keine Freunde, die mal anrufen und fragen, wie es geht. Das sind die Menschen, die auf Institutionen angewiesen sind. Und wenn die dann dicht machen, ist die Not groß. Im Frühjahr zum Beispiel, als auch das Diakonische Werk ins Homeoffice ging.

Alarm in Limburg: Nie so viele Rückfälle

"Wir hatten noch nie so viele Rückfälle wie in der Zeit um Ostern", sagt Uwe Schaar, Suchtberater und stellvertretender Leiter des Diakonischen Werks. Allerdings haben er und seine Kollegen erst ein paar Wochen später davon erfahren - als wieder persönliche Kontakte möglich waren. Und das, obwohl sie mit ihren Klienten auch in der Zeit des Lockdowns regelmäßig gesprochen haben - eben nur am Telefon.

"Wir haben gemerkt, dass die Telefonberatung kein Ersatz ist", sagt Carsten Höhler. Weil man nicht sehen kann, ob es dem anderen wirklich so gut geht, wie er behauptet, weil sich viele Menschen am Telefon nicht öffnen können und weil der Kontakt gar nicht so intensiv und konzentriert sein kann wie im persönlichen Gespräch. Wer weiß, ob der andere nebenbei fernsieht, kocht oder die Blumen gießt?

Dazu kommt: Wer kann schon offen über seinen Rückfall sprechen, wenn der Partner zuhört? Zudem sei auch nicht jeder Berater ein guter Telefonierer, sagt Uwe Schaar. "Es gibt Kolleginnen, die das besser können als ich." Aber eines haben er und seine Kollegen in den vergangenen Monaten ganz besonders gemerkt: "Wir leisten einen wertvollen Dienst." Und die Klienten hätten große Angst, dass der bald wieder eingeschränkt werden könnte, dass dann persönliche Kontakte wieder auf die Notfälle beschränkt werden. Denn: "Alle Menschen, die zu uns kommen, sind in Not", sagt Uwe Schaar.

Diakonisches Werk Limburg: "Wir haben einen Versorgungsauftrag"

Deshalb wollen die Mitarbeiter des Diakonischen Werks Ansprechpartner vor Ort bleiben - wenn auch mit Mund-Nasen-Schutz, Plexiglaswand und Desinfektionsmittel. "Wir haben ja einen Versorgungsauftrag", sagt Irina Porada, Leiterin des Diakonisches Werks Limburg-Weilburg. Den hat die Caritas auch. Aber sie erfüllt ihn wieder vor allem telefonisch und online. Seit 2. November ist die Limburger Geschäftsstelle geschlossen - mit Hinweis auf die steigenden Infektionszahlen.

"Wann immer es geht, versuchen wir, die Kontakte zu reduzieren", sagt Stephanie Schnorr, Leiterin des Sachbereichs Beratungsdienste. Aber natürlich gehe das nicht immer. Etwa in der Schwangerenberatung und dann, wenn es Sprachprobleme gibt. "Dann müssen wir kreativ werden" und zu Beispiel mal spazieren gehen - mit Abstand natürlich. "Es gibt Notlagen, da sind Telefon und Video nicht angesagt."

Limburg: Zahl der Menschen, die Unterstützung benötigen, steigt

Das gilt auch, wenn das Deutsch nur schlecht ist, aber das Jobcenter einen Bescheid geschickt hat oder Unterlagen will. Die Zahl der Menschen, die Unterstützung brauchen, sei gestiegen, seit das Jobcenter auf telefonische Beratung umgestiegen ist und Probleme mit der Bürokratie nicht mehr einfach am Empfang gelöst werden können. Bislang hätten die Menschen dann bei der Caritas vor der Tür gestanden, sagt Stephanie Schnorr. Das ist nun nicht mehr möglich. Jedenfalls nicht so einfach.

Jetzt müssen die Menschen anrufen, einen Termin ausmachen und die Unterlagen, um die es geht, dann draußen, an der frischen Luft, übergeben. Die Beratung kommt online oder am Telefon. Überhaupt werde die Online-Beratung immer wichtiger, nicht nur zur Datenübertragung. "Diese Generation ist es ja gewohnt, dass alles online funktioniert." Alles könne das Internet aber nicht ersetzen: die Arbeit des Sozialbüros nicht, die Gruppenangebote für Frauen mit Fluchthintergrund auch nicht. Und auch nicht das offene Gespräch mit dem Suchtberater. (Stefan Dickmann)

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