Verteidiger Wolfgang Stahl. Foto: Joachim Heidersdorf
+
Verteidiger Wolfgang Stahl. Foto: Joachim Heidersdorf

"Axtmörder"-Prozess

Limburg: Verteidiger und Staatsanwalt geraten sich in die Haare

  • Joachim Heidersdorf
    VonJoachim Heidersdorf
    schließen

Es geht um den möglichen Suizidversuch von Imad A. Anwalt fühlt sich beleidigt und will Anklagevertreter anzeigen.

Limburg. Am Dienstag konnte Verteidiger Wolfgang Stahl sich in seinem Ärger über den Ex-Anwalt seines Mandanten kaum bremsen, am Donnerstag gestern regte er sich mächtig über Staatsanwalt Thomas Pohling auf. "Ich werde ihn anzeigen", kündigte der Koblenzer an. Er sei "hochgradig entsetzt" und fühle sich "zumindest beleidigt". Der Anklagevertreter habe seine berufliche Integrität herabgemindert und ihn in seiner Ehre verletzt.

Der Hintergrund: Pohling unterstellte ihm, den sogenannten "Axtmörder" zu einer veränderten Aussage in der Hauptverhandlung bewogen zu haben. Konkret ging es dem Staatsanwalt um die Darstellung des gescheiterten Versuchs eines erweiterten Suizids, die für die Frage der Schuldfähigkeit von Imad A. die zentrale Rolle spielen wird.

Wegen dieses Schlagabtauschs geriet die vorangegangene Beweisaufnahme im Schwurgerichtsaal des Landgerichts zur Nebensache. Der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Janisch wollte eigentlich nur noch Formalitäten klären - bis der Staatsanwalt noch zwei Beweisanträge stellte. Einen harmlosen (das Blutalkoholgutachten in das Verfahren einzuführen) und einen "explosiven": In der Verhandlung solle aus dem Buch "Jeder kann zum Mörder werden" das Kapitel "Im Tode vereint" vorgelesen werden. In dem Werk der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh gehe es um einen ähnlich gelagerten Fall, erläuterte Pohling. Imad A. habe erst nach dem ersten Kontakt mit Stahl Suizidgedanken geäußert, und der Verteidiger habe seinem Mandanten das Buch in die Untersuchungshaft geschickt. "Dadurch hat der Angeklagte sein Verhalten in der Hauptverhandlung angepasst", sagte Pohling.

"Unerhört und

skandalös"

"Das ist unerhört", empörte sich Stahl. "Und skandalös, wenn man die Akten kennt." Er habe A. das populärwissenschaftliche Buch "ganz offen und transparent" zur Verfügung gestellt. "Ein Verteidiger hat viele Möglichkeiten, manipulativ auf seinen Mandanten einzuwirken. Das habe ich ganz bewusst nicht getan. Ich arbeite nicht mit unseriösen Tricks", betonte der Rechtsanwalt. In der Behauptung stecke der Vorwurf einer versuchten Strafvereitelung, weil Imads Aussage im Hinblick auf eine mögliche verminderte Schuldfähigkeit Einfluss auf das Strafmaß haben könnte.

Das Buch war Imad A. auf Antrag der Staatsanwaltschaft zunächst nicht zugestellt worden. Die Beschwerdekammer des Landgerichts hob die Entscheidung der Ermittlungsrichterin Ende Februar auf. Im Januar war Imad psychiatrisch untersucht worden.

Nach zwei Unterbrechungen wies die Kammer den Antrag zurück. Die Verlesung des Kapitels sei als Beweismittel bedeutungslos, erklärte Janisch. Die von der Staatsanwaltschaft gezogenen Schlüsse seien nicht zwingend.

Am sechsten Verhandlungstag sagten gestern zwei Polizisten, eine Psychologin und zwei Ärzte aus. Ein Kriminalhauptkommissar berichtete über die Vernehmung eines Zeugen, der sich nun - sieben Monate nach der Tat - nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann. "Ich sah, wie der Mann den Kopf der Frau zur Seite drehte und mit großer Wucht gezielt auf Kopf und Hals einschlug", heißt es im Protokoll.

Eine Beamtin des Erkennungsdienstes, die am Tatort Spuren sicherte und später auswertete, listete die im und am Auto sichergestellten Gegenstände auf. Darunter eine Axt und ein Küchenbeil, jeweils stark mit Blut behaftet, ein weiteres Beil, mehrere Messer, eine geladene Schreckschusswaffe, Pfefferspray, Klebeband, Gummihandschuhe, eine Perücke, ein falscher Klebebart und diverse Kinderbekleidung.

"Emotionaler

Ausnahmezustand"

Eine Psychologin des Diakonischen Werks erklärte, Imad A. sei in einer großen Notlage und in einem "emotionalen Ausnahmezustand" gewesen. Dass ihn seine Frau mit den beiden Kindern verlassen hatte, habe ihn schwer schockiert. "Er war völlig überfordert mit der Situation, rat- und hilfslos und zeigte Symptome einer Depression", so die 35-Jährige.

Die beiden Hausärzte gaben Einblick in die Krankenakte des "früher unauffälligen, freundlichen und eher introvertierten" 34-Jährigen. Er hatte demnach seit zwei Jahren psychische Probleme, litt unter Schlafstörung, Erschöpfung und depressiven Symptomen.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. joachim heidersdorf

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare