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Frauenhäuser in Limburg: Vieles ist besser, aber der Kampf geht weiter

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Von: Sabine Rauch

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Die einen haben das Limburger Frauenhaus gegründet, die anderen führen es weiter: Antje Ludwig, Margareta Eichhorn, Verena Müller und Anneliese Schlitt (von links) engagieren sich für Frauen in Not.
Die einen haben das Limburger Frauenhaus gegründet, die anderen führen es weiter: Antje Ludwig, Margareta Eichhorn, Verena Müller und Anneliese Schlitt (von links) engagieren sich für Frauen in Not. © rauch

Wenn das eigene Zuhause ein gefährlicher Ort wird, suchen Frauen Zuflucht in einem Frauenhaus. Aber es gibt immer noch zu wenige Plätze.

Limburg - Ein paar Gesetze haben sich geändert, Frauen sind heute selbstbewusster, und sie wissen, wo sie sich Hilfe suchen können. Und heute frage niemand mehr, was das mit dem Frauenhaus überhaupt soll, sagt Anneliese Schlitt. Aber vieles sei eigentlich noch genau so wie vor 40 Jahren. Es gibt immer noch zu wenig Plätze, die Frauen Zuflucht bieten, die Finanzierung der Frauenhäuser ist immer noch ein Kampf, und die Gewalt gegen Frauen ist nicht weniger geworden. Und immer noch schrecken viele Frauen davor zurück, ihre Männer anzuzeigen. Dabei sei die Gewalt schlimmer geworden, härter, sagt Antje Ludwig vom Limburger Frauenhaus. Und die Wahrnehmung habe sich verändert. Heute käme niemand mehr auf die Idee, "Vater hat mal die Stühle gerückt" zu sagen, wenn er zuschlägt.

Das war damals anders, damals, vor 42 Jahren, als Anneliese Schlitt, Margareta Eichhorn und Brunhilde Schwind-Müllers den Solidaritätsfonds Frauen für Frauen gründeten, um Frauen zu helfen, die den Mut hatten, ihr Leben zu ändern oder deren Not so groß war, dass ihnen nichts anderes übrig blieb. Auch wenn es ihnen schwer fiel. Sie könne sich noch gut an die Frauen erinnern, die sich bei ihren Männern entschuldigten, wenn sie auszogen, sagt Anneliese Schlitt. "Die Frauen hatten ein schlechtes Gewissen." Und viele gingen wieder zurück. Auch das ist heute nicht anders. Aber eines hat sich geändert: Die Frauen vom Solidaritätsfonds müssen die Frauen in Not schon lange nicht mehr bei sich zu Hause aufnehmen. Seit Dezember 1986 hat auch Limburg ein Frauenhaus.

Hilfe bei der Flucht

Bis dahin war es ein weiter Weg. Auch wenn damals die 1980er waren, das Jahrzehnt, in dem die "Frauenfragen" auf einmal Gehör fanden. In denen auch Anneliese Schlitt und andere Frauen aus der katholischen Frauengemeinschaft realisierten, dass es nicht alle Frauen mit ihren Männern so gut getroffen hatten. "Ich bin wacher geworden", sagt die 82-Jährige. Und sie war nicht alleine. Viele Frauen aus dem Solidaritätsfonds schauten damals genauer hin - und waren bereit, Frauen in Not bei der Flucht zu helfen, sie bei sich aufzunehmen, bei der Suche nach einer Wohnung zu unterstützen. Aber schnell war klar, dass das keine Dauerlösung sein kann. Am 4. Juni 1985 war es so weit: In Limburg gründete sich der Verein Initiative Frauenhaus. Rund 20 Frauen trafen sich fast jede Woche, um zu lernen, wie Frauenhausarbeit funktioniert, um Gespräche mit Behörden und Kirchen zu führen, darüber zu diskutieren, ob Autonomie besser sei als ein Frauenhaus in der Trägerschaft des Caritasverbandes, um die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren. Und immer wieder gegen Bedenken zu kämpfen und die immergleiche Fragen zu beantworten: "Wofür brauchen wir überhaupt ein Frauenhaus?" "Bringt man die Frauen damit nicht nur auf die Idee, ihre Männer zu verlassen?"

Der Hirtenbrief von Bischof Kamphaus

Aber es kam Bewegung in die Sache: Margareta Eichhorn erinnert sich noch genau: An den Hirtenbrief von Bischof Franz Kamphaus zum Thema Gewalt gegen Frauen, an den Kreistagsbeschluss vom 19. Dezember 1985, die Initiative mit 36 000 Mark zu unterstützen, dazu kamen noch 6000 Mark von der Katholischen Frauengemeinschaft, das Land versprach, anderthalb Stellen zu finanzieren. Und mit Hilfe der Stadt Limburg fanden die Frauen zum Oktober 1986 ein Haus an der Schiede, renovierten es, trugen bei Haushaltsauflösungen Möbel zusammen, schleppten sie ins Frauenhaus. Kurz vor Weihnachten 1986 war alles fertig. Die erste Bewohnerin habe das Fest bei ihr verbracht, damit sie nicht alleine im Frauenhaus sein musste, sagt Anneliese Schlitt. Die Betten für acht Frauen und ihre Kinder waren schnell belegt. Im Mai 1987 waren alle fünf Teilzeitstellen besetzt, die Frauen aus dem Arbeitskreis hatten wieder Zeit für andere Dinge. Einige von ihnen sind dem Frauenhaus bis heute treu geblieben, werben für die Arbeit, helfen bei dem, was heute Fundraising heißt, verteilen Flyer, kochen Kaffee beim Frauenlauf oder machen sich anders nützlich für Frauen in Not.

Kein gesetzlich verankertes Recht

Die Arbeit mit den Frauen haben längst die Profis übernommen, inzwischen gibt es noch eine Beratungsstelle in der Schaumburger Straße, und das Frauenhaus ist seit 25 Jahren an einem anderen Ort. 1996 hat der Verein ein Haus gekauft. Hier ist in zwölf Zimmern Platz für 24 Personen, zwölf Frauen und ihre Kinder. "Und das Haus ist meistens voll", sagt Antje Ludwig. Der Bedarf ist groß. Weil Gewalt gegen Frauen immer noch ein Thema ist. Aber das Geld reicht nicht für mehr Plätze, und der Verein weiß sowieso nie, wie viel Geld ihm zur Verfügung steht. Weil die Mitarbeiterinnen jedes Jahr aufs Neue mit den Behörden um die Finanzierung kämpfen müssen, weil sie nie genau wissen wie viele Spenden zusammenkommen. 30 bis 40 Prozent des Budgets müssen durch Spenden zusammenkommen, sagt Antje Ludwig. Der Rest sind freiwillige Leistungen von Ländern, Kommunen und Gemeinden. Ein gesetzlich verankertes Recht auf einen Platz im Frauenhaus sei überfällig, sagt Antje Ludwig. Denn damit sei dann auch Finanzierung gesichert. Damit alle Frauen in Not einen Platz im Frauenhaus finden. Auch Migrantinnen. "Die dürften wir eigentlich gar nicht aufnehmen", sagt Antje Ludwig. Jedenfalls wird ihre Miete nicht bezahlt. Jetzt hoffen alle auf die Umsetzung der Istanbul Konvention. Und darauf, dass die Mitarbeiterinnen dann nicht mehr so viel Zeit mit Bürokratie verbringen müssen, sondern sie den Frauen und Kindern widmen können. Denn die brauchen ja nicht nur einen Zufluchtsort, sondern auch Hilfe auf dem Weg in ein gewaltfreies selbstbestimmtes Leben.

Es gibt noch Nachholbedarf im Landkreis - und nicht nur dort

Das hehre Ziel: Dass Frauen nicht mehr gefährlich leben. Seit mehr als vier Jahren ist die Istanbul-Konvention in Deutschland in Kraft. Aber passiert ist noch nicht viel. Immer noch fehlen eine Gesamtstrategie, die passenden Institutionen und die Ressourcen, um Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schätzen. Dabei ist die Sache eigentlich klar: "Die 81 Artikel enthalten umfassende Verpflichtungen zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zum Schutz der Opfer und zur Bestrafung der Täter und Täterinnen", heißt es auf der Homepage des Familienministeriums zu dem Übereinkommen des Europarates.

Ein bisschen was sei ja auch schon passiert, sagt Ute Jungmann-Hauff, die Frauenbeauftragte des Landkreises Limburg-Weilburg: Die ehemalige Familienministerin Franziska Giffey hat die Frauenhäuser "systemrelevant" genannt und 120 Millionen Euro bewilligt, "aber das ist nicht viel für ganz Deutschland". Es gebe ein bundesweites Hilfetelefon und die Möglichkeit der psychosozialen Prozessbegleitung, um das Opfer vor weiteren Belastungen zu schützen. Aber viel mehr habe sich in den vergangenen Jahren eigentlich auch nicht getan. In Hessen gebe es nicht einmal eine Koordinierungsstelle, beim Land sei offenbar noch nicht einmal eine Bestandsaufnahme gemacht worden. Der Landkreis Limburg-Weilburg arbeitet daran: Ute Jungmann-Hauff hat die Leitung einer Arbeitsgruppe, die erst einmal ermitteln soll, welche Institutionen und Hilfesysteme es im Landkreis überhaupt schon gibt, damit dann, im zweiten Schritt, ermittelt werden kann, was es braucht, um Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen und die Täter zu bestrafen. "Dafür müssen wir erst mal alle an einen Tisch holen", sagt Ute Jungmann-Hauff, Frauenhaus, Beratungsstellen, Polizei und Justiz. "Und dann können wir Handlungsempfehlungen abgeben."

Eine Sache ist aber schon jetzt klar: Es gibt zu wenige Frauenhaus-Plätze im Landkreis. Laut EU müssen es 2,5 Plätze (für eine Frau und 1,5 Kinder) je 100 000 Einwohner sein. Im Landkreis fehlen also 19 Plätze. "Und der Bedarf ist da."

Anderes lobt Ute Jungmann-Hauff, dass der Landkreis sich schon seit 2019 am Projekt Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung beteiligt zum Beispiel, "das ist eine tolle Sache". Auch dass es im Kreis schon einige Ansprechpartner gibt, sei wichtig: Pro Familia, den Verein gegen unseren Willen und der Notruf stehen bereit, um zu helfen. Aber Präventionsarbeit sei ebenfalls unerlässlich. Denn es brauche endlich einen Bewusstseinwandel in der Gesellschaft. "Wir haben viele Ideen, aber das kostet alles Geld", sagt Ute Jungmann-Hauff. Doch die Istanbul-Konvention muss umgesetzt werden, das Ziel ist klar: das Recht der Frau auf ein gewaltfreies Leben und damit auch die Gleichstellung von Frau und Mann. Im Herbst sei der Arbeitskreis vermutlich mit der Bestandsaufnahme fertig, sagt Ute Jungmann-Hauff.

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