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Ein Mann fordert, dass die katholische Kirche die Gewalt, die er in Form eines Priesters erlitt, anerkennt. (Symbolbild)

Physische und psychische Drangsalierung

Limburg: Opfer fordert Anerkennung seines Leids durch die Kirche – erfolglos

  • VonAnken Bohnhorst-Vollmer
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Ein Mann fordert, dass die katholische Kirche die Gewalt, die er in Form eines Priesters erlitt, anerkennt. Sein Anliegen stößt in Limburg auf taube Ohren.

Limburg/Siershahn -Johannes Heibel fordert weder eine Entschuldigung noch eine Entschädigung für das, was ihm widerfahren ist. Er will nur, dass die katholische Kirche anerkennt, welches Leid ihm einer ihrer Priester angetan hat. Fast 50 Jahre ist das jetzt her. Seit rund 30 Jahren kämpft er um Akzeptanz seines Anliegens. Doch die wird ihm verwehrt. Denn Johannes Heibel ist kein Opfer sexueller Gewalt, sondern physischer und psychischer Drangsalierung. Sein Eindruck ist: "Betroffene, die nur körperliche oder psychische Gewalt seitens katholischer Priester ausgesetzt waren, finden nach den derzeitigen Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz keine Beachtung, keine Anhörung und damit auch keine Anerkennung."

Auch nicht bei Bischof Georg Bätzing, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, mit dem sich Heibel vor ein paar Wochen getroffen hat. Der heute 66-jährige Sozialpädagoge aus dem Westerwald erzählte dem Bischof seine persönliche Leidensgeschichte, die der aus einem streng katholischen Elternhaus stammende Junge am 2. Mai 1965, eine Woche nach seiner Erstkommunion, in der Kirche seines Heimatdorfes erlebte: Der Banknachbar im Gottesdienst hatte Heibel nach der Uhrzeit gefragt. Der Junge blickte rasch auf das Ziffernblatt und wurde dabei von dem damaligen Kaplan ertappt. Der Geistliche ging zu dem Jungen, zog ihn am Ohr aus der Bank und durch die Kirche. Eine grenzenlose Demütigung sei diese Behandlung gewesen, sagt Heibel, über die er nicht hinwegkommen sei. Eine Strafe, die ungerechtfertigt war und deren Wirkung auch deshalb nicht nachließ, weil er sich mit dieser Demütigung niemandem anvertrauen konnte. Die fromme Mutter habe ihn ermahnt, still zu bleiben. Mehr noch: Die Familie verlangte von ihm, Messdiener zu werden, und als Messdiener erlebte er, wie jener Kaplan auch andere Kinder quälte. Wehren konnte er sich nicht.

In der Kirche gedemütigt: Geistlichen aus Limburg zur Rede gestellt

Erst rund 30 Jahre später ergriff Johannes Heibel die Gelegenheit, den mittlerweile zum Priester geweihten und nach mehrjähriger Abwesenheit in die Gemeinde zurückgekehrten Geistlichen zur Rede zu stellen - und stieß auf taube Ohren und auf einen Rechtsbeistand des Priesters, der Heibel zu verstehen gab, dass weitere Vorwürfe gegen den Geistlichen juristische Konsequenzen, sein Fall keine Aussicht auf Erfolg habe.

Heibel sei nicht glaubwürdig, der Pfarrer schuldlos. Zudem seien in den 1960er Jahren körperliche Züchtigungen nicht ungewöhnlich gewesen, gibt Heibel wieder, was der Anwalt ihm schrieb und was für Johannes Heibel nicht viel anders klingt, als die aktuelle Aussage von Bischof Bätzing. Denn auch Bätzing "konnte zunächst keine Erklärung dafür abgeben, warum die Bischöfe bisher nur die sexuelle Gewalt von Klerikern in den Fokus ihrer Aufklärungsarbeit gerückt haben, sagte dann aber, dass es wohl daran gelegen habe, dass die körperliche Gewalt an Kindern in der Vergangenheit noch kein Straftatbestand gewesen sei. Aus diesem Grund habe man sich wohl dafür entschieden, diese Form der Gewalt nicht aufzuarbeiten und anzuerkennen", gibt Heibel den Gesprächsverlauf wieder. Nur "betroffene Kinder unterscheiden nicht nach dem Strafgesetzbuch, wenn sie der Gewalt von Erwachsenen ausgeliefert sind", sagt Heibel. "Ein Trauma ist ein Trauma und muss als solches auch bewertet und anerkannt werden."

Gewalt-Opfer aus Limburg: Treffen mit Bischof niederschmetternd

Für ihn war das Treffen mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz niederschmetternd. Mit einer Pressemitteilung wandte er sich deshalb an die Öffentlichkeit - und erhielt Post von Hans Zollner, einem katholischen Ordenspriester, der Präsident des Centre for Child Protection am Collegio Bellarmino in Rom ist. Der schreibt: "Es tut mir sehr leid, was Ihnen durch den Kaplan kurz nach der Erstkommunion geschehen ist, und ich kann nur ahnen, wie sehr Sie das belastet und begleitet hat." Die Auswirkungen von Misshandlungen und anderen psychischen und spirituellen Gewaltausübungen "sind in unseren Breiten erst in den letzten Jahren in wachsendem Ausmaß ins breitere Bewusstsein von Kirche und Gesellschaft gelangt". Heibels Mitteilung trage "zweifellos dazu bei, dass mehr Verantwortliche in der Kirche damit konfrontiert werden und die notwendige Aufmerksamkeit auf das geschehene Unrecht und die Verhinderung von weiterem Unheil verwendet wird".

Johannes Heibel

In seinem Heimatbistum Limburg, in dem auch der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, wirkt, erfährt diese Form der Gewalt nach Heibels Einschätzung indes noch immer zu wenig Beachtung. Denn als er Bätzing bei ihrem Treffen um eine schriftliche Stellungnahme zu der Frage bat, "ob man den Blick zukünftig auch auf andere Formen von klerikaler Gewalt ausrichten" werde, erklärte der Bischof nach Heibels Erinnerung: "Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll? - Und wenn ich das tue, weiß ich nicht, ob Ihnen das gefallen würde." Jedenfalls solle Heibel "doch bitte nicht so einen Druck machen", erinnert sich der Mann aus dem Westerwald.

Limburg: Keine Stellungnahme des Bistums

Eine offizielle Antwort bleibt aus. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt Stephan Schnelle, Pressesprecher des Bistums: "Bei dem Treffen mit Herrn Heibel handelte es sich um ein persönliches Gespräch zwischen ihm und dem Bischof. Dazu gibt es keine Stellungnahme. (Anken Bohnhorst-Vollmer)

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