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Limburg: Die großen Probleme der Nordstadt

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Jürgen Eufinger (von links), Leiter des Nachbarschaftszentrums in der Nordstadt, spricht mit Marcus Bocklet, Andreas Pötz mit Bewohner Bernd Kind, Kathrin Anders und Mitarbeiterin Gitte Büger.
Jürgen Eufinger (von links), Leiter des Nachbarschaftszentrums in der Nordstadt, spricht mit Marcus Bocklet, Andreas Pötz mit Bewohner Bernd Kind, Kathrin Anders und Mitarbeiterin Gitte Büger. © Thorsten Kunz

Nachbarschaftszentrum sind die Kinde besonders wichtig - Städtische Wohnungen verfallen

Limburg -Bei ihrer Sozialtour durch die hessischen Kommunen haben in dieser Woche zwei Abgeordnete der Grünen aus dem Wiesbadener Landtag Station in Limburg gemacht. Kathrin Anders, Sprecherin ihrer Fraktion für Gesundheit, frühkindliche Bildung und Grundschulen, und Markus Bocklet, Sprecher für Sozialpolitik, besuchten zunächst das Limburger Sozialprojekt Gemeinwesensarbeit im Nachbarschaftszentrum der Nordstadt. Dort wurden sie von Leiter Jürgen Eufinger, seiner Mitarbeiterin Gitte Büger, dem Stadtverordneten der Limburger Grünen Andreas Pötz sowie Vertretern des Bewohnerrats begrüßt, die über das Projekt informierten.

"Wir machen hier eine Art Realitätscheck, wollen uns vor Ort über die Sorgen, Bedürfnisse und eventuell vorhandene bürokratische Hindernisse informieren", erklärte Bocklet den Hintergrund des Besuchs. Gerade am Vorabend einer kommenden Landtagswahl, die für 2023 ansteht, sei dies wichtig, um Wünsche und Forderungen der Bürger ins neue Wahlprogramm einarbeiten zu können, so der gelernte Sozialarbeiter. "Nach jedem Besuch kommen wir etwas schlauer nach Hause."

Diese Vorlage ließ sich Sozialarbeiter Eufinger nicht nehmen und berichtete über die vielfältigen Aufgaben des Zentrums: "Wir geben Unterstützung bei Nachbarschaftskonflikten, Hilfestellung und Beratung zur Absicherung der materiellen Existenz, bei Fragen zur Sozialhilfe, Schuldenregulierung oder Durchsetzung von Rechtsansprüchen und Beratung rund um die Hartz-IV-Gesetzgebung", machte er deutlich. Darüber hinaus gebe es spezielle Bildungs- und Freizeitangebote für Frauen, Senioren, Kinder und Jugendliche.

"Wichtig sind vor allem die Kinder, die ohne unsere Unterstützung im schulischen Bereich sehr schnell durch die Raster des Bildungssystems fallen würden", sagte Eufinger. Eine Förderung sei in diesem Fall extrem wichtig, insbesondere wegen Corona. Nach zwei Jahren Pandemie seien besonders die Kinder aus den ersten und zweiten Klassen kaum beschult.

Kaum Unterstützung durch die Eltern

"Die Eltern können hier kaum Unterstützung leisten. Bei fehlendem WLAN helfen auch die besten Laptops nicht, zumal wenn die Grundschüler noch gar nicht lesen und schreiben können und auch ihre Eltern das Deutsche kaum beherrschen. Neben der Hausaufgabenhilfe versuchen wir deshalb über das Landesprojekt ,Löwenstark' den fehlenden sozialen Zusammenhalt wiederherzustellen, um den Kindern damit mehr Chancen zu bieten", sagte Eufinger. Zumal sich so gut wie keine Vereine mehr direkt vor Ort engagieren würden. Dies sei aber wichtig, da die eigenen Kapazitäten mit derzeit drei hauptamtlichen Mitarbeitern für solche Projekte stark begrenzt seien. Bei Bildungspolitikerin Anders, früher selbst als Sozialpädagogin in Brennpunktschulen tätig und Mutter von drei Kindern, stießen sie auf offene Ohren.

Rund 2500 Menschen leben im Umfeld des Nachbarschaftszentrums, das mit dem Neubau der Spiel- und Lernstube 2010/2011 mitten im Viertel zwischen Amselweg und der Straße Im Finken angesiedelt ist. Immerhin, so Pötz und Eufinger, habe Limburg bereits früh die Notwendigkeit zur Sozialarbeit erkannt. Seit 1972 engagiere man sich, mal mehr, mal weniger, je nach Unterstützung durch Bund und Land.

Die größte Herausforderung neben Corona: Die Wohnsituation macht vielen Bewohnern zu schaffen. Neben fehlendem preisgünstigen Wohnraum seien damit vor allem die dringend sanierungsbedürftigen Häuser der Stadt gemeint. Während die Gebäude der Limburger Wohnungsbau-Genossenschaft gut in Schuss seien und kontinuierlich repariert und saniert würden, sei der Zustand der 13 städtischen Gebäude mit ihren rund 50 Wohneinheiten desolat - und das sei den Verantwortlichen der Stadt auch bekannt, berichtet Eufinger.

Seit Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er sei hier nichts mehr passiert. "Gerade für ältere Menschen sind die heruntergekommenen und veralteten Bäder eine Katastrophe", berichtete Bewohnerin Christel Butzbach, "von den undichten Fenstern und Asbestverkleidungen an einigen Balkonen ganz zu schweigen". Eine energetische Sanierung der Häuser steht noch aus, die derzeit explodierenden Energiekosten würden deshalb gerade den Bewohnern in den Sozialwohnungen der Stadt über den Kopf wachsen.

Sanierung im Bestand wäre hohe Belastung

Für den Fall einer künftigen Sanierung hat der Bewohnerrat bereits einen Vorschlag parat: Auf dem Schotterplatz hinter der Spiel- und Lernstube könnte ein neues Haus entstehen, in das die Bewohner desjenigen Hauses, das gerade im Umbau befindlich ist, umziehen könnten. Keine kurzfristige Lösung - aber eine Sanierung im Bestand wäre eine zu hohe Belastung für jeden Einzelnen. "Daneben müssen wir aber auch das Wir-Gefühl, den Zusammenhalt und das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen gegenüber dem Stadtteil fördern", sagt Anwohner Rainer Heil aus dem Seniorenbeirat. Und auch Bernd Kind, der seit 65 Jahren im Amselweg wohnt, sagt: "Die Kameradschaft ist nicht mehr wie früher. Die Menschen sterben, und am nächsten Tag zieht jemand Fremdes in die Wohnung ein - ohne jede Sanierung."

Anders und Bocklet drückten ihre Hoffnung aus, dass über Förderprogramme des Landes, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft seien, bald eine Sanierung der städtischen Gebäude realisiert werden könnte. Eventuell kann dabei eine geplante städtische Wohnungsgesellschaft, an die der Limburger Grüne Pötz erinnerte, helfen.

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