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Limburg: "Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum"

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Von: Rolf Goeckel

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Sie sprachen über die Hilfe für Obdachlose: (von links) Pfarrer Markus Stambke, Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer (sitzend), Hannelore Martin, Förderkreis-Vorsitzender Georg Fritz (sitzend), Harry Fenzl von der Wohnungslosenhilfe der Caritas und seine Nachfolgerin Christina Auer.
Sie sprachen über die Hilfe für Obdachlose: (von links) Pfarrer Markus Stambke, Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer (sitzend), Hannelore Martin, Förderkreis-Vorsitzender Georg Fritz (sitzend), Harry Fenzl von der Wohnungslosenhilfe der Caritas und seine Nachfolgerin Christina Auer. © Rolf Goeckel

Pröpstin von Nord-Nassau, Sabine Bertram-Schäfer, bei der Caritas-Wohnungslosenhilfe

Limburg -Einen Runden Tisch aus Vertretern von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft im Kampf gegen die Wohnungsnot hat der Leiter der Caritas-Wohnungslosenhilfe, Harry Fenzl, bei einem Treffen mit der Pröpstin von Nord-Nassau, Sabine Bertram-Schäfer, in der evangelischen Kirche in Limburg angeregt. Die Lage am Wohnungsmarkt bezeichnete Fenzl als katastrophal. "Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum", beschrieb der Sozialarbeiter, der demnächst in den Ruhestand geht, die Situation in der Region Limburg.

Pröpstin Bertram-Schäfer hatte sich zuvor bei Fenzl erkundigt, wie er denn die Chancen auf Wiedereingliederung von Obdachlosen einschätze, die von der Caritas-Wohnungslosenhilfe betreut werden. "Die Chancen", antwortete Fenzl, "wären groß, wenn es genügend Wohnungen gebe." Gesucht würden vor allem leerstehende Wohnungen, aber auch Flächen, auf denen beispielsweise Wohncontainer oder sogenannte Tiny Houses" aufgestellt werden können. Besonders dringend würden auch Notunterkünfte gebraucht. 120 Obdachlose würden derzeit von der Caritas-Wohnungslosenhilfe betreut - eine Aufgabe, bei der die katholische Sozialorganisation auf vielfältige Unterstützung angewiesen sei, wie Fenzl verdeutlichte. Zum Beispiel von dem Förderkreis Obdachlosenhilfe, der im kommenden Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Grillfest für Obdachlose

Um diesen Verein kennenzulernen, war Pröpstin Bertram-Schäfer nach Limburg gekommen. Denn die Ziele und Projekte des Förderkreises seien auch ein Anliegen der sozialen Arbeit in der evangelischen Kirche. Mitbegründer und Vorsitzender Georg Fritz aus Hadamar berichtete, dass seine Begegnung mit Obdachlosen in Frankfurt am Main seinerzeit ausschlaggebend für seine Initiative gewesen sei. Gemeinsam mit dem damaligen Bezirksdekan Alois Staudt und weiteren 17 Personen wurde der Förderkreis im April 1998 ins Leben gerufen - nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Caritas-Wohnungslosenhilfe, wie Fritz betonte. Dessen Leiter sei durch sein Amt Vorstandsmitglied im Verein.

Eine Reihe wichtiger Projekte habe der Kreis ins Leben gerufen, beispielsweise wurden Wohnungen für obdachlose Frauen angemietet, die laut Fenzl rund ein Viertel aller Wohnungslosen ausmachten. Es gebe ein Grillfest für Obdachlose im Sommer, ein Requiem für verstorbene Menschen ohne Wohnsitz im November sowie einen Weihnachtsgottesdienst mit anschließendem gemeinsamen Essen und kleinen Geschenken im Kolpinghaus.

35 Ehrenamtliche im "Lädchen"

Der ganze Stolz des Förderkreises ist der Betrieb von "Unser Lädchen", eine "Tafel", in der von Supermärkten gespendete Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, an Bedürftige abgegeben werden. 60 bis 70 Personen können sich hier zweimal wöchentlich mit Nahrungsmitteln versorgen, berichtete Hannelore Martin, die zusammen mit 35 Ehrenamtlichen im "Lädchen" arbeitet. Damit sei die Kapazität der Einrichtung bis an die Obergrenze ausgelastet. Für rund 25 ukrainische Flüchtlingen könnten daher nur dann Lebensmittel abgegeben werden, wenn zuvor die Stammklientel versorgt worden sei, so Martin.

Die Bedeutung des Förderkreises Obdachlosenhilfe als einen "starker Partner" hob Harry Fenzl hervor. "Um die komplexe Herausforderung der Wohnungslosigkeit zu bekämpfen, braucht man Bündnisse." Und ohne die finanzielle Unterstützung des Förderkreises hätte die Caritas-Wohnungslosenhilfe "viele Dinge nicht machen können". Als Beispiele nannte Fenzl ein Beschäftigungsprojekt, das nicht finanziell abgesichert war, aber auch den Abschluss eines Mietvertrags, für den der Verein gebürgt habe.

Besonders aber unterstrich Fenzl, der in der Gesprächsrunde auch seine Nachfolgerin Christina Auer vorstellte, das Angebot von sozialen Bindungen an obdachlose Menschen. Denn eines der drängendsten Probleme dieses Personenkreises sei die Einsamkeit. "Selbst wenn ein solcher Mensch wieder eine Wohnung hat, bleibt er doch meistens alleine darin", sagte Fenzl und warb für mehr Verständnis für diese Gruppe. "Obdachlose Menschen sind nicht anders als wir. Es gibt sehr Korrekte und solche, die die Regeln nicht beachten. Der einzige Unterschied zu allen anderen besteht in den Lebensbedingungen."

Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer wollte außerdem wissen, wie sich das Wohnungsproblem in den Dörfern des Landkreises Limburg-Weilburg darstelle. Fenzl erklärte dazu, dass sich die Hilfe nicht alleine auf die Stadt Limburg konzentrieren dürfe, sondern auch in den kleineren Kommunen des Umlands mehr Wohnraum benötigt werde. Dafür gebe es bereits einige ermutigende Beispiele - auch wenn es insgesamt nur wenig Bewegung gebe. Dabei sei die Dringlichkeit enorm: "Wohnungsnot kann die Gesellschaft spalten", warnte der Sozialarbeiter. Es gelte zudem präventiv tätig zu werden, also Wohnungslosigkeit zu vermeiden. "Wenn jemand mal draußen ist, ist er draußen." Auf dem Lande müssten die Menschen allerdings mobil seien, zum Beispiel mit Hilfe von Sozialtickets.

Pfarrer Markus Stambke vom Evangelischen Pfarrbezirk Limburg Mitte stimmte Fenzls Einschätzung zu, wonach es zur Lösung des Problems der Obdachlosigkeit gemeinsamer Anstrengungen bedürfe. Zugleich betonte er die Bedeutung von Lobbyarbeit und erinnerte an eine Ausstellung vor drei Jahren mit dem Titel "Gesichter der Armut", deren Wiederholung er anregte. Stambke kündigte außerdem an, dass die während der Corona-Zeit eingestellte Suppenküche im Herbst wiederbelebt werden soll.

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