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An der Stelle, an der das schreckliche Unglück geschah, steht eine Gedenktafel für die verstorbenen Kinder der Limburger Reisegruppe. 

Unglück vor 45 Jahren 

Acht Mädchen sterben – Tragisches Ende einer Ferienfreizeit

Vor 45 Jahren verlor Käthe Zimmermann ihre Tochter. "Für alles gibt es Gedenktage. Es ist eigentlich schade, dass über den grauenhaften Unfalltod unserer Kinder nichts mehr in der Zeitung steht", sagt sie.

Limburg-Weilburg/Taxenbach – Am 29. Juli 1974 sind in der Gemeinde Taxenbach im Salzburger Land acht Mädchen ums Leben gekommen, die an einer Ferienfreizeit des Limburger Kreisjugendamtes teilgenommen hatten. "Sollte es zum 50-jährigen Gedenken für unsere Kinder eine Feierstunde geben, so werden vermutlich keine Eltern mehr dabei sein", sagt Käthe Zimmermann in Niedertiefenbach, die im Juni diesen Jahres ihren zwei Jahre älteren Ehemann Heinz zu Grabe getragen hat. Die 86-Jährige sitzt vor einem Stoß von Zeitungsausschnitten, die sie damals gesammelt hat. Sämtliche Medien in Österreich und der Bundesrepublik hatten über das grausame Ereignis berichtet, das sich in der Kitzlochklamm zugetragen hat, wo sie ihre Tochter Carmen verlor.

Gemeinsam mit Heike Kunz aus Frickhofen, deren jüngere Schwester Jutta Steiner damals ums Leben kam, erinnert sich Käthe Jahr für Jahr. Beide Frauen haben die tragischen Ereignisse bis heute freundschaftlich verbunden. Heike Kunz (61) sagt: "Was damals passiert ist, geht mir nicht mehr aus dem Kopf." Sie bittet darum, im Sinne der Opfer und ihrer leidgeprüften Eltern ihrer zu gedenken.

Ein wunderschöner Ferientag mit tragischem Ausgang

Es sollte ein wunderschöner Ferientag werden, auf den sich 24 Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren aus dem Altkreis Limburg gefreut hatten. Das Kreisjugendamt hatte - wie schon in den Jahren vorher - die Freizeit in Fusch an der Straße zum Großglockner ausgeschrieben. Eine Wanderung führte die Kindergruppe am 29. Juli mit drei Betreuerinnen in die nahegelegene Kitzlochklamm, eine Sehenswürdigkeit in der freien Natur, die jedes Jahr von tausenden Touristen besucht wird.

In Limburg an der Lahn in Mittelhessen ist ein Mann mit einem Lkw ungebremst in mehrere Autos gefahren. Es wäre nicht das erste Mal, dass Fahrzeuge als Waffe gegen Menschen eingesetzt  werden. 

Am Donnerstagabend ist ein Brand in der Stadthalle Limburg ausgebrochen - und das während einer laufenden Veranstaltung mit 220 Besuchern.

Der Weg dorthin wird zu einem großen Teil über Holzstege ermöglicht. Dort in der Klamm, 20 Meter über dem reißenden Wildwasser der Rauriser Ache, befindet sich eine Brücke, von wo aus die Besucher einen grandiosen Ausblick hinab genießen können. Die damals 36 Jahre alte Limburger Jugendleiterin Rosemarie Krah, die auch zwei eigene Kinder dabei hatte, stellte die Gruppe zur Erinnerung an das einmalige Ereignis auf der besagten Brücke zu einem Foto zusammen, so, wie sie es in Vorjahren schon mit größeren Gruppen gemacht hatte. Sie ging ein paar Schritte auf festem Boden zurück, damit auch alle auf dem Bild zu sehen waren, und drückte auf den Auslöser ihrer Kamera. Dann drehte sie sich kurz, um die Kamera neu einzustellen, als sie schrille Schreie der Kinder hörte, die mit dem krachenden Steg in die Tiefe stürzten, wo sie auf Felsgestein prallten oder im Wasser aufkamen; teils schrien sie unter der Last der schweren Balken.

16 Kinder gerettet

Rosemarie Krah sprang in die Schlucht der eiskalten Ache, rettete Mädchen, die sie zu fassen bekam. Sechs Kinder waren sofort tot, zwei vermisste wurden von den Fluten mitgerissen und erst am folgenden Tag tot aufgefunden, 16 Jungen und Mädchen konnten gerettet werden, davon fünf mit schweren Verletzungen.

Damals gab es noch kein Handy. Ein 16-jähriger Schüler aus Essen, der das Unglück in der Nähe auf sicherem Grund miterlebt hatte, rannte eine halbe Stunde bis zu dem nächstgelegenen Gasthof am Ausgang der Schlucht. Von dort wurden die Retter alarmiert, die über eine Stunde nach dem fürchterlichen Unglück eintrafen. Seilschaften der Feuerwehr und die Gendarmerie bahnten sich den Weg durch das unwegsame Gelände zu den schreienden Kindern.

Der Steg war erst vier Wochen zuvor durch einen Ingenieur auf seine Funktion überprüft und für den Zutritt freigegeben worden. Später wurde festgestellt, dass vermeintlich intakte Holzelemente innen morsch und brüchig waren. Dem für die Sicherheit der Steganlagen zuständigen 29-jährigen Sachverständigen wurde in späteren Gerichtsverfahren die Hauptschuld an dem Unfall gegeben. Er kam mit einer relativ milden Strafe davon.

Käthe Zimmermann vor ihren zahlreichen Zeitungsberichten, die sie an den Absturz der Kindergruppe in der Kitzlochklamm erinnern. Dabei war auch ihre Tochter Carmen unter den Opfern. 

Käthe und Heinz Zimmermann befanden sich am Tag, als das Unglück um 11 Uhr geschah, mit einem Sohn im Urlaub in Südtirol. "Wir waren unterwegs und erst gegen 21 Uhr in das kleine Dorf hoch in den Bergen zurückgekehrt.

Über einen Anrufer war mitgeteilt worden, dass ein Omnibus schwer verunglückt sei", erinnert sich die 86-Jährige. Als klar war, was tatsächlich geschah, fuhr sie mit ihrem Mann nachts um eins über den Brenner nach Taxenbach. "Dorthin brachten sie die Särge. In Taxenbach fand eine Trauerfeier statt. Ich erinnere mich, dass der Limburger Weihbischof Walther Kampe dabei war", sagt Käthe Zimmermann. Auch Landrat Heinz Wolf, der im Kreishaus einen Krisenstab eingerichtet hatte, und Erwin Kaiser, Bürgerreferent des Kreises, waren an den Ort des Geschehens gereist. Für die Eltern der Kinder setzte der Kreis einen Bus nach Österreich ein.

Derweil wehten in der rund 800 Kilometer entfernten Heimat der Kinder die Fahnen der Kreisverwaltung auf Halbmast. Trauer erschütterte die ganze Region. Nach und nach trafen die Särge mit den getöteten acht Kindern in der Limburger Friedhofshalle ein. Käthe Zimmermann: "Es war die erste Trauerfeier in der neuen Halle."

Lehrerin schuldlos

Das jeweilige Namensschildchen und ein Blumenbukett zierten die Särge. Neben Landrat Wolf sprachen in Limburg der damalige Staatsminister Heinz Herbert Karry und Bezirksdekan Aloys Staudt Worte der Trauer. Für Bischof Dr. Wilhelm Kempf, der 5000 Mark zur Linderung der ersten Not bereitstellte, bekundete Generalvikar Seidenather dessen Anteilnahme. Die heimischen Zeitungen berichteten von herzzerreißenden Szenen. Danach wurden die Särge zur Beerdigung auf die Friedhöfe der Wohnorte gebracht. Dort war es für die Angehörigen bereits die dritte Trauerfeier. In Limburg und später in den Heimatdörfern nahmen die Familien der Kinder, Schulkameraden, Nachbarn und Freunde sowie betroffene Einwohner Abschied von den Toten.

Der verantwortlichen Lehrerin Rosemarie Krah war keine Schuld nachzuweisen. Das tragische Unglück hatte zur Folge, dass die Klamm zwei Jahre gesperrt blieb, die Steganlagen erneuert und die Sicherheitsstandards angehoben wurden.

Das Gedenken zum heutigen Jahrestag gilt den Kindern Gabriele Brendel (Camberg), Hannelore Hübner (Elz), Daniela Wingenbach (Dehrn), Carmen Zimmermann (Niedertiefenbach), Sabine Jung (Wilsenroth) sowie Sigrid Broze, Andrea May und Jutta Steiner (alle Frickhofen).

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