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Christof May bei seiner Predigt in der Kapelle des Bischofshauses. Der 47-Jährige stammt aus Hintermeilingen. Er ist seit zwei Jahren Bischofsvikar und Regens (Leiter des Priesterseminars) und seit knapp einem Jahr auch Domkapitular. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Theologie an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt und an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Limburg

Viel Lob für Kirchenkritik

  • Joachim Heidersdorf
    vonJoachim Heidersdorf
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Mehr als 165 000 Menschen haben die Predigt von Domkapitular Dr. Christof May gehört

Limburg – Mit einer außergewöhnlichen Predigt hat Dr. Christof May ungewöhnlich große Aufmerksamkeit erzeugt. Rund 165 000 Menschen haben bislang seine Kritik an den veralteten Strukturen der katholischen Kirche und seine Vorstellungen von einer zeitgemäßen Auslegung des Evangeliums gehört. So viel Resonanz hatte wohl noch nie ein Gottesdienst im Bistum.

Der Domkapitular, Bischofsvikar und Regens (Leiter des Priesterseminars) hatte am vorletzten Sonntag in der Kapelle im Bischofshaus zum Erntedank gesprochen. Unter dem Motto "Unter jedem Dach ein Ach" ging er auf verschiedene Probleme ein, die vielen Seelsorgern und Gläubigen das (Kirchen-)Leben erschweren. Der 47-Jährige machte sich für die Segnung von gleichgeschlechtlichen und wiederverheirateten Paaren, für die Weihe von Frauen und Homosexuellen sowie für das gemeinsame Abendmahl von katholischen und protestantischen Ehepartnern stark.

Ein paar Besucher waren bei der Messe dabei, die das Bistum wie immer in Corona-Zeiten live im Videoportal Youtube übertrug. In der Regel schalten mehrere Hundert Personen ein, in den folgenden Tagen erhöht die Zahl sich auf bis zu 3000. Doch diesmal war und ist alles ganz anders. Das Video schoss viral durch die Decke, das Interesse hält unvermindert an. Dafür sorgten vor allem Ulrike Preus und Michael Ries aus Dornburg: Sie stellten den Mitschnitt auf die Facebook-Seite der Pfarrei St. Blasius im Westerwald. "Eine beeindruckende Predigt . . . Das sollte frau/man sich mal anhören", hieß es dazu. Bis gestern Abend folgten mehr als 140 000 Menschen ihrem Aufruf. Der Beitrag wurde 1700-mal geteilt. Hinzu kommen rund 23 000 Aufrufe auf Youtube.

Keine Anzeichen für Sanktionen des Bistums

Preus und Ries fragten sowohl May als auch Verantwortliche der Diözese, ob sie mit der Verbreitung einverstanden sind. Die Zustimmung signalisiert, dass May trotz seiner harschen Kritik zumindest vonseiten des Bistums keine Sanktionen befürchten muss. Konkret danach gefragt, sagte Bistumssprecher Stephan Schnelle gestern dieser Zeitung: "Es gibt keine Anzeichen dafür." Der Regens habe Themen angesprochen, die anstünden und auch bearbeitet würden. "Als Bischofsvikar für die Kirchenentwicklung gehört das zu seinen Aufgaben."

Christof May sei immer sehr authentisch, sagt Schnelle. Die Form, wie er an diesem Tag das Evangelium ausgelegt habe, habe ihn jedoch ebenso überrascht wie das gewaltige Echo. "Wir haben viele Rückmeldungen bekommen. Die allermeisten sind positiv, Kritik gibt es nur vereinzelt", berichtet der Sprecher. Deutlich auch die Zustimmung unter den 274 Kommentatoren bei St. Blasius. "Wir haben einen bitterbösen Beitrag gelöscht", sagt Ulrike Preus.

Christof May fragt sich eingangs vor dem Hintergrund seines 20. Weihejubiläums, welche Ernte er bislang als Priester eingefahren hat. Tagtäglich sitze er morgens um sieben allein in der Kapelle des Priesterseminars im Zwiegespräch mit dem Herrn. "Ich halte ihm meine Ernte hin, aber der Herr schweigt, und ich denke manchmal, vielleicht langweilige ich ihn. Immer das Gleiche . . . Vielleicht sagt der Herr zu mir, Christof, du Westerwälder Bauer, du bringst mir jeden Tag aufs Neue Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln. Eine einzige Monokultur. Willst du nicht anerkennen, dass der Acker des Reiches Gottes, der Weinberg, das große Feld, viel, viel weiter ist? Warum lässt du nicht andere daran teilhaben?" May beschreibt die Gefahr, dass der Weinberg austrocknet und langweilig wird, obwohl es so schön sein könnte. "Statt das Feld für viele zu öffnen, verstehen wir uns zu oft als Türsteher", klagt er. "Wir schmeißen die Knechte raus."

Der Priester plädiert für eine Theologie der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf Augenhöhe. "Sonst ist das nicht mehr mein Glaube", betont er. "Wollen wir uns weiter damit zufriedengeben, dass wir sonntags zehn Prozent erreichen? Und haben wir die anderen zehn Prozent nicht mehr im Blick, weil sie nicht in unser Konstrukt hineinpassen?", fragt May. Für ihn ist die Antwort klar: "Auf nur Kartoffeln habe ich schon lange keine Lust mehr. Ich wünsche mir einen Weinberg des Herrn, der bunt ist, der nicht neben, sondern mitten in der Gesellschaft steht."

Kommentar: Eine Predigt, die hoffen lässt und Mut macht

Dr. Christof May hat eine großartige Predigt gehalten. Schön, dass sie von so vielen Menschen gehört worden ist. Schade, dass sie als außergewöhnlich und mutig gefeiert wird. Es sollte auch in der katholischen Kirche eine Selbstverständlichkeit sein, Missstände offen zu kritisieren. Das ist es freilich nicht, und deshalb verdient das couragierte Auftreten Mays Respekt. Er legt die Finger in die klaffenden Wunden seiner Kirche und spricht Themen an, die viele Gläubige bewegen, aber im Vatikan tabu sind. In jedem Satz ein Volltreffer und viel mehr als ein Denkanstoß. Welch ein Segen für das Kirchenvolk!

Die Predigt lässt in verschiedener Hinsicht hoffen und macht Mut. Christof May ist kein Außenseiter, sondern gehört als Domkapitular, Bischofsvikar und Regens zur Spitze des Bistums. Ich bin sicher, dass er sich des Rückhalts des Bischofs bewusst war. Sonst hätte er sich wahrscheinlich etwas vorsichtiger geäußert – so wie Georg Bätzing. Auch der Bischof hat die von May genannten Probleme erkannt, thematisiert und in den Gremien Diskussionen angestoßen. Und es gibt ja weitere wichtige Würdenträger in der Diözese, wie den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz und den vor kurzem ausgeschiedenen Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Ansgar Wucherpfennig, die mit ihrer Kritik an weltfremden Strukturen aufhorchen ließen. (Von Joachim Heidersdorf)

Mit solchen Männern in der Führung kann das Bistum Limburg im notwendigen Reformprozess der katholischen Kirche eine Vorreiterrolle einnehmen. Könnte, muss man wohl korrigieren, wenn die Ewiggestrigen in Rom nicht wären. Wucherpfennig hat es vor zwei Jahren erlebt, als ihm der Vatikan aufgrund seiner liberalen Haltung gegenüber Homosexuellen die Verlängerung der Amtszeit verweigerte. Christof May darf sich Gottes Segen gewiss sein – dem des Vatikan leider nicht. Das ist der Unterschied: Da steht einer mitten im Leben und die anderen außen vor.

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