Die 85-jährige Senta Seip in ihrem Garten in der Brückenvorstadt in Limburg. Dort lebt die frühere Landtagsabgeordnete mit ihrem Mann Theo.
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Die 85-jährige Senta Seip in ihrem Garten in der Brückenvorstadt in Limburg. Dort lebt die frühere Landtagsabgeordnete mit ihrem Mann Theo.

Jubiläum

Limburg: "Manchmal wünsche ich mir mehr Protest"

  • Stefan Dickmann
    vonStefan Dickmann
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Die frühere Grünen-Landtagsabgeordnete Senta Seip spricht über ihre Partei, die vor 40 Jahren im Landkreis Limburg-Weilburg gegründet wurde.

Limburg -Senta Seip war von 1981 bis 1999 für die Grünen politisch aktiv als Landtagsabgeordnete in Wiesbaden (acht Jahre), als Stadtverordnete und Magistratsmitglied in Limburg, als ehrenamtliche Beigeordnete im Kreisausschuss sowie als Kreisvorstandsmitglied (Pressesprecherin). Sie ist damit eine der erfolgreichsten Politikerinnen der Grünen im Landkreis, die am 1. Juni auf ihr 40-jähriges Bestehen zurückblicken. NNP-Redakteur Stefan Dickmann sprach mit der 85-Jährigen, die in der Limburger Brückenvorstadt wohnt, über ihre Partei, Fridays for Future und die aus ihrer Sicht richtige Verkehrspolitik für Limburg.

Frau Seip, was wünschen Sie Ihrer Partei zum Geburtstag?

Ich wünsche mir, dass die Menschen, die die Grünen wählen, auch mal bereit sind, sich aktiv für diese Partei einzusetzen, zum Beispiel als Gemeindevertreter. Und ich wünsche mir, dass sich meine Partei an die weiterhin richtige Trennung von Amt und Mandat auf Landes- und Bundesebene erinnert, was für die Grünen in der Anfangszeit existenziell war und zuletzt aufgeweicht worden ist. Leider ist das von den anderen Parteien nie angenommen worden. Ich wundere mich, dass das Verfassungsgericht da nicht mal angerufen worden ist, denn nicht umsonst haben wir die Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative.

Warum sind Sie Mitglied der Grünen geworden?

Ich bin Gründungsmitglied der Grünen im Landkreis Limburg-Weilburg. Ich war 46 Jahre alt, Hausfrau und Mutter und habe früher SPD gewählt. Ich war zwar politisch interessiert, wollte mich aber nicht in die Politik einmischen. Geändert haben das die Diskussion um den Nato-Doppelbeschluss von 1979 und der Umgang mit der Atomenergie in Deutschland. Es gab damals sogar ernsthafte Pläne, in Runkel ein Atomkraftwerk zu bauen! Ich habe mich intensiv mit der Atomenergie und dem bis heute ungelösten Problem einer geeigneten Entsorgung des radioaktiven Mülls beschäftigt und bin schon damals zu der Auffassung gekommen: Das taugt nichts! Die drei etablierten Parteien CDU, SPD und FDP waren alle für Atomkraft, und im Januar 1980 haben sich die Grünen in Karlsruhe gegründet, die entschieden dagegen waren.

Was unterscheidet die Grünen von 1980 von den Grünen im Jahr 2020?

Meine Partei ist im Laufe der Jahre pragmatischer geworden. Manchmal wünsche ich mir mehr Protest. Zum Beispiel in der aktuellen Diskussion über die nukleare Teilhabe, also dass Kernwaffen als angebliches Instrument der Abschreckung im strategischen Konzept der Nato leider weiterhin eine große Rolle spielen. Es hat eine gewisse Abschleifung innerhalb des Machtgefüges der Partei gegeben. Aber alle Parteien wissen inzwischen, dass wir unser Leben ändern müssen, dass wir auf Kosten unserer Existenz auf der Erde leben und dass es so nicht mehr weiter geht. Die Grünen haben mit ihrer richtigen Politik entscheidend zu dieser Erkenntnis beigetragen.

Welche Grünen-Politiker haben Sie in dieser Zeit besonders beeindruckt?

Da fallen mir spontan zwei ein. Karl Kerschgens war in den 1980er-Jahren Staatssekretär im hessischen Umweltministerium und zu meiner Zeit als Landtagsabgeordnete in den ersten Jahren ein Fraktionskollege. Er war für mich ein Weggefährte, den ich wegen seiner Haltung und seiner folgerichtigen Politik immer bewundert habe. Und auf Bundesebene hat mich immer Jürgen Trittin überzeugt, auch in seiner Rolle als Bundesumweltminister.

Ist die auch in Limburg aktive Fridays-for-future-Bewegung die neue Grünen-Jugend?

Diese Bewegung ist sehr wichtig, und ich bin sehr dankbar dafür, dass es sie gibt. Im Gegensatz zu der jungen Generation vor 20 Jahren ist es eine sehr informierte Jugend, die ihre Zukunft in die Hand nimmt. Aber es sind Schüler, die nach ihrem Abitur in der Regel studieren und ihre Heimat verlassen. Mir geht es um Menschen im mittleren Alter, die in der Region leben und Grün wählen. Wir brauchen die Inhalte dieser Partei in unserer Gesellschaft. Vor allem auf kommunaler Ebene, die die wichtigste politische Ebene überhaupt ist.

Warum engagieren Sie sich für die Arbeitsgruppe "Laudato si'" in Limburg?

Papst Franziskus hat vor fünf Jahren seine Enzyklika "Laudato si'" zur Bewahrung der Schöpfung veröffentlicht; ein Text, der mich tief beeindruckt hat. In Limburg hat sich daraufhin eine kleine Gruppe von rund zehn Personen gefunden, die aus Katholiken, aber nicht nur aus Grünen besteht. Wir wollen aktiv dazu beitragen, die katholische Amtskirche stärker auf den Erhalt der Schöpfung aufmerksam zu machen. Wir haben zum Beispiel den Vorschlag gemacht, auf dem Dach der Limburger Stadtkirche am Bischofsplatz, auf der von außen nicht einsehbaren Südseite, eine Photovoltaikanlage zu errichten. Wir haben die Verantwortlichen leider noch nicht überzeugen können. In einem von uns organisierten Vortrag im Kolpinghaus hat der Referent auf die wichtige Bedeutung für den Erhalt des Bodens hingewiesen. Der zunehmende Landverbrauch, auch in Limburg, durch die Ausweitung immer neuer Gewerbegebiete, ist ein sehr großes Problem. Als Bürgermeister muss ich nicht alles genehmigen. Ich wünsche mir von den handelnden Personen, dass sie endlich die Kraft aufbringen für eine klimaneutrale Politik.

Sie waren verkehrspolitische Sprecherin in der Landtagsfraktion der Grünen. Wie lassen sich die Verkehrsprobleme in Limburg Ihrer Meinung nach lösen?

Eine zentrale Rolle spielt für mich der öffentliche Nahverkehr. Er muss verdichtet werden, es müssen mehr Busse fahren. Und Busfahren muss deutlich günstiger werden, die Fahrkarten sind viel zu teuer. Auf dem Land bleibt das Auto leider immer erforderlich. Aber das liegt auch an der verfehlten Politik, Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese anzusiedeln. Mit einem attraktiven Busangebot werden mehr Menschen ihr Auto auch mal stehen lassen. Die Gesellschaft schafft sich ihren eigenen Verkehrsterror selbst. Wer im Internet Waren bestellt, schafft zusätzlichen Verkehr in den Innenstädten. Da muss die Politik lenkend eingreifen. Dass es nun Tempo-30-Zonen in Teilen der Limburger Innenstadt gibt, begrüße ich sehr. Ich weiß noch, wie das war, als in der Altstadt Verkehr in den Querstraßen erlaubt war. Da musste ich meine Kinder an die Hand nehmen und mich mit ihnen in der Salzgasse an die Wand drücken. Das kann sich heute gar keiner mehr vorstellen. Limburg muss attraktiver für Fußgänger und Radfahrer werden - auch, um die Luftqualität endlich zu verbessern. Und dazu tragen auch die Platanen auf dem Neumarkt bei, die unbedingt stehen bleiben müssen.

Jubiläumsfeier am

13. September im Thing

Als Folge der Corona-Krise kann der Kreisverband der Grünen sein Jubiläum nicht am 1. Juni feiern, aber ein Ersatztermin steht schon fest: 40 Jahre Kreisverband sollen am Sonntag, 13. September, in der Clubebene der Stadthalle Limburg (Thing) gewürdigt werden. Dann sei ein Geburtstagkonzert geplant, teilt Christoph Speier, stellvertretender Vorsitzender des Ortsverbands Hadamar/Dornburg mit.

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