Im Vorraum zu seiner Werkstatt zeigt Udo-Bernd Glaab seine Sammlung alter Tonbandgeräte, Plattenspieler, Radiogeräte und Verstärker.
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Im Vorraum zu seiner Werkstatt zeigt Udo-Bernd Glaab seine Sammlung alter Tonbandgeräte, Plattenspieler, Radiogeräte und Verstärker.

Ein Unternehmer blickt zurück

Limburg: Er bringt alte Schätzchen zum Laufen

Radio- und Fernsehtechniker Udo-Bernd Glaab hat in 75 Jahren einen gravierenden Wandel erlebt

Limburg -In kaum einer anderen Branche des Handwerks lässt sich in den zurückliegenden Jahrzehnten bis heute eine revolutionäre Entwicklung nachvollziehen wie in der Bandbreite elektronischer Medien. Eine Sparte ist die Radio- und Fernsehtechnik, von der in der hiesigen Region mehrere kleinere Betriebe lebten, denen große Filialisten nach und nach den Garaus machten. Zu den letzten, die übrig geblieben sind, zählt die Firma Müller & Glaab, die in diesen Tagen dank ihres Altmeisters Udo-Bernd Glaab auf ihre 75-jährige Existenz zurückblickt.

"Was waren das noch Zeiten als wir in unserer Werkstatt in der Holzheimer Straße Radio- und Fernsehgeräte, die analoge HiFi-Technik wie Röhren- und Transistorverstärker, Plattenspieler und Tonbandmaschinen verkauften und mit bis zu sieben Mitarbeitern Reparaturdienste ausführten", blickt Inhaber Glaab nachdenklich zurück, der mit Albert Müller 50 junge Leute für diese Aufgaben ausgebildet hatte.

Den Grundstein des Unternehmens legte der Limburger Albert Müller, ein Maschineningenieur, der die Weltmeere bereiste und seinen Beruf durch eine Herzerkrankung aufgeben musste. Danach machte er sein Hobby als Kurzwellenamateur zu seinem zweiten Beruf und absolvierte am 29. Juni 1941 die Meisterprüfung als Rundfunkmechaniker. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs machte er sich 1946 in seinem Elternhaus unter dem Firmennamen "Radio Müller" selbstständig.

Ausbilder schon vor der Meisterprüfung

Albert Müller war ein begnadeter, kompetenter Handwerker und Techniker im Geschäft; seine Ehefrau Lisa kümmerte sich um die Organisation im Hintergrund. Zu Beginn dieser Zeit war der heutige Inhaber Udo Bernd Glaab gerade mal im Kindergarten. Er begann am 1. April 1959 mit 17 Jahren bei Radio Müller eine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker. Seine Begabung und Fähigkeiten führten zu einer Prüfung beim Regierungspräsident in Wiesbaden, damit er bereits vor der Meisterprüfung eine Ausnahmegenehmigung zur Lehrlingsausbildung bekam. Damit konnte er seinen erkrankten Chef in dieser verantwortungsvollen Aufgabe entlasten.

Radio Müller war in Limburg und Umgebung ein Markenzeichen für gute Ausbildung und Qualität. Ab 9. September 1963 wurde das Unternehmen in Müller & Glaab OHG umfirmiert, fünf Jahre danach absolvierte Glaab die Meisterprüfung. In der Folgezeit hatte sich der Betrieb neben der klassischen Radio- und Fernsehtechnik mit der Ton- und Beschallungstechnik in Sälen und Kirchen ein zusätzliches Standbein geschaffen. Die Firma plante und führte große Open-Air- und Zeltveranstaltungen aus. Auch baute sie einen Industrietechnikzweig in der Herstellung von gedruckten Schaltungen und ELA-Verstärkern für Asphalt- und Bitumenmischanlagen auf.

Die Orgel in der ganzen Stadt hören

Ein halbes Jahrhundert war Glaab für die Beschallung der Limburger Fronleichnamsprozession zuständig. "Bereits in meinem ersten Lehrjahr saß ich im Dom und war dafür verantwortlich, dass man die Orgel in der ganzen Stadt hören konnte", erinnert sich der 79-Jährige.

"Damals, als es noch vier Altäre gab (einen auf dem Bischofsplatz, zwei auf dem Neumarkt und einen in der Hospitalstraße), haben wir mit acht Leuten 6000 Meter Leitungen verlegt und 60 Lautsprecher installiert, alle Marke Eigenbau, extra für Fronleichnam. Dazu kam eine Telefon-Ringleitung für die Verständigung; denn Funk gab es ja noch nicht. Das war eine Pionierleistung", berichtet der evangelische Christ, der die Fronleichnamslieder fast auswendig mitsingen konnte und fügt hinzu: "Ich verstand mich als der technisch-ökumenische Beitrag für das Gelingen."

Als Albert Müller 1972 in den Ruhestand ging, bauten Udo-Bernd Glaab und seine Frau Brigitte als alleinige Gesellschafter das Geschäft weiter aus. Sie übernahm die komplette Auftragsbearbeitung und Finanzbuchhaltung. Den Lehrlingen wurde teils auch mit firmeninternem Unterricht eine Ausgangsbasis für die weitere berufliche Entwicklung in Industrie, Funk und Fernsehen, Schulen bis hin zur Selbständigkeit vermittelt.

In einer Zeit des atemberaubenden technischen Wandels, in der der klassische Radio- und Fernsehtechniker ausstirbt, betreiben die Eheleute Glaab, die 2017 ihre goldene Hochzeit feiern konnten, ihre Firma bis heute mit Leidenschaft. "Besonders die alten Schätzchen aus dem analogen Zeitalter haben es mir angetan. Wenn die Freaks mir die alten Sachen bringen und ich ihre Raritäten wieder zum Laufen bringen kann, gehe ich auf wie ein Kreppel", sagt Glaab und lacht. Daneben verbringt er freie Zeit in seinem Ton- und Filmstudio.

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