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Hinter einem Aktendeckel versteckte sich der wegen Mord und versuchtem Mord angeklagte Brunhold S. am ersten Prozesstag. Seine Verteidigung übernehmen die Anwälte Ramzan Schmidt und Oliver Guski (rechts).

Prozessbeginn in Limburg

Frauen zu Suizid gedrängt? Prozess nach Zwischenfall unterbrochen

  • vonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Der Prozess gegen einen 61-Jährigen, der Frauen zum Suizid gedrängt haben soll, wurde in Limburg ausgesetzt. Es gab einen Zwischenfall mit einem Kamerateam.

  • Ein Mann soll Frauen zur sexuellen Befriedigung in den Suizid gedrängt haben.
  • Am Landgericht Limburg wurde der Mordprozess kurz nach Beginn ausgesetzt.
  • Grund für die Unterbrechung war ein Zwischenfall mit einem Kamerateam des Senders RTL.

Update vom 08.10.2020, 20.31 Uhr: Der Prozess gegen einen 61 Jahre alten Mann, der verzweifelte und depressive Frauen zum Suizid gedrängt haben soll, wurde vor dem Landgericht Limburg ausgesetzt. Die Verteidigung hatte einen entsprechenden Antrag gestellt, nachdem ein Kamerateam von RTL den Angeklagten bedrängt haben soll. Der vorsitzende Richter entschuldigte sich für den Vorfall. Es hätte verhindert werden müssen, dass es zu dem Vorfall kam.

Kamerateam von RTL sorgt für Zwischenfall am Landgericht Limburg

Grund dafür, dass das Team von RTL den Mann in einem abgetrennten Bereich gefilmt hatte, sollen nach Ansicht der Verteidigung mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen gewesen sein. Der Sender hatte die Bilder des Mannes im Anschluss unverpixelt gesendet. Das Gericht zog sämtliche Dreh- und Fotografiegenehmigungen für den Prozesstag am Donnerstag zurück.

RTL teilte mit, es sei für den Reporter nicht sichtbar gewesen, dass sich der Angeklagte in einem geschützten Bereich aufhielt. Die Prozesse in Limburg finden aufgrund der Corona-Pandemie in einem Zelt statt. Dort hatte es nach Angaben des Senders keine Absperrung oder Hinweise gegeben. Das Senden der Bilder ohne Unkenntlichmachung begründete RTL mit einem „überwiegenden öffentlichen Interesse“ und „außergewöhnlicher Kriminalität“.

Landgericht Limburg will Verfahren wohl fortsetzen

Das Gericht tendiert trotz des Zwischenfalls nicht dazu, das Verfahren zu beenden. Die Verteidigung hatte einen Neustart gefordert.

Der Angeklagte steht wegen Mordes, versuchten Mordes und Verabredung zum Mord vor Gericht, da er Frauen in den Suizid gedrängt haben soll. Sein Motiv soll die Befriedigung seiner „sexuellen Tötungsfantasien“ gewesen sein.

Erstmeldung vom 06.10.2020, 16.50 Uhr: Limburg - Er habe die seelische Not verzweifelter oder depressiver Frauen gezielt ausgenützt, um seinen sexuellen Sadismus auszuleben. So lässt sich zusammenfassen, was Staatsanwälte Thomas Pohling und Sabine Hönnscheidt in drei Anklageschriften gegen den 61 Jahre alten Brunhold S. vortragen.

Mord und die Bereitschaft an Morden mitzuwirken, lauten die Vorwürfe gegen den Mann, der zuletzt im mittelhessischen Löhnberg wohnte und der an diesem ersten Prozesstag vor dem Limburger Landgericht völlig reglos neben seinen Anwälten sitzt. Eine massige Erscheinung mit kurz geraspeltem Haar. Auf den ersten Blick kein Mensch, dem man die eigenen Sorgen anvertrauen würde. Das eigene Leben erst recht nicht. Trotzdem: Die Überzeugungskraft dieses Mannes muss gewaltig gewesen sein.

Prozess in Limburg: Frauen zum Suizid gedrängt? Seelische Not ausgenützt

Das erste Ereignis, über das in diesem Verfahren verhandelt werden soll, datiert im Frühjahr 2012. Brunhold S. suchte in Internet-Selbsthilfeforen Kontakt zu psychisch labilen Frauen und lernte dabei eine junge Frau kennen, die zu jener Zeit in einer psychiatrischen Klinik in Garmisch-Partenkirchen untergebracht war. Durch zahlreiche Telefonate und E-Mails habe S. das Vertrauen der Frau gewonnen, bis diese in ihren Selbstmord einwilligte.

S. habe ihr daraufhin verschiedene Varianten angeboten: Entweder sie solle sich mit Tabletten vergiften und erhängen, oder er führe mit ihr in einen Wald, in dem sie sich ausziehen und von ihm töten lassen solle. Als dritte Möglichkeit schlug er vor, ihr die Kehle durchzuschneiden oder ihr, viertens, beim Geschlechtsverkehr das Genick zu brechen. In jedem Fall solle sie mit dem Zug oder per Mitfahrgelegenheiten nach Limburg reisen. Dort werde er sie in Empfang nehmen. Der von S. unterstützte Selbstmord scheiterte, weil die Frau sich einer Bekannten anvertraute.

Prozess in Limburg: Angeklagter gerierte sich als Ratgeber

Den beiden anderen Taten im November 2015 und im Februar 2016 sollen ähnliche Ereignisse vorausgegangen sein. Der Angeklagte gerierte sich stets als verständnisvoller Ratgeber, der über medizinische und psychologische Fachkenntnis verfüge. Sein sexuelles Interesse habe er "nicht offengelegt", sagt Staatsanwalt Pohling. Als Kümmerer gelang es ihm, seine späteren Opfer zu manipulieren.

So auch eine Frau aus Nürnberg, die nach eigenem Bekunden zwar in seelischer Not war, aber keine Selbstmordabsichten hegte. Trotzdem bewirkte S. laut Anklage, dass die Frau nackt auf einen Stuhl stieg und sich einen Gürtel um den Hals schlang, um sich zu erhängen. Der Staatsanwaltschaft zufolge habe S. "der Selbsttötung fernmündlich beiwohnen" wollen. In letzter Minute änderte die Frau ihre Absicht und überlebte.

Landgericht Limburg: Prozess droht zu platzen

Auch im dritten der verhandelten Fälle wusste der Angeklagte nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, dass die in Bremen wohnende Frau in einem psychisch instabilen Zustand war, in dem sie nicht eigenverantwortlich entscheiden konnte. Das habe Brunhold S. erneut ausgenützt, der Frau immer wieder verschiedene und Suizidmethoden vorgeschlagen. Der Angeklagte habe die Frau "massiv bedrängt". In diesem Fall sei er bei der Selbsttötung telefonisch dabei gewesen, um sich dadurch sexuelle Befriedigung zu verschaffen.

Ob das gestern eröffnete Verfahren gegen den 61-Jährigen am Donnerstag wie geplant fortgesetzt wird, entscheidet das Gericht am Mittwoch. Dessen Verteidiger Oliver Guski und Ramazan Schmidt beantragten das Verfahren auszusetzen, weil ein Gutachten über eines der Opfer noch nicht vorliege und für dessen Berücksichtigung keine "angemessene Zeit" bestehe, sagte Guski. Daniela Post, Vertreterin der Nebenklage, erinnerte daran, dass die Verhandlungstermine seit Februar bekannt seien, die Verteidigung lediglich eine "Verfahrensverzögerung" anstrebe. (Anken Bohnhorst-Vollmer)

Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de.

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