Auf ihren Waldhof waren die Limburger einst sehr stolz. Fotograf Josef Faßbender bildete das Anwesen auf einer Postkarte ab. Mit dieser Karte verband die Limburgerin Liesel Opel eine nette Erinnerung. Sie schickte sie 1940 ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann nach Russland, der sie nach dem Krieg wieder mit nach Hause brachte.
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Auf ihren Waldhof waren die Limburger einst sehr stolz. Fotograf Josef Faßbender bildete das Anwesen auf einer Postkarte ab. Mit dieser Karte verband die Limburgerin Liesel Opel eine nette Erinnerung. Sie schickte sie 1940 ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann nach Russland, der sie nach dem Krieg wieder mit nach Hause brachte.

Vergessene Plätze

Limburg: Der "Waldhof" war ein beliebtes Ausflugsziel

Einst Milchkuranstalt und feines Restaurant, wird das Gelände heute als Parkplatz genutzt

Limburg -Milch ist seit Jahrtausenden in aller Munde. Sie ist auch heute noch ein wichtiger Bestandteil für eine ausgewogene Ernährung, wenngleich es zunehmend Menschen gibt, die dieses Lebensmittel und daraus erzeugte Produkte nicht vertragen. Vor mehr als 100 Jahren hatte die Milch den Ruf eines Gesundbrunnens. Das brachte den Limburger Landwirt Wilhelm Friedrich Horn auf die Idee, eine "Milchkuranstalt" zu eröffnen. Er erbaute 1902 in der heutigen Annastraße am Rande des Schafsbergs den "Waldhof", der bei den Einwohnern als Zielort sonntäglicher Ausflüge sehr beliebt war.

Schon etliche Jahre vor der Errichtung des Waldhofs warb Bauer Horn für seine Milchkuranstalt, die sich außerhalb der Innenstadt auf der Wilhelmshöhe zwischen der Diezer Straße und der Annastraße befand. In einer Annonce vom 31. März 1893 warb er im Limburger Anzeiger für "täglich frische gute Vollmilch, besonders für Kranke. 10 Liter sind täglich an Kunden abzugeben - per Liter 18 Pfennige".

"Man glaubt sich in die Schweiz versetzt"

Offenbar war die Nachfrage so gut, dass Horn sich entschloss, seine Geschäftsidee mit der Errichtung des Waldhofs auf eine breitere Basis zu stellen. In der Ausgabe des Limburger Anzeigers vom 15. August 1902 ist zu lesen: "Die hier am Schafsberg erbaute, seit kurzem in Betrieb genommene Wilh. Horn'sche Milch-Kuranstalt erfreut sich der Gunst und lebhaften Besuchs unserer Einwohnerschaft. Mädchen und Knaben, Jungfrauen und Jünglinge, Frauen und Männer laben und stärken sich dort täglich an der milchspendenden Quelle. Es wird süße Milch, Dickmilch mit Rahm und Buttermilch verabreicht, dabei wird auf Verlangen Butterbrot und wenns beliebt auch solches mit Käse gegen Entgelt verabreicht."

Und weiter: "Das für den ihm zugedachten Zweck in durchaus passendem Stil erbaute Wohnhaus ist bis in die oberen Stockwerke mit hübschen Balkons geziert und macht so mit den es umgebenden Gartenanlagen, in welchem Tische und Bänke für die Gäste aufgestellt sind und dem nahen Wald, ganz den Eindruck einer Sommerfrische, wo es sich gut sein läßt. Die Molkerei und die vom Hauptgebäude absichtlich etwas entfernt errichteten Stallungen sind ganz der Neuzeit entsprechend. Ein zugehörender größerer Landkomplex ist eingezäunt und dient zur Weide, auf dem wir dieser Tage 24 stattliche wohlgepflegte Kühe zählen konnten. Man glaubt sich in die Schweiz oder das badische Oberland versetzt, sieht man diese Herde vor Augen und hört den traulichen Schellenklang von der Weide her ertönen."

Besagte Viehweiden befanden sich auf der so genannten "Teewiese". So nannten die Limburger das Gelände, auf dem am 27. Oktober 1962 die neue Tilemannschule eingeweiht wurde.

Im August 1912 erwarb Anton Langschied die Horn'sche Villa, um hier ein "feines Restaurant" zu eröffnen, das ab 1928 nur noch als Gasthof und Gartenwirtschaft und nicht mehr als Fremdenpension geführt wurde. Obwohl die Milchproduktion in den 1920er-Jahren etwa ein Fünftel der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Deutschland ausmachte, war sie bei der Bevölkerung zu dieser Zeit nicht wirklich beliebt. Das veranlasste das Reichsministerium für Landwirtschaft zur Bildung eines "Reichsmilchausschusses", der eine Werbekampagne für Milch und Milchprodukte startete.

Im April 1920 erschütterte im Zusammenhang mit dem Waldhof ein Kriminalfall die Stadt. In seinem 2014 erschienenen Buch "Zeitsprünge" berichtet Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker von dem aus der Schweiz stammenden 27-jährigen Knecht Emil Kaelin, der Opfer eines Raubmords geworden war. Nach mehreren Tagen der Ungewissheit seien zwei Täter ermittelt worden, von denen einer kurz darauf verhaftet werden konnte. Die Leiche Kaelins war erst über zwei Wochen später bei Fachingen aus der Lahn geborgen worden.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Waldhof bei einem Bombenangriff beschädigt, aber bereits ab 1945 wieder instand gesetzt. Zehn Jahre später übernahm das Pächterehepaar Werner und Hilde Mai den Waldhof von den Geschwistern Langschied. Danach gab es noch einige Pächterwechsel. Zuletzt traten dort ab 1962 Kurt und Helga Grimoni als Gastgeber auf. Das einst so stattliche Gebäude war damals samt Einfriedung in einem sehr schlechten Zustand, so dass von einer Gefahrenstelle für Passanten die Rede war.

1969 erwarb die St.-Vincenz-Krankenhausgesellschaft die Immobilie. Im Folgejahr wurde der Waldhof abgerissen. Geplant war dort zunächst ein Wohnheim mit einem Parkplatz für Bedienstete des Krankenhauses. Nachdem sich das Vorhaben mit dem Wohnheim zerschlagen hatte, blieb es bei einem Parkplatz, der noch heute steht. Von Dieter Fluck

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