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Limburg: Lkw-Attacke 2019: Wird Haftstrafe reduziert?

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Von: Stefan Dickmann

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Auftakt zum zweiten Prozess im Saal 129 des Landgerichts Limburg: Der wegen versuchten Mordes verurteilte Omar A. betritt den Saal, links sitzt sein Dolmetscher, rechts steht sein Verteidiger.
Auftakt zum zweiten Prozess im Saal 129 des Landgerichts Limburg: Der wegen versuchten Mordes verurteilte Omar A. betritt den Saal, links sitzt sein Dolmetscher, rechts steht sein Verteidiger. © Stefan Dickmann

Die Lkw-Attacke auf der Schiede in Limburg im Oktober 2019 schockte viele Menschen

Limburg -Omar A. aus Syrien ist ein Mann, der in seinem noch jungen Leben zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort war. Vor knapp zweieinhalb Jahren sorgte der damals 32-jährige Flüchtling dafür, dass 18 Menschen in Limburg ebenfalls zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sie wurden Opfer seines Angriffs mit einem 40 Tonnen schweren Lkw. Der schmächtige Mann am Steuer, traumatisiert vom Bürgerkrieg in seiner Heimat, mit Cannabis berauscht, hatte den Laster nur wenige Minuten zuvor geraubt und fuhr auf der Schiede auf die Autos auf; zum Glück gab es nur einige körperlich leicht verletzte Menschen.

Sie waren an diesem 7. Oktober 2019, einem grauen Montag, im Feierabendverkehr auf der Schiede unterwegs. Sie saßen in ihren Autos, standen in Höhe des Landgerichts vor einer roten Ampel und ahnten nichts Böses. Sie hörten plötzlich einen lauten Knall und auf einmal waren sie Opfer eines Verkehrsunfalls geworden, bei dem sie auch hätten sterben können.

Er wird eine Therapie beginnen müssen

Omar A. fuhr unter erheblichem Cannabis-Einfluss mit ungefähr 45 km/h in ihre Fahrzeuge. An den 13 beteiligten Fahrzeugen, inklusive des Lkw, entstand ein Schaden von insgesamt 165 000 Euro.

Er wurde noch am Tatort festgenommen - damals noch unter dem Verdacht, einen Terroranschlag verübt zu haben, was allerdings nicht der Fall war - und gut ein Jahr später vom Limburger Landgericht wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt.

Diese Verurteilung ist zwar rechtskräftig, aber die Höhe des Strafmaßes noch offen, seit der Bundesgerichtshof im Sommer das Urteil der 2. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Dr. Andreas Janisch zum Teil aufhob. Der Bundesgerichtshof sieht das von dieser Kammer festgestellte Mordmerkmal der Heimtücke nicht als bewiesen an. Unstrittig ist auch aus Sicht des Bundesgerichtshofs, dass der Täter eine Tötungsabsicht hatte und dafür ein gemeingefährliches Mittel, den Lkw, einsetzte.

Seit Freitag, 11. Februar, muss die 3. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Marco Schneider prüfen, ob nun Heimtücke vorlag oder nicht. Sollte dieses Mordmerkmal ausgeschlossen werden, gilt eine Reduzierung der Haftstrafe um möglicherweise ein Jahr als realistisch. Die Kammer könnte allerdings auch am bisherigen Strafmaß festhalten. Aber auch das ändert nichts daran, dass Omar A. kurz davor steht, vom Gefängnis in die Forensik, vermutlich nach Hadamar, überstellt zu werden. Dort muss er als Mann, der eine schwere Straftat unter Drogeneinfluss begangen hat, eine Therapie machen mit einer wahrscheinlichen Dauer von rund zwei Jahren. Ist diese aus Sicht der Ärzte erfolgreich, könnte er bei einer Reduzierung der Haftstrafe schon anschließend auf Bewährung vorzeitig auf freien Fuß kommen.

Der Angeklagte lebt seit seiner Flucht aus Syrien Ende 2015 in Deutschland, versteht aber offenbar noch immer nicht gut genug Deutsch. Wie schon im ersten Prozess Ende 2020 lässt er sich den kompletten Verlauf der neuen Verhandlung von einem Dolmetscher auf Arabisch übersetzen. Dass mehrere Medienvertreter ihn vor Beginn des Prozesses filmen und fotografieren, was erlaubt ist, ist ihm unangenehm. Seinen Anwalt lässt er bitten, sein Gesicht in den Aufnahmen unkenntlich zu machen.

Wie schon im ersten Prozess trägt er die Farben der deutschen Fußballnationalmannschaft - schwarz und weiß. Beim ersten Mal war es ein Trikot, jetzt ist es eine Sportjacke vom gleichen Sportartikelhersteller.

Seine Familie scheint weiterhin zu ihm zu stehen: Sein Halbbruder aus dem niederrheinischen Moers und einer seiner beiden Cousins aus Limburg, mit dem er regelmäßig Kontakt hatte, sind gekommen und wohnen der Verhandlung bei. In der Pause unterhalten sie sich mit ihm.

Sein Verteidiger Bernward Kullmann aus Mainz hält den Vorwurf der Heimtücke für nicht begründet. Er hofft, dass die neue Kammer dies genauso sieht und die Freiheitsstrafe reduziert. Nach seiner Auffassung hätte sein Mandant ohnehin nicht wegen versuchten Mordes verurteilt werden dürfen, maximal zu Raub, schwerem Eingriff in den Straßenverkehr und Körperverletzung.

In der Verhandlung, für die insgesamt drei Verhandlungstage angesetzt wurden, geht es nicht darum zu klären, ob die Opfer arg- und wehrlos waren, sondern ob Omar A. sich dessen wirklich bewusst war - das ist ein wesentlicher Bestandteil von Heimtücke, und aus Sicht der Bundesgerichtshofs ist dieser Aspekt im ersten Urteil nicht berücksichtigt worden. Jura-Studenten hätten an diesem Prozess ihre helle Freude.

Lkw-Fahrer bekam es mit der Angst zu tun

Eine Staatsanwältin aus Frankfurt vertritt den Fall in Limburg. Sie redet zwar mit den Medienvertretern, möchte aber vor den Fernsehkameras kein Statement abgeben und gegenüber den Printmedien auch ihren Vornamen nicht nennen, um ihre Privatsphäre zu schützten, weil sie immer wieder sensible Verfahren zu betreuen habe.

Am Nachmittag sagten der Lkw-Fahrer und der psychiatrische Sachverständige Dr. Dieter Jöckel aus. Der Lkw-Fahrer wiederholte, wie er Omar A. am Tag der Tat wahrgenommen hat: Dieser habe, als er im Rückstau in der Diezer Straße stand, seine Fahrertür aufgerissen, ihn mit glasigen Augen angestarrt, als ob er Drogen genommen habe, und auf seine mehrfache Frage, was er denn von ihm wolle, kein Wort gesagt. Der Syrer habe an ihm immer weiter gezerrt, und weil er unter Schock stehend es mit der Angst bekam, habe er den Lkw verlassen und sei anschließend hinterher gerannt.

Auch der Facharzt für Psychiatrie wiederholte seine Einschätzung aus dem ersten Prozess. Es sei die Verzweiflungstat eines traumatisierten Mannes gewesen, der keine private und berufliche Perspektive hatte, und nur unter Drogeneinfluss zu dieser Straftat fähig gewesen sei.

Die Verhandlung wird am 28. Februar fortgesetzt. Sollten keine weiteren Zeugen wie die Unfallopfer aufgerufen werden, könnte es schon zu den Plädoyers kommen.

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