Matthias Roßbach und seine Kollegen von der Fürst-Johann-Ludwig-Schule haben sich längst auf den Weg in die Digitalisierung gemacht.
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Matthias Roßbach und seine Kollegen von der Fürst-Johann-Ludwig-Schule haben sich längst auf den Weg in die Digitalisierung gemacht.

Corona zeigt, wo es hakt

Limburg: Mammutprojekt Digitalisierung der Schulen

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Es gibt jede Menge vollmundige Ankündigungen der Politik. Aber an der Basis ist Eigeninitiative gefragt - und ein dickes Fell.

Limburg – Glasfaserkabel, Firewall, Schul-Portal und dann auch das Versprechen von jeder Menge iPads für „bedürftige Schüler“. Eigentlich sollten die Schulen zufriedengestellt werden mit den beiden Digitalpakten und dem, was von Bund, Land und Schulträger daraus gemacht wird. Sind sie aber nicht. „Da ist viel Aktionismus“, sagt Matthias Roßbach. Oft wenig durchdacht, wenig nachhaltig und teuer. Er weiß, wovon er redet, er ist Pädagoge, stellvertretender Schulleiter der größten allgemeinbildenden Schule im Landkreis und er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Digitalisierung: privat natürlich, an der Freiherr-von-Stein-Schule in Dauborn und jetzt an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule (FJLS) in Hadamar. Wenn er über das Thema Digitalpakt spricht, weiß er gar nicht, bei welchen Problemen er anfangen soll.

Sorgfältige und bedachte Planung notwendig

Der Pädagoge beginnt natürlich mit dem Lob. Der Kreis habe sich für ein gutes WLAN-System entschieden, sagt Matthias Roßbach. Allerdings sei es noch lange nicht angeschlossen. Das heißt: an der FJLS schon. Denn dort gibt es Marcus Horz, eigentlich PoWi-Lehrer, aber auch anderweitig begabt. Der hat kurzerhand ein Neben-WLAN als Teststrecke aufgebaut. Jetzt gibt es in etwa 70 der 110 Räume und in den Lehrerarbeitsräumen WLAN-Empfang. Der Kreis habe das abgesegnet, bezahlt hat es die Schule.

„Der Ausbau der Netzwerkstruktur ist ein Riesending“, sagt Matthias Roßbach. „Da hat der Schulträger mächtig was zu stemmen.“ Bund- und Länderpolitiker täten aber so, als sei das gar kein Problem und drehen den Spieß um: Sie werfen Schulen und Schulträgern immer wieder vor, dass sie keine Mittel abriefen. „Die kennen ihre eigenen Gesetze nicht.“ Die Schulen hätten alles beantragt, was sie bisher durften. Und die Schulträger müssten mit Bedacht an die Mammutaufgabe herangehen, sorgfältig und nachhaltig planen.

Kreis Limburg-Weilburg sieht sich auf gutem Weg

A propos nachhaltig: Das Kultusministerium betreibt das Schulportal; bei den Schulschließungen habe sich aber gezeigt, wie schnell dies an seine Grenzen stößt. Und es haben ja noch nicht einmal alle einen Zugang. Also steigen viele Schulen auf andere Systeme um. Und wenn es um die Kosten für Lizenzen geht, halte sich das Land raus, sagt Matthias Roßbach. Der Digitalpakt sei zuständig für die Struktur - aber nicht für die Software. Auch die Personalkosten der Schulträger sind über den Digitalpakt nicht förderfähig - auch nicht der personal- und damit auch kostenintensive Support.

Genau darüber wird allseits massiv geklagt. Immerhin sei der Kreis Limburg-Weilburg auf einem guten Weg und suche jetzt einen Projektleiter für die Digitalisierung der Schulen, sagt Matthias Roßbach. „Wir brauchen eine Stabsstelle mit direktem Zugang zum Chef“, damit die Digitalisierung der Schulen nicht über die Köpfe der Schulen hinweg erfolge. „Sonst wird da ganz viel Geld verbrannt.“ Und es würden sicherlich nicht alle fünf Jahre 5,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen bereitgestellt, „gerade angesichts der exorbitanten Kosten für die Corona-Krise“.

Appel-Geräte angeschafft - Windows-Geräte benötigt

Manchmal spiele Geld aber offenbar keine große Rolle: Zum Beispiel bei der Anschaffung von 3200 iPads für „bedürftige Schüler“. Manche der Apple-Apps seien methodisch interessant und ziemlich praktisch, die Qualität sei gut, die Akkus prima. iPads seien durchaus eine gute Ergänzung für den Unterricht. „Aber für die Arbeit brauchen wir Windows-basierte Geräte“, sagt Roßbach. Denn in der Schule stehen Word, Excel und Power Point auf dem Plan, sie arbeitet mit Microsoft Teams und Office. „Was nutzen Geräte, die nicht kompatibel sind?“ Für das Arbeiten im Homeschooling seien iPads nur bedingt geeignet. Trotzdem habe der Landkreis iPads gekauft und den Schulen gar keine Wahl gelassen. Genauer: Er habe die Schulen gar nicht gefragt, was sie wollen. Durch Zufall habe er erfahren, dass iPads gekauft werden sollten und noch versucht zu intervenieren - ohne Erfolg. Der Kreis habe sich einfach über die Wünsche der Schule hinweggesetzt.

Und jetzt lasse er sie allein mit der Entscheidung, wer denn überhaupt ein solches Gerät bekommen soll. Ursprünglich sei geplant gewesen, die Geräte nach Schülerschlüssel zu verteilen. Dann hätte ein Gymnasium genauso viele Geräte bekommen wie eine Haupt- und Realschule mit ihrer anderen Schülerklientel. Zum Glück sei das vom Tisch. Jetzt sollen die Schulen melden, wie viele Schüler ein Gerät brauchen. Aber wie findet man das heraus - ohne formale Bedürftigkeitsprüfung? Er könne die Kinder ja nicht einfach fragen, ob die Familie von Sozialhilfe lebt, sagt Matthias Roßbach. Also fragt die Schule jetzt hintenrum: "Welche Geräte habt Ihr zu Hause?" und hofft, dass am Ende die wirklich Bedürftigen etwas bekommen - und zwar alle. Und natürlich auch, dass die Geräte dem standhalten, was da eventuell auf sie zukommt. Matthias Roßbach formuliert es so: "Laptops sind stabiler als Tablets."

Medienkompetenz bleibt eine große Baustelle

Und dann müssen natürlich auch noch Lehrkräfte, die Schüler und die Eltern im Umgang mit den Geräten geschult werden. Einige von ihnen hätten noch nie in ihrem Leben einen Rechner genutzt. Die Eltern müssten zumindest im Stande sein, die Internetaktivität ihrer Kinder zu überwachen. „Die Rechner sind dann ja freigeschaltet.“

Die Medienkompetenz ist die nächste große Baustelle: Schon begrifflich: Bislang sei immer vom „Medienbildungskonzept“ die Rede gewesen, sagt Matthias Roßbach. „Aber wir bilden keine Medien. Wir bilden die Schüler aus.“ Wenn es gut funktioniert, können irgendwann alle Schüler mit einem Rechner umgehen - mit der Hardware und der Software, und wenn es sehr gut läuft, damit sogar etwas produzieren. Und wenn sie dann noch wissen, ob sie Vokabeln besser mit einer App oder dem Vokabelkasten lernen, sind eigentlich alle zufrieden.

iPads für Lehrer im Kreis Limburg-Weilburg

Das Kultusministerium habe im vergangenen September zwar einen „Praxisleitfaden Medienkompetenz“ herausgegeben, aber allein die Ausarbeitung eines „Medienkompetenzkonzeptes“ brauche ein paar Jahre, sagt Roßbach. Und es sei doch klar, dass das erst einmal fertig sein muss, damit man überhaupt weiß, welches Equipment und welche Software gebraucht wird. „Aber wir sollten in ein paar Tagen ein pädagogisch-technisches Konzept erarbeiten, um überhaupt die technische Grundausstattung beantragen zu können.“

Zunächst einmal müsse man doch herausfinden, wo es sich mit digitalen Mitteln überhaupt besser lernen lässt als mit analogen. Matthias Roßbach formuliert es so: „Wo habe ich einen Mehrwert mit digitalen Medien?“ Doch das kann man natürlich nur erfahren, wenn die Infrastruktur stimmt. Auch bei den Lehrern. Und auch da gibt es Defizite - nicht nur, was die Akzeptanz der digitalen Medien angeht. Eigentlich sollten auch die „professionellen Arbeitsentwickler“ mit Gerät ausgestattet werden, heißt es im Digitalpakt 2. Vielleicht werde er 120 iPads für alle Lehrer der Fürst-Johann-Ludwig-Schule beantragen. „Dann heißt es bestimmt wieder: ,Der Roßbach spinnt.‘“

Musterräume im Kreis Limburg-Weilburg eingerichtet

In einem Punkt verlässt sich der Schulträger auf die Kompetenz der Schulen und fragt nach ihren Wünschen: An der Leo-Sternberg-Schule, der Friedrich-Dessauer-Schule, der Peter-Paul-Cahensly-Schule und der Fürst-Johann-Ludwig-Schule werden je zwei Musterräume eingerichtet - um zu schauen, wie digitale Bildung in der Zukunft aussehen und funktionieren könnte. Matthias Roßbach und seine Kollegen von der Fürst-Johann-Ludwig-Schule wissen ziemlich genau, was sie brauchen. Zuerst einmal erstklassige Laser-Beamer, Beamer, die möglichst weit streuen, und vorne große Projektionsflächen. Dafür müssen natürlich die alte Kreidetafeln raus. Aber wer baut sie wieder aus und entsorgt sie? Auch das sei im Digitalpakt nicht geregelt, sagt Matthias Roßbach. Grundsätzlich werde Schule in Zukunft "digital funktionieren" - aber dann ist sie immer vom Strom abhängig. Ein analoges Backup sei also gar nicht verkehrt - auch das müsse bedacht werden. Und sowieso wird es mit den Musterräumen an der FJL noch dauern. Der Laser-Beamer, der eingebaut werden soll, kommt erst auf den Markt.

Schulträger muss bürokratische Hürden überwinden

Rund 12,5 Millionen Euro stehen dem Landkreis Limburg-Weilburg aus dem Digitalpakt Schule zur Verfügung, das sei natürlich positiv, teilt Jan Kieserg, der Sprecher des Landkreises mit. „Leider zeigt sich zunehmend, dass die bürokratischen Hürden sehr hoch sind.“ Zum Beispiel müsse derzeit auf Landesebene geklärt werden, inwieweit Business-Lizenzen (Laufzeitlizenzen) durch den Digitalpakt förderfähig sind. Denn: Ohne diese Lizenzen könnten keine Accesspoints beschafft werden. Und das behindere derzeit den WLAN-Ausbau. Wenn die Kostenfrage in Sachen Lizenzen geklärt ist, werde an allen Schulen, in denen bereits eine Netzwerkverkabelung vorhanden ist, „unverzüglich mit dem WLAN-Ausbau begonnen, sofern die vorhandene Verkabelung des Schulgebäudes dies zulässt“. Parallel dazu werde der Eigenbetrieb Gebäudewirtschaft des Kreises die Netzwerkverkabelung für die anderen Schulen ausschreiben. „Ein Termin für den Endausbau des flächendeckenden WLAN kann Stand heute nicht genannt werden.“

Auch ansonsten ist die Digitalisierung der Schulen noch viel Arbeit für den Schulträger: Insgesamt sechs Mitarbeiter beschäftigen sich zurzeit beim Landkreis nur mit dem Thema Schul-IT. Künftig müsse zusätzliches IT-Personal für diesen Zweck zur Verfügung stehen, sagt Jan Kieserg. Außerdem habe der Landkreis die Projektleitung „IT Schulen Digitalpakt“ ausgeschrieben. Die Personalkosten müsse der Landkreis tragen. Allerdings hätten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bildungsministerin Anja Karliczek angekündigt, die IT-Kräfte in den jeweiligen Schulen zu ergänzen.

Schulen müssen selbst über Bedarf bei Ausstattungshilfen entscheiden

Fest steht schon, dass Lehrer mit Laptops aus Mitteln des EU-Corona-Aufbaufonds ausgestattet werden. Der Bund werde hierfür mit 500 Millionen Euro in Vorlage treten. 3200 iPads für einige Schüler gibt es auch. Auch wenn nicht alle Schulen mit dieser Wahl zufrieden sind - weil sie mit Windows-basierten Geräten arbeiten und fürchten, dass die Tablets nicht für das Homeschooling geeignet seien. Trotzdem hat sich der Kreis für Apple-Geräte entschieden, weil iPads sich „zunächst durch eine sehr stabil laufende Software, deren Handhabung und Bedienung intuitiv und selbsterklärend ist“ auszeichneten. Außerdem böten Apple-App-Store und Apple-School-Manager ein deutlich größeres Angebot an schulischen Bildungs-Apps als andere Systeme, teilt der Kreis mit. Zudem biete sich in Verbindung mit dem MDM System Relution des Kreises die Möglichkeit „eines komfortablen Managements“. Und natürlich seien auch der Kaufpreis sowie die laufenden Kosten ein Kriterium. Der Landkreis könne durch die Anschaffung der iPads deutlich mehr Schüler mit mobilen Endgeräten ausstatten, als dies bei einer Lösung mit Windows-Geräten der Fall gewesen wäre. Und: „In den Bereichen, die für die Schulen relevant sind, ist die Kompatibilität gegeben.“

Wer die Geräte bekommt, ist in der Verwaltungsvereinbarung Digitalpakt Schule 2019 bis 2024 unter dem Punkt „Sofortausstattungsprogramm“ nicht wirklich formuliert. „Zweck des Sofortausstattungsprogramms ist es, Schulen zu unterstützen, damit in der Zeit des Corona-bedingt eingeschränkten Schulbetriebes - bis zur Wiederaufnahme des Regelschulbetriebes - einem möglichst hohen Anteil an Schüler*innen digitaler Unterricht zu Hause, unterstützt mit mobilen Endgeräten (Laptops, Notebooks und Tablets mit Ausnahme von Smartphones), ermöglicht wird, so weit es hierzu einen besonderen Bedarf aus Sicht der Schulen zum Ausgleich sozialer Ungleichgewichte gibt, die das Erreichen der Unterrichtsziele gefährden.“ Wer diesen besonderen Bedarf hat, müssen die Schulen entscheiden. (Von Sabine Rauch)

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