Der angeklagte Syrer trug auch am zweiten Verhandlungstag sein Deutschland-Trikot - diesmal unter einer Jacke. Rechts sitzend der Dolmetscher, in der Robe Verteidiger Bernward Kullmann.
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Der angeklagte Syrer trug auch am zweiten Verhandlungstag sein Deutschland-Trikot - diesmal unter einer Jacke. Rechts sitzend der Dolmetscher, in der Robe Verteidiger Bernward Kullmann.

Prozess in Limburg

Prozess nach Lkw-Attacke in Limburg: „Es tut mir sehr Leid“

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Nach der mutmaßlichen Lkw-Attacke in Limburg geht der Prozess weiter. Vor Gericht berichtet der Angeklagte von seinem zerrüttetem Leben.

  • Nach der mutmaßlichen Lkw-Attacke in Limburg geht der Prozess weiter.
  • Der Angeklagte muss sich wegen versuchten Mordes verantworten.
  • Er wolle sich bei den Opfern entschuldigen

Limburg – Mit einer Entschuldigung des wegen versuchten Mordes angeklagten Syrers begann am Freitag der zweite Verhandlungstag am Landgericht Limburg. "Es tut mir sehr Leid", sagte der 33-jährige Omar A., der 2015 von Syrien nach Deutschland geflohen war. Er wolle sich bei den Opfern entschuldigen. Er habe keinem Menschen Schaden zufügen wollen.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wirft dem syrischen Flüchtling vor, mit einem am 7. Oktober 2019 gestohlenem Lkw wenige Minuten später durch das bewusste Auffahren auf Fahrzeugen, die vor der roten Ampel in Höhe der Ste.-Foy- und Dr.-Wolff-Straße standen, den Tod von mehreren Menschen zumindest billigend in Kauf genommen zu haben.

Der Angeklagte sagte aus, er trinke schon seit vielen Jahren regelmäßig Alkohol, vor allem Bier, manchmal sechs bis sieben Flaschen am Tag, und nehme immer wieder Cannabis und auch Kokain zu sich. Sein Drogenkonsum habe vor allem in Deutschland deutlich zugenommen. Zuletzt sei er mittellos gewesen, ohne Job und ohne Geld vom Jobcenter. "Ich war unzufrieden mit meinem Leben", sagte er. "Ich habe mich schlecht gefühlt, innerlich zerrissen." Er habe oft Albträume gehabt und sei nie zur Ruhe gekommen.

Angeklagter stand während der Lkw-Attacke in Limburg unter Drogeneinfluss

Während der Tat stand der Angeklagte unter erheblichem Drogeneinfluss; das toxikologische Gutachten wurde in der Verhandlung verlesen. 20 Minuten nach dem Verkehrsunfall war dem Angeklagten eine Blutprobe entnommen worden, die sehr hohe THC-Werte aufwies. Diese Substanz kommt in Cannabis vor und hat eine berauschende Wirkung. Die Werte weisen auf einen regelmäßigen Drogenkonsum hin, aber auch auf einen sehr starken Drogenkonsum am Tag des Verkehrsunfalls. "Ohne Drogen wäre das nicht passiert", sagte der 33-Jährige, der in der Justizvollzugsanstalt Limburg in Untersuchungshaft sitzt.

Doch was genau hat er kurz vor seiner Tat genommen? In seiner Vernehmung, die von einem Dolmetscher übersetzt wurde, gab der Angeklagte an, er habe mit seinem Cousin zusammen an der Lahn Cannabis gekauft. Der Dealer habe zuvor mit seinem Cousin alleine gesprochen und ihm später gesagt, die Droge werde ihn "sehr glücklich" machen.

Den einen Joint will der Angeklagte zusammen mit seinem Cousin geraucht haben. Die Wirkung sei ungewöhnlich heftig gewesen. Er habe auch schon in Syrien Erfahrungen mit Cannabis gehabt und später auch mit Kokain. Aber so etwas habe er noch nicht erlebt. "Meine Augen brannten und waren rot. Mein Blut hat gekocht. Ich dachte, gleich platzt mein Kopf", sagte der Angeklagte laut Dolmetscher. Er habe seinen Cousin gefragt, was das denn für starke Drogen seien. Hinterher sei er sehr wacklig auf den Beinen gewesen, sein Cousin habe ihm Augentropfen verabreicht.

Angeklagter nach Lkw-Attacke in Limburg habe große Angst vor Messern

Nach dem gerauchten Joint will er mit seinem Cousin zurück in dessen Restaurant gegangen sein, das sich nicht weit von der Diezer Straße entfernt befindet. Er habe dort immer wieder ausgeholfen, aufgeräumt und gespült. Auch an diesem Tag habe er in der Küche gespült. Sein Cousin, bei dem er auch übernachtete, habe ihm schließlich mehrere Messer zum Spülen hingeworfen.

Mit einem "langen Messer", später präzisierte der Angeklagte, es habe sich um einen langen Fleischspieß gehandelt – vermutlich für Dönerfleisch –, habe sein Cousin ihn damit an der Seite berührt, "unabsichtlich", aber er habe in diesem Moment große Angst bekommen. Er habe das Gefühl gehabt, sein Cousin habe ihn stechen wollen. Er sei dann nach draußen gegangen, weil er nur noch wegwollte, und habe auf der (Diezer) Straße nur die Lichter der Autos wahrgenommen. "Meine Augen konnten kaum was sehen." Er sei auf ein helles Licht zugelaufen, dabei habe es sich um den Lkw gehandelt.

So erstaunlich sein detailliertes Erinnerungsvermögen bis dahin ist, so auffällig ist seine anschließende Erinnerungslücke. Denn an die Tat selbst will er keinerlei Erinnerung mehr haben. Er könne sich erst wieder daran erinnern, wie er im Krankenwagen lag. Der psychiatrische Gutachter, Dr. Dieter Jöckel, wollte vom Angeklagten wissen, ob er sich denn an ein Gefühl während der Tat erinnern könne. Habe er mit dem Lkw wegfahren wollen oder habe er möglicherweise vorgehabt, sich selbst etwas anzutun. Er habe nur weggewollt, antwortete Omar A. Der 60-jährige Facharzt für Psychiatrie will sein Gutachten erst später vortragen. Der Angeklagte war bislang zu einer eingehenden psychiatrischen Untersuchung nicht bereit, ist es seit gestern überraschend doch.

Angeklager sagte beim Prozess nach Lkw-Attacke in Limburg, er sei früher selbst Lkw gefahren

Dass der Angeklagte ein grundsätzliches Problem mit Messern habe, darauf machte sein Verteidiger Bernward Kullmann aufmerksam. Er wies auf einen Vorfall in der Gefängnisküche hin, bei dem sich der Angeklagte seltsam verhalten habe, als er ein Messer gesehen habe.

Der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Janisch wollte vom Angeklagten auch etwas über sein bisheriges Leben wissen. Der 33-Jährige sagte aus, er sei in Syrien nur sechs Jahre zur Schule gegangen und habe dann abgebrochen, weil er sich dort nie wohlgefühlt habe. Er habe sieben Schwestern und sechs Brüder und sei später Taxi gefahren und schließlich auch kleinere Lkws, mit denen er vor allem Lebensmittel ausgefahren habe. Nach Angaben des Richters durfte der Angeklagte in Syrien Lkw bis zu elf Tonnen Gewicht fahren. Er trank schon in Syrien regelmäßig Alkohol, vor allem Bier.

Mit Beginn des Bürgerkriegs habe sich seine Lebenssituation deutlich verschlechtert. Während seiner Lkw-Fahrten sei er an Checkpoints immer wieder angehalten und von Soldaten geschlagen worden. Später will er sowohl von Angehörigen der syrischen Armee als auch von Rebellen des IS verhaftet, verprügelt und sogar gefoltert worden sein.

Rechtmäßiger Fahrer nahm vor Lkw-Attacke die Zündschlüssel an sich – Lkw fuhr trotzdem

Warum ließ sich der vom angeklagten Syrer in der Diezer Straße (kurz vor dem Rohrweg) gestohlene Lkw weiter fahren, obwohl der rechtmäßige Fahrer den Zündschlüssel nach einem Gerangel in der Fahrerkabine an sich genommen hatte, bevor er auf die Straße sprang? Der technische Sachverständige Herbert Hößler erklärte dies vor Gericht damit, dass der hochmoderne Lkw mit Automatikgetriebe während des Gerangels und danach leicht rollte; zumal der Fahrer die Handbremse im Rückstau nicht angezogen hatte, sondern nur seinen Fuß auf der Bremse hatte. Bei modernen Fahrzeugen mit viel Elektronik lasse sich das Fahrzeug auch anschließend noch längere Zeit fahren.

Der Angeklagte legte mit dem 17,5 Tonnen schweren Lkw anschließend 332 Meter bis zur Unfallstelle zurück, fuhr in der Spitze 43,44 km/h, gab immer wieder Gas, mal mehr, mal weniger. Aber er bremste kein einziges Mal bis es zur Kollision kam.

Der Lkw verfügte über ein hochmodernes Notfallbremssystem, das am Tag des Unfalls auch intakt war, zumindest bis zum ersten Zusammenstoß; das Radarsystem an der Front des Fahrzeugs wurde dabei beschädigt. Zuvor hatte es zwei Warnungen und eine Teilbremsung ausgelöst, die der angeklagte Syrer aber unterbrechen konnte, weil er weiterhin Gas gab. Das Gutachten ist ein wesentlicher Eckpfeiler der Anklage, die von Staatsanwalt Johannes Jacobi von Wangelin aus Frankfurt vertreten wird. Denn es gibt keinen Hinweis darauf, das der Angeklagte die Kollision vermeiden wollte, woraus sich der Vorwurf des versuchten Mordes ableitet.

Zuvor hatte der 50 Jahre alte Lkw-Fahrer ausgesagt. Er habe im Rückstau gestanden und den Angeklagten erst bemerkt, als dieser seine Fahrertür geöffnet habe. Er habe den Angeklagten auf Deutsch und auf Russisch gefragt, was er wolle, ohne Antwort. "Seine Augen sahen nicht normal aus", sagte er.

Der Angeklagte habe ihn wie ein "Glasmensch" angeschaut, mit großen Augen, ohne Wimpernschlag, ihn an der Jacke gepackt und ans Lenkrad gegriffen. Er habe versucht, den Täter mit Händen abzuwehren, aber Sorge gehabt, dass etwas Schlimmes passieren könne, der Täter vielleicht ein Messer zückt, habe den Zündschlüssel an sich genommen und sei aus der Fahrerkabine gesprungen. "Ich dachte, der Motor geht aus." Dass der Lkw noch fahren konnte, habe er nicht verstanden

Der Prozess wird am Freitag, 2. Oktober, fortgesetzt. (Von Stefan Dickmann)

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