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Genderdiskussion in Limburg: Politiker heizen Diskussion im Internet an

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Von: Sabine Rauch

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So wie in diesem Text wird auch an der Marienschule gegendert. Das gefällt aber längst nicht jedem.
So wie in diesem Text wird auch an der Marienschule gegendert. Das gefällt aber längst nicht jedem. © picture alliance/dpa

Auf einmal steht die Limburg Marienschule im Mittelpunkt einer Genderdiskussion.

Limburg – Die Marienschule macht‘s, die Adolf-Reichwein-Schule, die Peter-Paul-Cahensly-Schule und die Tilemannschule auch. Die Schulen gendern, mal mit Sternchen, mal mit Schrägstrich oder noch ganz klassisch mit „Schülerinnen und Schüler“. Das generische Maskulinum hat offenbar ausgedient. Jedenfalls in den heimischen Bildungseinrichtungen. Die Marienschule zum Beispiel arbeitet mit Sternchen und das schon seit rund anderthalb Jahren, schon sehr lange. Und sie hat gute Gründe dafür: „Sprache bildet Wirklichkeit ab“, sagt Benedikt Göbel, der Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit. Und deshalb sei inklusive Sprache ganz wichtig. Darüber habe es an der Marienschule auch nie Diskussionen gegeben. Die gebe es auch jetzt nicht.

Nur in den sozialen Netzwerken wird auf einmal diskutiert. Nun steigen auch Jugendorganisationen von SPD und CDU ein, und sogar der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch wird in einer Pressemitteilung der Schüler-Union Limburg-Weilburg mit markigen Worten zitiert: „Dass eine angesehene Bildungsinstitution wie die Marienschule sich diesem Umerziehungsfuror einer ideologisch verbohrten kleinen Minderheit beugt, ist schade und unverständlich. Statt den Schülern unsere schöne deutsche Sprache korrekt zu lehren, wird auf einer zeitgeistigen Neusprech-Woge mitgesurft.“ Und dann schreibt die Schüler-Union, dass sie hoffe, dass in der Öffentlichkeitsarbeit der Marienschule ein Umdenken stattfinde und „man sich dort auf seine Aufgabe als Schule besinnt“.

Einsatz für die Geschlechtergerechtigkeit: Schule in Limburg gendert

Und genau das will die Marienschule machen – „aus guten Gründen und Überzeugung wollen wir etwas für die Geschlechtergerechtigkeit tun“, sagt Benedikt Göbel. Und er wundert sich, dass man darüber heutzutage überhaupt noch diskutieren muss. Angefangen hatte die Diskussion Anfang Juni, als ein ehemaliger Schüler auf Instagram über die Sternchen stolperte und postete, dass sie ihn beim Lesen störten. Die Antwort war ein Post, in dem die Schule Punkt für Punkt erklärte, warum sie die geschlechtergerechte Sprache und damit auch die Genderzeichen für unverzichtbar hält. Weil das generische Maskulinum zwar grammatisch für alle gelte, aber viele psychologische Studien zeigten, dass sich die meisten Menschen damit Männer vorstellten. „Und somit stellt es die Welt nicht so divers dar, wie sie heute ist.“ Sprache lenke die Wahrnehmung, und sie könne dafür sorgen, dass die Menschen offener über Geschlechterrollen denken.

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Außerdem wisse man, dass Sprache zum Beispiel die kindliche Wahrnehmung von Berufen präge. „Werden die Berufe in einer männlichen und weiblichen Form genannt, trauen sich Mädchen typisch männliche Berufe eher zu.“ Ein Problem, das die Marienschule mit ihrem Programm der parallelen Monoedukation, also dem getrennten Unterricht von Mädchen und Jungen (bis zur Oberstufe), seit Jahren lösen will. „Weil wir davon überzeugt sind, dass sich mit diesem Konzept dynamische Rollenkonzepte entwickeln lassen“, sagt Nicole Scharbach, die stellvertretende Schulleiterin.

Schule in Limburg gendert: „Beim Gendern geht es darum, alle Geschlechter ernst zu nehmen“

Die gendergerechte Sprache sei aber auch daher wichtig, weil alles, was sprachlich unterrepräsentiert ist, an Bedeutung verliere, heißt es unter Punkt vier auf der Instagram-Seite der Marienschule. „Zudem wissen viele Menschen gar nicht, dass es außer Mann und Frau auch intersexuelle Menschen gibt.“ Und genau das sei wichtig, sagt Benedikt Göbel. „Beim Gendern geht es darum, alle Geschlechter ernst zu nehmen.“

Und die Forderung nach der Rückbesinnung auf sprachliche Traditionen und der Einwurf, dass äußerst fraglich sei, „dass eine Schule, die die deutsche Sprache lehrt, sich selbst einer Sprache bedient, die grammatikalisch nicht korrekt ist“, kontert die Schule so: „Sprache verändert sich, seit es Sprache gibt. Wir benutzen heute Wörter, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab. Im aktuellen Duden sind 3000 neue Wörter, darunter „gendergerecht“ und „transgender“.

Diskussion wegen Gendern an Schule in Limburg: Die Argumente der Nachwuchs-Politiker

Anton Hermes, der Kreisvorsitzende der Schüler-Union, will das alles nicht gelten lassen. „In keinem Fall hat eine Schule ihren Schülern durch gegenderte Öffentlichkeitsarbeit zu vermitteln, dass nur die Entscheidung pro Gendern die richtige Wahl sei“, schreibt er in der Pressemitteilung. „Welche Sprache die Marienschule selbst verwendet, beeinflusst selbstverständlich die Schüler in ihrem Entscheidungsprozess.“

Und das sei ja in diesem Fall auch ganz gut, kontert Leon Pätzold, der Vorsitzende der Jusos Limburg-Weilburg. Und macht auf die Widersprüche in der Argumentation aufmerksam: Nach dieser „wäre auch ein konsequentes nicht-gendern eine Beeinflussung der Schüler*innen in ihrem Entscheidungsprozess“. Und den Hinweis auf die Wünsche der Mehrheitsgesellschaft lässt Pätzold auch nicht gelten: „Würden wir immer nur noch danach handeln, was die Mehrheitsgesellschaft als wichtig erachtet, würden wir politisch noch im letzten Jahrhundert – oder noch viel weiter zurück – stecken.“

Gendern an Schule in Limburg: Probleme werden nicht beseitigt, „aber es ist ein Anfang“

Bemühungen, die sich für Gleichberechtigung aller Menschen einsetzen, würden durch das Gendersternchen nicht ins Lächerliche gezogen. Das Problem sei der Umgang der Gesellschaft mit dem berechtigten Wunsch nach Gleichberechtigung. Natürlich verschwänden nicht alle Probleme durch das Gendern. „Aber es ist ein Anfang.“ (Sabine Rauch)

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