Die Schiede-Kreuzung in Limburg in Höhe von Karstadt (rechts). Der sogenannte Passivsammler (links oben) am Musikhaus Sandner weist die höchste Belastung mit dem Atemgift Stickstoffdioxid aus.
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Die Schiede-Kreuzung in Limburg in Höhe von Karstadt (rechts). Der sogenannte Passivsammler (links oben) am Musikhaus Sandner weist die höchste Belastung mit dem Atemgift Stickstoffdioxid aus.

Interview

Fahrverbote sind in Limburg nicht vom Tisch: "Die Grenzwerte müssen eingehalten werden"

  • Stefan Dickmann
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Professor Dr. Stefan Jacobi spricht über die NO2-Belastung an der Schiede in Limburg.

Limburg – Wie ein Damoklesschwert hängen Dieselfahrverbote über der Innenstadt von Limburg, die vor Gericht entschieden werden. Von einem Fahrverbot betroffen wären Dieselfahrzeuge der Euro-4- und Euro-5-Norm; neue Diesel entsprechen der Euro-6-Norm (a bis d). NNP-Redakteur Stefan Dickmann hat mit Professor Dr. Stefan Jacobi über das Luftproblem in Limburg gesprochen. Er arbeitet für das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie in Wiesbaden, das für die Messung der Luftschadstoffe zuständig ist.

Herr Jacobi, Limburg drohen Dieselfahrverbote aufgrund der noch immer viel zu hohen Stickstoffdioxid-Werte. Was macht NO2 für den Menschen so gefährlich?

Von NO2 ist schon länger bekannt, dass es negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat und vor allem die Lunge schädigt. Dazu gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege und viele von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegte Studien. Schon 1999 sind deshalb auf europäischer Ebene Grenzwerte für NO2 festgelegt worden, die seit 2010 verbindlich eingehalten werden müssen. Zum Schutz vor langfristiger Einwirkung muss ein Jahresmittelwert von unter 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft eingehalten werden. Parallel und gegen kurzfristige Einwirkung darf ein Stundenmittelwert von 200 Mikrogramm nicht häufiger als 18 Mal im Kalenderjahr überschritten werden. Das ist aber für das Jahresmittel in vielen deutschen und mehreren hessischen Städten bis zum heutigen Tag noch nicht der Fall. Unter anderem gilt das leider auch an drei Stellen in Limburg - an der Schiede auf der Seite von Karstadt, auf der direkt gegenüberliegenden Seite und an der Frankfurter Straße (B 8).

Ursprünglich war die Sorge vor zu hohen Feinstaubwerten in deutschen Innenstädten größer als vor NO2. Warum redet heute keiner mehr über Feinstaub?

Die Grenzwerte für Feinstaub müssen schon seit 2005 eingehalten werden, und weil dies auch nicht rechtzeitig der Fall war, war der Aufschrei damals genauso groß wie heute bei NO2. Allerdings gab es große und letztlich auch erfolgreichere Bemühungen, die ebenfalls auf europäischer Ebene festgelegten Grenzwerte möglichst schnell einhalten zu können, insbesondere mit dem verpflichtenden Einbau von Rußpartikelfiltern in Dieselautos. Die auf politischer Ebene vereinbarten Grenzwerte für Feinstaub sind seinerzeit übrigens höher ausgefallen, als die Empfehlungen der WHO. Trotzdem hat es in Hessen noch bis Anfang 2012 gedauert, bis die Feinstaub-Grenzwerte überall eingehalten wurden, was auch sehr spät war.

Sind auch die Grenzwerte für NO2 von der Politik höher angesetzt worden?

Nein, das ist schon ein wesentlicher Unterschied. Die EU ist der Empfehlung der WHO bei NO2 eins zu eins gefolgt. Die bereits 1999 festgelegten Grenzwerte waren zwar ambitioniert, sind aber auch nicht aus der Luft gegriffen, wie manchmal kolportiert wird. Und die 28 EU-Mitgliedstaaten haben sich darauf verständigt, diese Grenzwerte einzuhalten, das sollte man nicht vergessen. Dass dies bis heute in mehreren EU-Ländern nicht gelungen ist, zeigt, dass dieses Problem unterschätzt worden ist. Die Politik hat erst sehr spät zur Kenntnis genommen, dass sich die auf dem Rollenprüfstand ermittelten Stickoxidemissionen nicht mit der Realität auf der Straße decken. Und selbst wenn schon 2010 die "normale" Euro-6-Norm bei Dieselfahrzeugen Standard gewesen wäre, würden wir heute - in abgeschwächter Form - noch immer die gleiche Debatte führen. Erst Motoren, die dem überarbeiteten Prüfverfahren "Real World Emissions" genügen müssen (Euro 6 d), geben eine realistische Gewähr, die geforderten Emissionsanforderungen einhalten zu können.

Prof. Dr. Stefan Jacobi

Viele Bürger kritisieren den Standort der Luftmessstation zwischen dem Schiede-Tunnel und der Ampel. Steht die Station an der richtigen Stelle?

Eindeutig ja. Das Gesetz schreibt uns vor, Messstationen genau dort aufzustellen, wo Menschen betroffen sind und wo die höchste Belastung mit Luftschadstoffen zu erwarten ist. Und diese Stelle befindet sich in Limburg nun einmal genau dort, wo der Passivsammler an der Fassade des Musikhauses Sandner angebracht ist. Zuvor hatten wir im Stadtgebiet mehrere Testmessungen durchgeführt. Ich hätte es bevorzugt, die Luftmessstation an der Schiede am Ort des Passivsammlers, also vor dem Musikhaus Sandner, aufzustellen. Das war aber leider nicht möglich, weil dort der Bürgersteig zu schmal ist. Daher sind wir auf die andere Straßenseite ausgewichen. Und ich möchte an dieser Stelle auch mit dem Vorurteil aufräumen, die Einhaltung der Grenzwerte für NO2 werde in den anderen EU-Mitgliedstaaten angeblich nicht so genau beachtet wie in Deutschland. Das stimmt einfach nicht. Auch dort wird an vielen stark befahrenen Straßen gemessen, wo sich überwiegend Menschen aufhalten.

Warum sind die NO2-Werte am Musikhaus Sandner deutlich höher als direkt gegenüber an der Luftmessstation?

Das lässt sich mit den Strömungsverhältnissen erklären. In Limburg herrscht meistens eine westlich/südwestliche Windrichtung vor. Das heißt zunächst einmal, dass der Wind großräumig oft in Richtung Karstadt-Fassade weht. Die Anordnung der Gebäude quer zur Strömungsrichtung bewirkt dann aber eine Ablenkung, so dass der Wind in Bodennähe in Richtung der gegenüber liegenden Straßenseite weht. Schadstoffe von der "Karstadt-Seite" werden dadurch zusätzlich auf die andere Straßenseite transportiert. Deswegen wäre es auch besser gewesen, die Luftmessstation auf der gleichen Straßenseite wie der Passivsammler aufzustellen, dann würde sich diese Frage auch nicht mehr stellen, weil wir dann die gleichen Messwerte hätten.

Ein Stadtverordneter der CDU kritisiert, zwischen der Intensität des Verkehrs und der Luftqualität sei an der Schiede kein Zusammenhang erkennbar. Weder der Beginn des Lockdowns mit weniger Verkehr noch dessen Ende hätten die NO2-Werte erkennbar gesenkt. Ist das so?

Das ist so nicht richtig. Bei Berücksichtigung der Wetterverhältnisse konnten wir durchaus einen Rückgang der NO2-Konzentrationen erkennen, der auf den geringeren Verkehr rückführbar war, auch in Limburg. Die Wetterverhältnisse und auch die kleinräumigen Transportprozesse in einer Straße können einen großen Einfluss auf die dort gemessenen Luftschadstoffwerte haben. Grundsätzlich gilt: Je geringer der Luftaustausch, desto höher ist die Konzentration der Schadstoffe in der Luft. Besonders ungünstig sind zum Beispiel Wetterlagen im Winter, wenn über kalter Luft am Boden wärmere Luftschichten liegen; dann gibt es kaum einen Luftaustausch und die gemessenen Werte sind hoch. Besonders günstig ist dagegen das klassische Schmuddelwetter mit viel Wind und etwas Regen, dann sind die gemessenen Werte deutlich niedriger, und zwar bei gleichem Verkehrsaufkommen. Unstrittig ist jedoch: Das ursächliche Problem ist nicht der Einfluss des Wetters, sondern die Quelle von Luftschadstoffen - und dabei spielt der motorisierte Verkehr nach wie vor eine dominierende Rolle.

Um wie viel sind denn die Werte an der Schiede während des Lockdowns mit deutlich weniger Verkehr zurückgegangen?

Im Mittel über alle verkehrsbezogenen Luftmessstationen in ganz Hessen gab es während des Lockdowns einen Rückgang der NO2-Werte um circa 35 Prozent. In Kassel gab es mit 57 Prozent den deutlichsten Rückgang, in Heppenheim mit zehn bis 13 Prozent, aber auch in Limburg mit circa 13 Prozent den geringsten Rückgang. Das ändert jedoch nichts daran, dass die gemessenen Werte real sind, und dass die Menschen, die dort wohnen, wo wir messen - und das gilt auch für die Schiede - diesen hohen NO2-Werten nicht dauerhaft ausgesetzt werden dürfen, sondern die Grenzwerte eingehalten werden müssen.

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