Diese Aufnahme entstand vor 60 Jahren im Laden, von links: Verkäuferin Sabine Schäfer, Georg Pötz und seine Frau Elisabeth.
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Diese Aufnahme entstand vor 60 Jahren im Laden, von links: Verkäuferin Sabine Schäfer, Georg Pötz und seine Frau Elisabeth.

Handel in der Domstadt

Limburg: Vom Unternehmergeist beseelt

Die Familien Mehlhaus und Pötz prägen mit ihrem Laden das Wirtschaftsleben in der Stadt

Limburg -Die Handelsstadt Limburg verdankt ihre Jahrhunderte alte Bedeutung hauptsächlich vielen kleinen Fachgeschäften. Es waren und sind zumeist Familienbetriebe, die ihre Dienstleistungen bisweilen in mehreren Generationen anboten oder noch existieren. Einer dieser Läden firmiert unter Mehlhaus oHG. Einen Inhaber dieses Namens gibt es aber schon lange nicht mehr. Auch lebt in der Domstadt kein Nachkomme.

Der Limburger Jurist Dr. Klaus Wolf, der die Wirtschaftsgeschichte seiner Heimatstadt erforscht, hat die Familienhistorie aufgearbeitet und erinnert an einen außergewöhnlichen Limburger Kaufmann und Stadthistoriker.

Josef Mehlhaus wurde am 24. April 1880 Im Schlenkert 4 geboren. Sein Vater Jacob war gelernter Messerschmied, der sich auf die Herstellung chirurgischer Instrumente verlegt hatte. "Seine Fingerfertigkeit als Feinmechaniker beinhaltete auch das Talent einer sehr schönen Handschrift", berichtet Klaus Wolf. So sei er aus der selbstständigen Tätigkeit in den Beruf eines Schreibers beim Bischöflichen Ordinariat gewechselt. In dem ersten Limburger Adressbuch von 1896 werde er als Registrator geführt.

Vermutlich war Sohn Josef die Fingerfertigkeit seines Vaters in die Wiege gelegt, da er noch vor seinem 14. Geburtstag die Lehre als Uhrmacher bei der Firma Jäger in Diez antrat, die er drei Jahre später erfolgreich abschloss. Wolf: "Wie es damals üblich war, gingen Junggesellen auf Wanderschaft, um ihre Fachkenntnisse zu erweitern. Diese habe Josef Mehlhaus nach Karlsruhe, Rastatt, Wiesbaden, Heidelberg, Ingolstadt, Bamberg, Eltville und Köln geführt.

Während dieser Zeit leistete er auch den obligatorischen Militärdienst ab. In Dresden habe er sich bei Meister Robert Neubert, der mit dem "Neuen Monogramm Album" ein Standardwerk dieses Kunsthandwerks herausgebracht hatte, zum Graveur ausbilden lassen. So konnte Mehlhaus Taschenuhren, Bestecke und anderes mit schönen Initialen verzieren. Seine Wanderjahre habe Josef Mehlhaus in Marburg beschlossen, wo er am 1. April 1910 die Meisterprüfung ablegte.

Minderjähriger wird Firmenteilhaber

Zurück in seiner Heimatstadt Limburg, heiratete er Maria, die Tochter von Sattlermeister Döppes aus der Frankfurter Straße, und eröffnete am 1. Juli 1911 ein eigenes Uhrmacher- und Optikergeschäft in der Frankfurter Straße 4a. Doch schon drei Jahre später wurde er in den Ersten Weltkrieg eingezogen, aus dem sein jüngerer Bruder, der Lehrer war, nicht mehr zurückkehrte.

Josef Mehlhaus betrieb mit Unterstützung seiner Frau den Laden 25 Jahre lang in der Frankfurter Straße und zog 1936 in das von ihnen erworbene Haus in die obere Grabenstraße. Historiker Klaus Wolf weiter: "Wieder ereilte die Familie das Schicksal. Sohn Albert, der als gelernter Uhrmacher das Geschäft übernehmen sollte, erlag 1943 im Lazarett in Kiew seiner Verwundung. Sohn Josef, der Theologie studierte, ist seit 1944 in Rumänien vermisst."

Das unendliche menschliche Leid und die Beschwernisse des Krieges in der Heimat hatten den Familienbetrieb vor schier unüberwindliche Belastungen gestellt. "Maria Mehlhaus hatte die Idee, dass mit ihrem Neffen Georg Pötz, einem aufgeweckten Burschen, der durch seine Bastelarbeiten auch handwerkliches Geschick an den Tag legte, eine Nachfolge-Option bestehen könnte", fährt Wolf fort. Als Nachfahre der Döppes-Familie sollte so auch Georg vom unternehmerischen Geist beseelt sein. Also begann er am 2. April 1946 bei seinem Onkel Josef Mehlhaus eine Uhrmacherlehre.

Gleich am ersten Arbeitstag nahm der Meister seinen Lehrbub mit, um die Rathausuhr zu reparieren. Mehlhaus oblag auch die Reparatur der großen Uhren von Dom, Post und Gymnasium. Doch Georg fand auch Geschick für das Kleine und Präzise, legte 1949 bei der Gesellenprüfung seine von ihm gefertigte Taschenuhr vor. Als wenige Monate später Maria Mehlhaus, eine kluge Kauffrau und Seele des Geschäfts, plötzlich starb, wurde aus Georg von einem Tag auf den anderen ein Jungunternehmer, der sich mit Volldampf ums Geschäft kümmern musste.

Georg Pötz, der am 24. Mai nach schwerer Krankheit im Alter von 89 Jahren gestorben ist, erzählte lebhaft, wie er 1953 als Minderjähriger mit behördlicher Sondergenehmigung als Teilhaber in die Firma seines Onkels eintrat. Einen wesentlichen Impuls habe das Geschäft 1957 nach der Heirat seiner Frau Elisabeth, geborene Dill, aus Villmar bekommen. Sie sei gleich in den Verkauf eingestiegen, und wie es sich für einen Familienbetrieb gehört, wuselten bald fünf kleine "Pötzchen" durch Werkstatt und Laden, der 1959 umgebaut sowie in Größe und Sortiment erweitert wurde. Optiker Alfred Seeling, der bis 1993 im Geschäft tätig war, und Georg Pötz versorgten die Kundschaft auch mit individuell angepassten Brillen. 1962, wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag, starb Josef Mehlhaus.

Klaus Wolf ruft das Leben mit den vielseitigen Facetten des Limburger Uhrmachers und Optikers, der Heimatforscher, Humorist und aktiver Rauchclub-Karnevalist war, in einer mehrseitigen Schrift in Erinnerung. Darin würdigt er den Ur-Limburger unter anderem als treuen Kolpingsohn, der den Ideen des Gesellenvaters Adolf Kolping für soziale Gerechtigkeit im Handwerk ein Leben lang verbunden war. Die Stadt Limburg hat Mehlhaus mit der Benennung einer Straße geehrt.

75 Jahre war sein getreuer Neffe Georg Pötz im Geschäft, dort gelegentlich noch im hohen Alter anzutreffen, das sein Sohn Wolfgang nach dessen Ausbildung zum Goldschmiedemeister seit fast 20 Jahren in der dritten Generation mit den Schwerpunkten Uhren, Schmuck, Goldschmiede weiterführt. Und die nächste Generation scheint mit einem Enkel bereits in den Startlöchern zu stehen.

In Memoriam Josef Mehlhaus

Die Biografie von Josef Mehlhaus, die neben seinem privaten und beruflichen Wirken auch Anekdoten sowie Auszüge aus Schriftverkehren enthält, kann digital bezogen werden bei Dr. Klaus Wolf, (0 64 31) 2 32 30, oder per E-Mail an dr.klaus.wolf@t-online.de.

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