Alfred Schardt
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Alfred Schardt

Euthanasie-Verbrechen in Hadamar

Limburg: Weil er nicht schwieg, musste er sterben

  • vonRobin Klöppel
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Publikation über das schicksalhafte Leben Alfred Schardts wird vorgestellt.

Limburg – Die neue Publikation "Er kann nicht ohne Anstaltsbehandlung auskommen" des Limburger Stadarchivars Dr. Christoph Waldecker ist gestern im Limburger Rathaus vorgestellt worden. Es geht darin um den in Limburg begrabenen Alfred Schardt (1914-1942), der wahrscheinlich im Rahmen der Euthanasie-Verbrechen in Hadamar mit einer Überdosierung an Medikamenten ermordet wurde. Grund laut Waldecker: der geistig behinderte Klinikpatient hatte in Hadamar in der Stadt offen über die Vorkommnisse in der Heilanstalt erzählt.

Alfred Schardt wurde am 19. Mai 1914 in Ensisheim im Elsass als zweitältester Sohn von Georg Schardt und seiner Frau Eugenie geboren. Sein Vater stammte aus Frickhofen und arbeitete im Elsass als Gefängniswärter. Später bekam er eine Stelle im Diezer Gefängnis, so dass Georg Schardt mit seiner Familie in seine Heimatregion zurückkehren konnte. Das Paar hatte zusammen sechs Kinder. Sohn Alfred war von Geburt an geistig behindert. Bis zum Alter von 13 Jahren lebte Alfred Schardt im Haushalt seiner Eltern. Am 19. August 1927 wurde er in die Pflegeanstalt Aulhausen im Rheingau aufgenommen. 1937 wurde er in die Landesheil- und Pflegeanstalt nach Herborn verlegt. Doch seine Mutter, die nach dem Tod ihres Gatten mittlerweile in Limburg lebte, bat um die Verlegung nach Hadamar, weil Reisen nach Herborn ihr zu umständlich und kostspielig waren. Dem wurde stattgegeben.

Behinderte wurden ermordet

Schardt überstand in Hadamar noch die erste Tötungswelle. Doch weil er sich nicht den Mund verbieten ließ, wurde es für die Mutter immer schwerer, ihn in Limburg oder der Klinik noch zu treffen. 1942 starb Alfred Schardt dann plötzlich, angeblich an einer Lungenentzündung. Obwohl Waldecker es nicht ausschließen kann, dass Schardt wie 60 Prozent der Patienten in Hadamar an Unterernährung ums Leben kam, spricht ein Eintrag in die Krankenakte vom selben Tag deutlich dafür, dass man den unbequemen Patienten schnell los werden wollte. Dort steht, dass Alfred Schardt "in die Anstalt genommen", also jeglicher Ausgang verweigert wurde, weil er freche Redensarten geführt habe.

Der Limburger Stadtarchivar erzählte, dass neben den sechs Millionen europäischen Juden im Rahmen des Dritten Reichs auch mehr als 200 000 Behinderte ermordet worden seien. Von daher könne man am Lebensweg Schardts viel über die Geschehnisse der 1940er Jahre ablesen. Er habe ihn als Beispiel ausgesucht, nachdem er zufällig seine Krankenakte in die Hand bekommen und dabei festgestellt habe, dass über sein Leben in Hadamar sowie im hessischen Staatsarchiv noch viel interessantes Material zu finden sei. Zufällig hätten auch Verwandte zur selben Zeit nachgeforscht und seien dann mit ihm in Kontakt getreten, so Waldecker.

Eine Nichte des Ermordeten, die Kölnerin Monika Schwaborn aus Köln, war gestern genauso anwesend, wie die heimischen Neffen Rainer Krämer (Elz) und Peter Schardt (Limburg). Bürgermeister Dr. Marius Hahn (SPD) stellte fest, dass langsam die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges sterben würden. Von daher sei es wichtig, Wissen über die Vergangenheit für kommende Generationen in Schriftform zu erhalten. Er habe leider den Eindruck, dass viele in der jüngsten Vergangenheit auf der Straße oder im Internet die Ereignisse der damaligen Zeit zu relativieren versuchten. Mit der Publikation wolle die Stadt ihrer Verantwortung gerecht werden. Hahn hofft, dass viele Menschen die Publikation reflektiert lesen und dazu beitragen würden, "dass wir so was nie wieder zulassen".

Mit dem System identifiziert

Waldecker dankte der Gedenkstätte Hadamar sowie Schardts Familie für die Unterstützung bei den Recherchen. Nichte Monika Schwaborn sagte, dass sie es betrüblich finde, dass in der Familie so gut wie nie über ihren toten Onkel gesprochen worden sei. Doch dessen ältester Bruder sei in der Waffen-SS gewesen. Selbst ihre eigene Mutter habe sich damals mit dem System identifiziert. Ihr Wunsch, mehr über den Tod des Onkels erfahren zu wollen, habe dann dazu geführt, dass zunächst Rainer Krämer und dann sie die Gedenkstätte Hadamar aufgesucht hätten. Schwaborn sagte, sie habe ihren Onkel einerseits bewundert, dass er in der Stadt die Ereignisse in der Klinik klar angesprochen habe. Gleichzeitig sei sie aber betrübt, dass, die Menschen in Hadamar trotz Kenntnis der Zustände in der Einrichtung nichts dagegen unternommen hätten.

Wer sich dafür interessiert, erhält die 27-seitige Broschüre kostenlos im Stadtarchiv in Limburg (Schloss) oder im Bürgerbüro der Stadt (Werner-Senger-Straße).

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