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Bischof Georg Bätzing (2. von rechts) in der Pressekonferenz. Links Ingeborg Schillai, die Präsidentin des Diözesansynodalrats, und Bistumssprecher Stephan Schnelle, rechts Projektsteuerer Johannes Weuthen.

Schuldige benennen – Strukturen verändern

Mit diesem Projekt will das Bistum Limburg sexuellen Missbrauch verhindern und aufklären

Sexuellen Missbrauch aufklären und künftig verhindern: Darum geht es in einem bislang bundesweit einmaligen Projekt des Bistums Limburg, das Bischof Dr. Georg Bätzing und die Präsidentin der Diözesanversammlung Ingeborg Schillai gestern vorstellten. Die Kirche setzt dabei auch auf externe Fachleute.

Limburg - Wenn das Bistum zu einer Pressekonferenz ins Priesterseminar einlädt, gibt es immer einen besonderen Anlass. Zuletzt stellte sich dort Dr. Georg Bätzing kurz nach seiner Ernennung zum Bischof vor, davor ging es mehrfach um den Finanzskandal und die Folgen. Gestern lockte das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche Journalisten aus ganz Deutschland an. Fünf Fernsehteams und zwei Dutzend weitere Medienvertreter hörten, was die Diözese dagegen unternehmen will. „Wir leisten einen Beitrag, dass Kinder und Jugendliche im Bistum und seinen Einrichtungen sicher leben und ihren Glauben erfahren können“, betonte Bischof Dr. Georg Bätzing.

Aufklären, verhindern und vorbeugen sind die Schlagworte des in intensiven synodalen und kurialen Beratungen entwickelten Konzepts. Es umfasst neben dem sexuellen Missbrauch, der laut Bätzing immer auch Machtmissbrauch darstellt, die sogenannten systemischen Faktoren, die den Missbrauch und den Schutz der Täter begünstigen. Dazu gehören die Bereiche „Aus- und Weiterbildung“, „Personalführung“, „Rolle der Frauen in der Kirche“ und „Umgang mit katholischer Sexualmoral / Neubewertung Homosexualität“. Arbeitsgruppen sollen sich mit acht Themenfeldern beschäftigen.

Klare Ergebnisse

Die Ziele sind ebenso ambitioniert wie der Zeitplan. Das Projekt soll im Sommer beginnen und ein Jahr später abgeschlossen sein. „Dann wollen wir klare Ergebnisse sehen“, sagten Georg Bätzing und Ingeborg Schillai, die Präsidentin der Diözesanversammlung, unisono.

Sie haben das Projekt gemeinsam in Auftrag gegeben – um die gute Tradition des synodalen Weges in Limburg zu dokumentieren und zu zeigen, dass dieses Thema das gesamte Kirchenvolk betrifft. Die Arbeit soll sich jedoch nicht auf die Kirche beschränken. „Wir brauchen und wir wollen dabei die Hilfe von externen Fachleuten“, sagte der Bischof. Er erklärte noch einmal eindringlich, wie sehr ihn die im vergangenen September veröffentlichte Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige „geschockt und erschüttert“ hat. „Wir dürfen es nicht bei Empörung und Wut belassen“, forderte Schillai. In der Aufarbeitung und Umsetzung der Empfehlungen aus der Studie geht das Bistum nun als Vorreiter in Deutschland voran.

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Bei der Untersuchung der bekannten Fälle und weiterer Verdachtsmomente soll es ausschließlich um die Perspektive der Opfer gehen, hob Ingeborg Schillai hervor. Das ist das erste der acht Teilprojekte. Alle Namen sollen der Staatsanwaltschaft genannt und das Gesamtergebnis in einer Pressekonferenz präsentiert werden. „Ich möchte wissen: Was war die Verantwortung, wie sah die aus, wo sind Fehler gemacht worden, wer trug sie?“, sagte Bätzing. Die Antworten sollen von einem externen und unabhängigen Gremium gefunden werden. Dafür sollen noch einmal alle Personalakten gesichtet werden. Bislang gibt es laut Bätzing keine Anzeichen dafür, dass Unterlagen verschwunden oder manipuliert worden sind. Möglich sei freilich, dass Dinge gar nicht erst erfasst worden sind.

Hohe Dunkelziffer

Mit der Vertuschung ist es vorbei, bekräftigte der Bischof, den Opfern müsse endlich Gerechtigkeit widerfahren, erläuterte Schillai. Es sei klar, dass es im Bistum noch viel mehr Missbrauchsopfer gebe. „Die Dunkelziffer ist hoch und wir wissen, dass die Studie nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit beschreibt“, sagte Schillai.

In den anderen Teilprojekten geht es unter anderem darum, klerikale Machtstrukturen aufzubrechen, die Rolle der Frau in der Kirche zu stärken und die Auseinandersetzung mit der katholischen Sexualmoral zu forcieren. In diesem Zusammenhang soll auch die Homosexualität neu bewertet werden. Bätzing sagte, er habe das strikte Verbot, homosexuell Veranlagte nicht zur Priesterweihe zuzulassen, entgegen der römischen Linie schon immer für einen Fehler gehalten.

An der Entwicklung des Programms seien mehrere hundert Personen beteiligt gewesen, sagte Projektsteuerer Johannes Weuthen. Das komplette Projektprogramm: Im Internet auf der Homepage des Bistums unter www.bistumlimburg.de

57 Beschuldigte, vier laufende Verfahren

Derzeit laufen vier kirchenrechtliche Verfahren gegen Mitarbeiter des Bistums wegen sexuellen Missbrauchs, gegen drei Kleriker und einen pastoralen Mitarbeiter. Im Prüfungszeitraum seit 2010 gibt es nach Angaben von Bischof Bätzing insgesamt 57 Beschuldigte: 45 Priester und Diakone sowie zwölf Personen aus Ordensgemeinschaften und Einrichtungen der Diözese. Dabei gehe es nicht immer um schweren sexuellen Missbrauch, sondern auch um Übergriffe verschiedener Art. Von den 45 Klerikern hätten 15 den Missbrauch eingeräumt. Acht von ihnen seien inzwischen tot, drei im Ruhestand und vier noch im Dienst. 26 Fälle sind laut Bätzing offen – sie seien entweder noch nicht aufgeklärt oder die Vorwürfe würden bestritten. Die meisten Beschuldigten seien verstorben. Die anderen vier Kleriker hätten gegen die Leitlinien verstoßen, etwa durch SMS-Kontakte mit Jugendlichen, sich aber nicht strafbar gemacht.

Ex-Gerichtspräsident Gatzka untersucht Missbrauchsfall

Der ehemalige Limburger Landgerichtspräsident Ralph Gatzka soll den Missbrauchsfall aufklären, der zurzeit im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht „Ich schaffe das nicht“, sagte Bischof Georg Bätzing gestern. Er habe mit allen Beteiligten gesprochen: Mit dem Opfer Kai Moritz, der inzwischen offen über sein Martyrium berichtet, mit dessen priesterlichem Pflegevater, der ihn sieben Jahre sexuell missbrauchte, und dem früheren Personaldezernenten des Bistums Helmut Wanka, der den Fall laut Moritz vertuscht haben soll. In den Personalunterlagen gibt es dazu keine Unterlagen, sagte Bätzing. „Es fehlen relevante Dinge.“ Strafrechtlich seien die Vergehen laut Staatsanwaltschaft zwar verjährt, doch die Kirche dränge auf Aufklärung. Deshalb habe er mit Gatzka einen erfahrenen Juristen eingeschaltet. „Ich glaube Herrn Moritz“, sagte der Bischof. „Prälat Wanka sagt etwas anderes.“

von Joachim Heidersdorf

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