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Ein Lastwagen ist im hessischen Limburg auf mehrere vor einer roten Ampel vor dem Landgericht stehende Fahrzeuge aufgefahren.

Vor Ort

Limburg nach Lkw-Angriff: Eine Stadt zwischen Schock und Wut

Schockzustand in Limburg. Nachdem am frühen Montagabend ein 32-jähriger Syrer mit einem gekaperten 40-Tonner in mehrere Autos fuhr, ist das Medieninteresse groß. Die Menschen der Region gehen unterschiedlich mit der besonderen Situation um.

Limburg - Der Vormittag nach dem Lkw-Crash: Auf der Schiede vor dem Landgericht erinnert fast nichts mehr an die dramatischen Szenen des Vorabends. Einzig ein paar Kamerateams rufen die Ereignisse in Erinnerung. Thema sind sie aber überall in der Stadt, etwa bei Eduard Frank aus Dehrn, der nur ein paar Meter von der Stelle entfernt steht, an der neun Personen verletzt wurden. „Warum machen Menschen so etwas?“, fragt sich der junge Mann, der von einem Anschlag ausgeht. 

Frank wünscht sich mehr Sicherheit für die Zukunft. „Ich vermute allerdings, dass die Gefahr immer da sein wird.“ Freunde haben ihm von dem Ereignis erzählt. „Natürlich unterhält man sich mit Bekannten über das Thema. Es geht uns irgendwie alle etwas an“, sagt Eduard Frank. Das Ehepaar Waltraud und Horst Heinz aus Heilberscheid hat am Montagabend in den Nachrichten von dem Vorfall in Limburg erfahren. Trotzdem sind sie gestern in die Stadt gefahren. 

Limburg: LKW-Anschlag erinnert an Nizza oder Berlin

„Man erinnert sich direkt an die Anschläge im französischen Nizza und auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, die vor einigen Jahren vielen Menschen das Leben gekostet haben“, sagt Horst Heinz. Es sei aber schwierig, eine solche Tat zu verhindern. „Man kann schließlich nicht in den Kopf des Verursachers schauen“, sagt Horst Heinz. In den kommenden Tagen müsse dringend ermittelt werden, wieso er eine solch schreckliche Tat begangen habe. 

„Es ist besonders wichtig, dass der Ausländerhass dadurch nicht weiter zunimmt. Obwohl es sich um einen syrischen Täter handelt, dürfen nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund über einen Kamm geschert werden“, ergänzt Waltraud Heinz. Christiane Liebendörfer aus Aarbergen arbeitet als Geschäftsführerin im Familienzentrum „Müze“ in Limburg. „Ich war geschockt, als mir mein Sohn davon erzählt hat“, sagt sie. „Man denkt immer, solche Sachen passieren in weiter Ferne. Es ist komisch, dass es jetzt hier in Limburg geschehen ist“, sagt Liebendörfer. Die Rekonstruktion dessen, was in den tragischen Minuten am Montagabend in Limburg passierte, wird immer genauer.   

Limburg: Nach Lkw-Attacke sind Anwohner verunsichert

Ihre persönliche Angst habe aber nicht zugenommen. Sie vermutet aber, dass es in der Domstadt Menschen gebe, die nun beunruhigter die eigene Wohnung verlassen. „Wenn jemand so etwas tun will, dann tut er es auch. Ich glaube, die Polizei kann derartige Taten nicht verhindern.“

„Der Anschlag ist traurig, aber leider wahr“, sagt der 82-jährige Karl Wolf aus Villmar. Der Staat müsse härter gegen potenzielle Gefährder vorgehen. „Ich befürchte, dass es in Zukunft vermehrt zu solchen Taten kommen wird. Auch das Leben in unserer ländlichen Region wird gefährlicher.“

Wolf denkt an die Verletzten. „Natürlich habe ich Mitgefühl und hoffe, dass alle Beteiligten bald wieder gesund werden.“ Ralf Matzner aus Gräveneck erfuhr von seiner Tochter von dem Vorfall. „Sie hat es mir per WhatsApp geschrieben. Ich war absolut fassungslos“, sagt er. „Man stellt sich dann direkt vor, was passiert wäre, wenn man dabei gewesen wäre.“ Hass oder Wut gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund empfinde Matzner jedoch nicht. „Ausländer, die nach Deutschland kommen, müssen direkt ab dem ersten Tag integriert werden. Dann passieren solche Taten vielleicht nicht.“ 

Limburg nach Lkw-Attacke: "Mir ist egal, woher der Täter kommt"

Die Politik müsse schnellstens reagieren. „Obwohl es schrecklich ist, dass es einige Verletzte durch den Anschlag gibt, kann man froh sein, dass nicht noch mehr passiert ist. Glücklicherweise gibt es keine Toten“, sagt Matzner. Ein 36-jähriger Passant hat am gestrigen Dienstag gemeinsam mit seinem 26-jährigen Bekannten den Tatort angeschaut, an der sich viele Kamerateams tummelten. „Es war definitiv ein Terroranschlag“, behauptet der Ältere. 

Es müsse aber festgehalten werden, dass Terror nicht nur von Muslimen verursacht werde. „Mir ist wirklich egal, woher der Täter kommt. Stattdessen fühle ich mit den Opfern. Ich bin wirklich froh, nicht dabei gewesen zu sein“, sagt der 36-Jährige. Die beiden Männer werden trotz des Ereignisses weiter sorgenfrei durch die Limburger Straßen laufen. „Man darf sich von so etwas nicht abschrecken lassen und dann zu Hause bleiben.“ 

Limburg nach Lkw-Attacke: Vorwürfe gegen Polizei

„Die Polizei in Limburg tut einfach viel zu wenig. Sie schaut sogar oftmals weg, wenn etwas passiert“, sagt eine Passantin aus der Gemeinde Waldbrunn in der Fußgängerzone. In der Stadt gebe es immer mehr Verbrechen, die nicht geahndet würden. „Auch diese Tat hätte möglicherweise verhindert werden können, wenn die Beamten vorher etwas genauer hingeschaut hätten“, sagt sie. 

Ob der Verursacher aus dem Ausland kommt oder Deutscher sei, spielt für die Frau keine Rolle. „In jeder Gesellschaft gibt es schwarze Schafe. Das ist nicht zu ändern.“ 

Ein 91-jähriger Mann ist verängstigt. „Die aktuelle Situation bereitet mir Sorgen“, sagt der Rentner, der trotz seines hohen Alters regelmäßig in der Limburger Innenstadt unterwegs ist. Zunächst einmal müsse man an die Opfer und deren Familien denken. „Allerdings sollte die Polizei den Tathergang auch schnellstens ermitteln, damit in Zukunft Maßnahmen ergriffen werden können, um solche Anschläge zu verhindern.“ 

Limburg nach Lkw-Attacke: Passanten hatten Angst

Eine Limburger Passantin steht verärgert an einer Imbissbude in der Fußgängerzone. „Ich empfinde tatsächlich großen Hass“, sagt sie. „Was muss noch passieren, bis die Politik endlich eingreift?“ Außerdem müsse die Polizei viel mehr tun, damit sich so ein Vorfall nicht wiederhole. „Hinterher wird zu selten nach den Opfern gefragt. Es geht immer nur um die Täter, die dann zu milde behandelt werden“, sagt die Passantin. Unmittelbar nach dem Zwischenfall seien mehrere Menschen in ihren Laden gekommen, der sich in der Limburger Innenstadt befindet. „Sie haben mich gebeten, hierbleiben zu dürfen, da sie Angst hatten auf die Straße zu gehen“, sagt die Frau.

In Limburg an der Lahn in Mittelhessen ist ein Mann mit einem Lkw ungebremst in mehrere Autos gefahren. Das Motiv gibt weiter Rätsel auf. Zeugen erzählen, was sie erlebt haben. Die Behörden gehen nicht von einem Terroranschlag aus. Die Lkw-Amokfahrt und der Mord an einer Frau auf offener Straße haben in Limburg dennoch eine Debatte um die Sicherheitslage der Stadt ausgelöst. Im Interview wehren sich die Verantwortlichen im Rathaus gegen den Vorwurf, Limburg sei unsicher.

VON TOBIAS KETTER

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