Irgendwie eine Quarantäne-Station der besonderen Art: Die Justizvollzugsanstalt Diez.
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Irgendwie eine Quarantäne-Station der besonderen Art: Die Justizvollzugsanstalt Diez.

Dauerquarantäne

Corona im Gefängnis: Das Virus stoppt an Gefängnismauern

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Corona macht Halt vor Gefängnismauern. Insassen der Haftanstalten sind in Zeiten der Pandemie noch sicherer als sonst.

Limburg/Diez - Gefängnisdirektor ist ja sowieso nicht gerade ein leichter Job. Aber in Zeiten von Corona ist er eine große Herausforderung. "Wir drücken uns tagtäglich die Daumen", sagt Josef Maldener und lacht. Und bislang hat es offenbar geholfen. Das Daumendrücken und das Sicherheitskonzept. Bislang gebe es in der JVA Diez keinen bekannten Covid-19-Fall - weder bei den Inhaftierten noch beim Personal.

Dafür müssen die Häftlinge aber auch seit März mit ganz besonderen Auflagen und Einschränkungen leben und die Mitarbeiter der JVA mit Mehrarbeit und Mund-Nasenschutz. Aber beschwert habe sich eigentlich niemand. "Alle wissen, dass die Maßnahmen nötig sind", sagt Anja Müller, Leiterin der JVA Limburg. Eine Haftanstalt unter Quarantäne möchte sich niemand vorstellen.

Corona im Gefängnis: Kein Fall von Corona - nirgends

Auch im kleinsten hessischen Gefängnis haben Desinfektionsmittel, Abstandsregeln und Quarantäne-Maßnahmen ihren Dienst getan. Auch hier kein Corona-Fall - nirgends. Und auch hier wird alles getan, damit das auch so bleibt. Normalerweise können hier 59 Gefangene aufgenommen werden, derzeit sind es gerade mal 42.

Nicht, weil weniger Männer Straftaten begangen haben, sondern weil Gerichtstermine ausgesetzt worden waren, weil weniger Inhaftierte nach Limburg überstellt worden sind, weil Männer, die eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten müssen, weil sie ihre Geldstrafe nicht zahlen konnten oder wollten, erst später geladen werden. "Aber jetzt läuft es langsam wieder", sagt Anja Müller.

Gefängnis in Limburg: Quarantäne für Neuankömmlinge

Doch wer in die JVA Limburg soll, lernt erst einmal ein ganz anderes Gefängnis kennen: Neuzugänge müssen für 14 Tage nach Butzbach in Quarantäne. Denn dort gebe es ausreichend medizinisches Personal, in Limburg gerade mal einen Sanitäter. Neben Neuzugängen und Besuchern sind Gerichtstermine eine Gefahr: Um dieses Risiko, das Coronavirus in die JVA einzuschleppen, so gering wie möglich zu halten, müsse ein Wachtmeister den Gefangenen die ganze Zeit im Auge behalten und am Ende bescheinigen, dass die Richtlinien immer eingehalten wurden.

Wenn nicht, muss der Häftling 14 Tage in Quarantäne. Wenn ja, kann er seinen Gefängnisalltag wieder aufnehmen. So weit Alltag unter diesen Corona-Bedingungen überhaupt möglich ist, mit Mund-Nase-Schutz für die Bediensteten, Desinfektionsmittel und Fieberthermometer am Eingang und einer Plexiglasscheibe quer durch das Besuchszimmer. Vor allem der Lockdown habe vielen Gefangenen schwer zu schaffen gemacht, sagt Anja Müller. "Für alle, die früher regelmäßig Besuch bekamen, waren das drei harte Monate."

Corona im Gefängnis: Kein regelmäßiger Besuch mehr

Viele Häftlinge der JVA Diez bekommen schon lange nicht mehr regelmäßig Besuch. Das Diezer Gefängnis ist das größte Langstrafen-Anstalt in Rheinland-Pfalz und gut vorbereitet auf den GAU. Es gibt eine Quarantäne-Station mit Platz für bis zu 15 Inhaftierte, wer schwerer erkrankt, soll ins Vollzugskrankenhaus nach Wittlich gebracht werden. "Aber wer Intensivmedizin braucht, muss in ein öffentliches Krankenhaus", sagt Josef Maldener. 520 Häftlinge verbüßen derzeit ihre Strafe in der JVA Diez, einige von ihnen schon seit vielen Jahren - aber so etwas haben sie noch nicht erlebt.

Fast drei Monate durften sie fast gar keinen Kontakt nach draußen haben. Besuch war verboten, Telefonate und Video-Anrufe waren die einzige Möglichkeit, die Familie zu sprechen. Inzwischen ist Besuch wieder erlaubt, wenn er kein Fieber hat und auch ansonsten keine Krankheitsanzeichen; aber nur einmal im Monat für eine Stunde, mit Sicherheitsabstand und ohne Anfassen - keine Umarmung, kein Händeschütteln.

Im Gefängnis: Mit Abstand, Maske und Quarantäne gegen das Coronavirus

Wer sich auch nur verdächtig macht, dass er vor Gericht zum Beispiel seinem Rechtsanwalt zu nahe gekommen ist, wird isoliert, darf für 14 Tage an keiner Gruppenveranstaltung teilnehmen, nur alleine und mit Mund-Nasen-Schutz gegen das Coronavirus auf den Hof und zum Duschen. Wer die Quarantäne hinter sich hat, kann auf die Schutzmaske verzichten - so wie alle anderen Insassen auch. Häftlinge sind ja irgendwie alle in Dauer-Quarantäne.

Pandemie: Im Gefängnis trägt nur das Personal Maske gegen das Coronavirus

Nur das Personal trägt Maske, sobald der Sicherheitsabstand von 1,50 Metern nicht eingehalten werden kann. Das hat sich auch mit den Lockerungen, die seit 2. Juni in Kraft sind, nicht geändert. Anderes schon: Der Optiker kommt wieder ins Haus, die Physiotherapeuten und auch der Friseur. Die Alphabetisierungskurse haben wieder angefangen, die Deutschkurse und auch die meisten Gruppentherapien. Seit Mitte März waren ja auch die Gesprächstherapien wegen Corona ausgesetzt. Solange sich die Teilnehmer nicht zu nahe kommen, können sie jetzt wieder auf das Leben draußen vorbereitet werden - in kleineren Gruppen. Das Angebot für Sexualstraftäter findet wieder statt, das Anti-Gewalt-Training und das Sozialtraining nicht, denn da gehört körperliche Nähe dazu.

Corona im Gefängnis: Ein Spiegel der Gesellschaft

Und wenn Therapien ausfallen müssen, hat das Virus vielleicht auch Einfluss auf den Resozialisierungserfolg. Aber ob die Therapie nun absolviert werden konnten oder nicht - natürlich werde der Häftling nach Verbüßung seiner Strafe entlassen, sagt Josef Maldener. Aber er werde vielleicht nicht vorzeitig entlassen, wenn das Anti-Gewalt-Training noch nicht abgeschlossen sei. Noch gebe es keinen solchen Fall, sagt Josef Maldener. Aber es könnte ihn geben. Und dann könnte vielleicht doch Unmut laut werden über die Einschränkungen, die die Corona-Pandemie mit sich bringt. "Die einen haben Angst, dass sie krank werden könnten, die anderen sind ganz unbesorgt." Auch in diesem Fall sei die Haftanstalt ein Spiegel der Gesellschaft. (Von Sabine Rauch) In Frankfurt kam es zu einem Zwischenfall: Ein Mann geht ohne Mundschutz in einen Supermarkt. Die Situation eskaliert - Mitarbeiter bedroht. Polizei findet Toten in Wohnung: Verdächtiger gefasst - Hintergründe noch unklar.

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