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Blick auf das alte Firmenanwesen: Ehemals ein sicherer Arbeitsplatz für viele Männer und Frauen aus der Region. Fotos: Richard Geitner jun

Firmengeschichte

Limburg: Vom Aufstieg und Niedergang der "Dippemill"

Die edlen Produkte der Steingutfabrik waren früher in vielen Haushalten zu finden.

Bis kurz nach ihrem 100-jährigen Bestehen gab sie unzähligen Männern und Frauen aus der Region einen sicheren Arbeitsplatz. Alle Höhen und Tiefen, die man sich nur denken kann, hat die keramische Fabrik am Ortsrand von Staffel ein ganzes Jahrhundert überstanden. Ein Leben ohne die "Steingutfabrik" war für viele Staffeler und Elzer nicht vorstellbar. Auch aus der näheren Region kamen die manchmal bis zu 350 Mitarbeiter, vor dem Krieg zu Fuß, nach dem Krieg oft noch mit dem Fahrrad oder mit dem Motorrad nach Staffel, an das rechte Elbufer, um sich hier ihr Brot zu verdienen.

Zahlreiche Mitarbeiter waren hier lange Jahre der "Dippemill" treu verbunden. Und das Schöne war, auch wenn aus vielen Familien im Dorf keiner dort beschäftigt war, man kannte immer jemanden, der dort arbeitete und aus seinem Kontingent, meistens zweite Wahl, etwas mitbrachte, was eben grade so im Haushalt gebraucht wurde.

Lange bestimmten kobaltblaue Vasen in allen Größen und in vielen ansprechenden Formen, handbemalt, später mit Schablonenmalerei verziert, das Dekor der Nachkriegsjahre. Namhafte Designerinnen und Designer entwarfen wunderschöne festliche, blumige, klassische und modern gestaltete Formen. Auch das moderne Kaffeeservice der 1970er Jahre mit leuchtend roter Glasur, akzentuiert mit zwei grünen Blättchen als naturnahe Farbtupfer, stand lange Jahre auf der Hitliste der Begehrlichkeiten, wenn junge Paare sich nach der Hochzeit ihren Küchenschrank preiswert füllten.

Nicht alle konnten sich nach dem Mauerbau das edle Porzellangeschirr aus Meissen leisten. Denn das war aus dem damals anderen Teil Deutschlands - auch in der ehemaligen DDR musste man Beziehungen haben, um es vielleicht als sogenannte "Bückware" zu bekommen -, und man musste immens viel West-Geld dafür hinlegen. Der Preis ist auch heute noch sensationell hoch, trotz geeintem Deutschland.

So wurde auch jedes Mal ein jährlich stattfindendes Fest des TuS Staffel oder der MGV Harmonie mit einer gut gefüllten Tombola, die bis vor der Schließung der Steingutfabrik Staffel unzählige gespendete Gewinne in zerbrechlicher Form versprach, für viele zum Anziehungspunkt. Da ist es ganz selbstverständlich, dass so gut wie in jedem Staffeler und Elzer Haushalt irdenes Geschirr von der "Dippemill" anzutreffen war. Kaffee- und Essservice, Schnapsstamper, Schnapsflaschen, Kuchenteller, Aufschnittplatten, Kräuterteetassen, Geleetöpfchen, Fischtöpfe, Suppenterrinen, Auflaufformen, Blumenvasen, Kindergeschirr, Nachttöpfchen, Obstschalen, Kerzenleuchter, tierisch geformte Kaffeekannen und vieles mehr stand auf der Produktpalette dieser nun inzwischen so schmerzlich vermissten alten beliebten "Thonfabrik".

Die Staffeler Kinder bekamen immer an Weihnachten beim Besuch des Kindergottesdienstes vom damaligen Pfarrer Otto Fuchs einen handbemalten Teller aus der "Dippemill" geschenkt. Wo gibt es das heute noch? Überbleibsel von Geschirr sind noch in der bekannten ältesten Mainzer Pizzeria zu finden. Helmut Kohl, Mario Adorf, Bubi Scholz, Margit Sponheimer, Jockel Fuchs, Herbert Bonewitz und viele weitere Prominente verkehrten hier. Sie alle bekamen ihre Pizza auf den bekannten bunten Staffeler Tortenplatten im Stil der 1970er Jahre serviert. Mit diesen zu Pizzatellern umfunktionieren Tortenplatten - inzwischen waren sie schon arg verkratzt vom vielfachen Gebrauch -, machte das Lokal trotzdem einen gehobenen Eindruck.

Weggeworfene Kostbarkeiten

So manch ein Kind schlich sich in den 1950er Jahren verbotenerweise manchmal zum Abfallberg hinter den Produktionshallen, wo die schadhaften Produkte landeten. Hier waren noch kleine Kostbarkeiten mit einem kleinen Sprung oder leichten Glasurschäden zu finden, bis der Pförtner kam und die kleinen Gäste davonjagte.

Doch nun zum Anfang und Ende der legendären Staffeler Dippschesmill, (in Elz Dippjesmill): Heute erinnert nichts mehr an das damals emsige Arbeiten der vielen Beschäftigten. In den knapp 100 Jahren ihres Bestehens hat die Steingutfabrik Staffel einige Male den Besitzer gewechselt. Der ursprüngliche Mühlenbetrieb Hille war es, deren Name immer wieder zu dem dialektischen Firmennamen "Staffeler Dippschesmill" lenkte. Ein Engländer namens Williams kaufte 1889 die damalige ortsansässige Mühle und richtete zunächst mit nur neun Mitarbeitern und drei Drehscheiben einen keramischen Betrieb ein, der vor allem Steinguttöpfe zur Aufbewahrung von Lebensmitteln herstellte. Vier Jahre später wurde der Betrieb von Kaufmann Muellert und Steinzeugfachmann Tyriot erworben, die sogleich zwei neue Rundöfen bauen ließen und eine Dampfmaschine zur Stromversorgung anschafften. Wiederum vier Jahre später, 1897, wurde die Thonwaaren- und Steingut-Actiengesellschaft von der Aktiengesellschaft Busch, Stahlheber & Langschied übernommen, die sich prompt mit großzügigen Anschaffungen von Maschinen und neu erbauten Hallen 1903 in den Konkurs begeben mussten. Es folgten die Besitzer Rothgiesser und Albrecht aus Hannover, die somit die "Steingutfabrik Staffel" gründeten.

Zerstörerisches Hochwasser

1909 verursachte ein Hochwasser so große Schäden, dass Anteile an das Bankhaus Carl Cohn in Berlin veräußert werden mussten. Ein Jahr später, 1910, ging es an die Nationalbank in Berlin. 1921 übernahmen Bing Glas und Keramik mit Ottenstein aus Nürnberg die Steingutfabrik. 1924 wurde durch eine Konjunkturflaute der Betrieb völlig eingestellt. 1927 ging die Fabrik in den Besitz der sächsischen Steingutfabrik Colditz über. Bereits 1931 wiederholte sich die Flaute am Markt, und wieder wurde der Betrieb kurzfristig eingestellt. Die wirtschaftliche Situation blieb bis nach dem Krieg schlecht. 1945 wurden Josef Bartz aus Limburg als Treuhänder, Julius Löb aus Staffel und Rudolf Medicus-Jesinghaus als neue Geschäftsführer eingesetzt.

Es folgte wieder ein zerstörerisches Hochwasser der Elb und Lahn, und gleich danach zwei Brände, die viele Räume vernichteten. Trotz vieler Rückschläge begann der wirtschaftliche Aufschwung der Dippschesmill, der bis in die 1960er Jahre anhielt. Doch preiswerte Produkte aus Osteuropa machten der Steingutfabrik so langsam den Garaus. Colditz verkaufte an Dr. Pöppinghaus, den Inhaber der Fa. Gerz Steinzeug in Sessenbach bei Höhr-Grenzhausen. Kurz nach dem 100-jährigen Firmenbestehen, 1989, hatte ein stiller Teilhaber seine zugesagte Bürgschaft zurückgezogen. Am 22. Juni 1990 wurde Konkurs angemeldet. Am 31. Dezember 1990 wurde diesmal endgültig und für immer die Produktion eingestellt. Erworben hat das Anwesen der Elzer Nachbar Werner Eufinger, die Fa. Weton-Fertighausbau mit Baumarkt. Auf dem ehemaligen Steingutfabrikgelände befinden sich heute ein Gastro-Betrieb, eine Disco, Limpark sowie weitere Industriebetriebe. Von Wilma Rücker

Um 1920: Otto Geitner, Staffeler Keramikdesigner, bei der Arbeit.
Die Steingutfabrik bei Hochwasser im Jahr 1909.

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