Der Unmut bei vielen Limburger Einzelhändlern über die Coronahilfen ist groß, berichtet Martin Acht, Geschäftsführer des Bekleidungshändlers Vohl & Meyer in Limburg.
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Der Unmut bei vielen Limburger Einzelhändlern über die Coronahilfen ist groß, berichtet Martin Acht, Geschäftsführer des Bekleidungshändlers Vohl & Meyer in Limburg.

Einzelhandel

Limburg-Weilburg: Corona-Hilfe lässt häufig auf sich warten

  • Rolf Goeckel
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IHK und Betriebe klagen über verzögerte Zahlungen und viel Bürokratie

Limburg-Weilburg -Die Corona-Pandemie belastet nicht nur die Gesundheit vieler Bürger, sondern auch große Teil der Wirtschaft. Von dem seit November geltenden, immer wieder verlängerten und zum Teil verschärften Lockdown sind Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe sowie der Einzelhandel und Dienstleister betroffen. Die vom Bund gewährten Überbrückungshilfen sollen die Schäden für die betroffenen Unternehmen in Grenzen halten - doch die zugesagte Hilfe lässt auf sich warten, klagen betroffene Unternehmen und die Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg.

Die IHK blickt mit Sorge gerade auf den Einzelhandel. Wegen der Corona-Krise stünden viele Unternehmen der Region unter großem Druck, der sich durch die Lockdown-Verlängerung weiter erhöhe. "Mit jedem Tag, den der Lockdown andauert, gehen der Wirtschaft dringend notwendige Einnahmen verloren, während viele Kosten in den Unternehmen weiterlaufen. Das zehrt das Eigenkapital der Betriebe insbesondere in den wiederholt behördlich geschlossenen Branchen zunehmend auf und bringt sie in Existenznot. Eine echte Perspektive für den Re-Start lässt weiter auf sich warten", sagt Ulrich Heep, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg.

Die zugesagten finanziellen Unterstützungspakete von Bund und Ländern kämen bei vielen Unternehmen nicht an. Die Verfahren der Corona-Hilfeleistungen seien zu kompliziert, die Zugangshürden zu hoch, die Umsetzung dauere zu lange. "So wurden die Novemberhilfen noch immer nicht komplett ausgezahlt, und die Dezemberhilfen konnten erst Ende Dezember beantragt werden."

Die wichtigsten Kunden mussten schließen

Die IHK fordert deshalb: "Die Prozesse müssen beschleunigt werden, um das Überleben vieler Unternehmen zu sichern. Insbesondere der Einzelhandel steht aktuell ohne finanzielle Unterstützung da", so Heep. Die Geschäfte mussten ab 16. Dezember letztes Jahr schließen, fallen aber nicht wie die Gastronomie unter die sogenannte November- und Dezemberhilfe. Verwiesen werden sie auf die Überbrückungshilfe III, die aber aktuell noch gar nicht beantragt werden kann. Frühestens im Februar oder März sei mit ersten Abschlagszahlungen zu den Fixkosten der Unternehmen zu rechnen. "Alle Entscheidungsträger sind aufgerufen, alle Maßnahmen dafür zu ergreifen, dass es nach Corona auch noch stationären Einzelhandel gibt. Dieser ist für lebendige Innenstädte und Ortskerne unverzichtbar", so Heep.

Wie schwer es mitunter für einzelne Unternehmen ist, an die staatlich zugesagte Corona-Überbrückungshilfe zu kommen, zeigen Beispiele aus der Region. Christopher Herzberg, Inhaber von Herzberg Getränke in Merenberg, musste seinen Betrieb zwar nicht schließen und gehört deshalb nur zu den mittelbar vom Lockdown betroffenen Unternehmen. Gleichwohl brach der Umsatz zum Teil erheblich ein, denn seine wichtigsten Kunden, Gastronomie, Vereine, Festveranstalter und Kindertagesstätten mussten ganz oder teilweise schließen. Aber nur wenn vier Fünftel des Umsatzes, den sein Unternehmen mit einer Kundengruppe erzielt, wegbrechen, könne er Überbrückungshilfe beantragen, so Herzberg. Dies nachzuweisen sei nicht ganz einfach. Und der bürokratische Aufwand sei "sehr groß".

Völlig unverständlich ist Herzberg, warum er für die nahezu zum Erliegen gekommenen Lieferungen von Mineralwasser an Kindertagesstätten keinen Ausgleich erhalten soll. Immerhin gehe es für sein Unternehmen um Umsatz in fünfstelliger Höhe. Schließlich sei der Staat verantwortlich dafür, dass die Kinderbetreuung auf eine Notbetreuung zurückgefahren wurde. Nun aber werde argumentiert, dass der Staat keine komplette Schließung der Kindertagesstätten verfügt habe, so Herzberg. Ärgerlich sei auch, dass die Bestimmungen für die Auszahlungen von Überbrückungshilfen oftmals nachträglich geändert würden. Hinzu kämen hohe Kosten für einen Steuerberater, über den die Hilfen beantragt werden müssen. Bisher, so Herzberg, habe er lediglich Soforthilfe für sein 28-Mitarbeiter-Unternehmen erhalten. Und das, obwohl sein Umsatzrückgang während des Lockdowns bei rund 80 Prozent liege.

"Schlechter als zu Beginn der Pandemie"

Einen "extrem hohen Arbeitsaufwand" für die Coronahilfen bestätigt der Weilburger Steuerberater Michel Hermann. "Mein Eindruck ist, dass es in den letzten Monaten schlechter lief als zu Beginn der Pandemie", sagt er. Die vielen Nachbesserungen bei den Auszahlungsbestimmungen seien zum Teil "extrem schwierig". Manche Unternehmer, die zunächst davon ausgingen, dass sie anspruchsberechtigt sind, müssten nun befürchten, dass sie gewährte Hilfen zurückzahlen müssen. Das könne sogar dazu führen, dass der Vorwurf des Subventionsbetrugs im Raum steht.

Für problematisch hält Hermann auch eine "eklatante Ungleichbehandlung" verschiedener Branchen. Während Gastronomen 75 Prozent des Vorjahresumsatzes erstattet bekämen, werde beispielsweise dem Frisör, der am 16. Dezember schließen musste, nur eine Fixkostenerstattung gewährt.

Die Auszahlungsgeschwindigkeit sieht der Steuerberater hingegen nicht ganz so negativ wie die IHK. Immerhin habe jeder Antragsteller von Novemberhilfe 50 Prozent oder bis zu 50 000 Euro als Abschlag ausbezahlt bekommen - in der Regel binnen einer Woche. Auch die Abschläge für die Dezemberhilfen seien zum Teil schon ausgezahlt worden, sagt Hermann - ebenfalls "sehr zeitnah". Jetzt werde nur noch auf die Zahlung der Restbeträge gewartet.

Martin Acht, Geschäftsführer des Bekleidungshändlers Vohl & Meyer in Limburg, sagt, dass sein Unternehmen bisher keinen Zuschuss erhalten habe. Dieser werde auch nur dann ausbezahlt, wenn der Umsatz um mindestens 30 Prozent unter dem des Vorjahres liege. Dies sei immerhin schon eine Verbesserung, denn zunächst habe die Antragsgrenze bei 40 Prozent Minus gelegen, so Acht. Seine Kritik: Wer weniger als 30 Prozent Umsatzverlust erleidet, geht leer aus.

Auch innerhalb des Einzelhandels sieht Acht große Ungleichgewichte. Während der Lebensmitteleinzelhandel und der Versandhandel teils deutliche Zuwächse verzeichneten, erlebe der Bekleidungshandel sowie der Non-Food-Bereich, der Schuh- und Taschenverkauf zum Teil heftige Einbußen. Der Unmut bei vielen seiner Kollegen im Kreis Limburg-Weilburg sei "enorm hoch", sagt Acht. Wenn der Lockdown weiter anhalte, gehe es an so manche Existenz, ist der Limburger Händler sicher.

Denn anders als beispielsweise die Gastronomie könnten Einzelhändler bereits georderte Ware nicht zurückgeben. Vor diesem Hintergrund und auch im Vergleich zur Gastronomie hält Acht die bisherigen Hilfen für "definitiv nicht ausreichend." Der Kreisverbandsvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Armin Güth räumt denn auch ein, dass die Gastronomie im Vergleich zu anderen Branchen privilegiert sei. Allerdings kenne er keinen Kollegen im Kreis, der bereits die volle Novemberhilfe bekommen habe. Eng werden könnte es für manche kleineren Betrieb dennoch. Ihnen könne es passieren, dass die Kosten für den Steuerberater einen Großteil der Hilfe wieder auffressen.

Das Hessische Wirtschaftsministerium äußerte Verständnis für die Klage der IHK Limburg und vieler anderer Wirtschaftsverbände. Adressat sei allerdings die Bundesregierung, denn November- und Dezemberhilfe seien Programme des Bundes, die den Ländern das IT-Verfahren zur Bearbeitung der Anträge und zur Auszahlung zur Verfügung stelle. Davon seien alle Länder abhängig. Leider seien dessen Funktionen nur nach und nach freigeschaltet worden.

Für die Novemberhilfe seien seit 21. Dezember Anträge bearbeitet, aber noch nicht ausgezahlt worden, so das Ministerium weiter. Dies sei erst seit dem 13. Januar möglich. Die Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Gießen hätten diese Zeit intensiv genutzt, um so viele Anträge wie möglich auszahlungsfertig zu machen, so dass schon in der ersten Woche ein Viertel der vorliegenden Anträge abgeschlossen werden konnte. Bei der Dezemberhilfe werde die Auszahlung nach Auskunft des Bundes voraussichtlich Anfang Februar starten können.

Infos und Beratung

Die Ansprechpartner der IHK stehen den Unternehmen weiterhin mit Informationen, Beratungen und Kontakten direkt und unkompliziert zur Verfügung und helfen bei den Hilfsprogrammen und Überbrückungshilfen, aber auch bei Kurzarbeitergeld sowie Rechts- und Exportfragen oder Fragen rund um die Ausbildung. Informationen unter www.ihk-limburg.de/corona.

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