Der Sektionsleiter Intensivmedizin und geschäftsführende Oberarzt der Kardiologie, Mehdi Afscharian (link) im Gespräch mit dem Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, Christoph Bühler. Die schwarzen Helme an der Seite gehören zur Corona-Schutzkleidung der Klinik in Limburg-Weilburg.
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Der Sektionsleiter Intensivmedizin und geschäftsführende Oberarzt der Kardiologie, Mehdi Afscharian (link) im Gespräch mit dem Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, Christoph Bühler. Die schwarzen Helme an der Seite gehören zur Corona-Schutzkleidung der Klinik in Limburg-Weilburg.

Belastungsgrad ist gesunken

Trotz Entspannung in den Kliniken – die Delta-Variante schürt Sorgen

  • VonSebastian Semrau
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Nur noch wenige stationäre Corona-Patienten werden in Krankenhäusern in Limburg-Weilburg behandelt. Doch die Sorge vor der Delta-Variante steigt zunehmend.

Limburg-Weilburg - Die Zahl der Covid-Patienten in den Krankenhäusern im Landkreis Limburg-Weilburg ist stark gesunken. Heute meldete der Kreis nur noch drei Infizierte in den Kliniken. Dr. Michael Fries, Ärztlicher Direktor des Limburger St.-Vincenz-Krankenhauses, Joachim Sturm, sein Amtskollege am Weilburger Kreiskrankenhaus, und Dr. Christoph Best, Klinik-Direktor der Vitos Klinik für Neurologie Weilmünster, sprechen denn auch von einer gewissen Entspannung. "Es ist erheblich besser geworden", sagt etwa Sturm, der auch von einem "Durchatmen" spricht.

Aber noch sind alle unsicher, was eine mögliche vierte Welle betrifft - und "die letzten Monate stecken uns allen noch tief in den Knochen", wie es Fries formuliert. Außerdem sei Corona ja nur noch als Spitze auf das schon "gewaltige" normale Arbeitspensum oben drauf gekommen. "Der Belastungsgrad ist gesunken, aber lange noch nicht auf einem niedrigen Niveau", beschreibt es Best.

Ein großes Plus der aktuellen Situation für das Krankenhauspersonal haben alle ausgemacht: die Impfungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dadurch sind sie selbst weniger gefährdet, sich anzustecken und zu erkranken. "Das ist eine psychische Entspannung", sagt Fries - und das auch im Privaten, wie Sturm hinzufügt. Alle drei Kliniken berichten, dass allen Mitarbeitenden ein Impfangebot gemacht werden konnte - und die Impfquote in Weilburg bei rund 80 Prozent, in Limburg bei 81 Prozent und in Weilmünster bei 91 Prozent liegt. "Wir machen weiter Angebote und ich denke, dass der ein oder andere auch wegen der Reiselust noch dazukommen wird", sagt Sturm - denn "ideal wären natürlich 100 Prozent".

Limburg-Weilburg: Warnendes Beispiel Großbritannien und die Corona-Variante Delta

Denn gänzlich beruhigt sind die Verantwortlichen in den heimischen Kliniken trotz der gesunkenen Zahlen nicht - vor allem wegen der Delta-Variante, die zuerst in Indien aufgetreten ist. "In Großbritannien übersteigt sie jetzt schon alle anderen Varianten", sagt Sturm. Auf die Insel verweist auch Fries, wenn er sagt: "Nicht nur ,Star Trek'-Fans wissen, dass etwas mit Namen Delta nichts Gutes verheißt. Denn eines ist klar: Solange die Bevölkerung noch nicht zu einem hohen Teil durchgeimpft ist, solange die noch viel ansteckendere Delta-Variante kursiert und Vorsichtsmaßnahmen wie Abstand und Maske-Tragen angesichts der überall verständlichen, Freude über die Lockerungen außer Acht gelassen werden, besteht die Gefahr, dass es wieder zu einer Verschärfung kommt."

"Daten aus anderen Ländern suggerieren, dass eine vierte Welle im Herbst durchaus möglich erscheint", sagt auch Best. Es bleibe zu hoffen, dass in den kommenden Monaten eine möglichst flächendeckende Immunisierung der Bevölkerung dem entgegenwirkt. Fries sagt dennoch, dass er mit einer vierten Welle rechne. Er mahne weiter zur Vorsicht. "Nach wie vor gilt: Als Gesellschaft müssen wir uns gegenseitig schützen, vor allem die Schwachen." Das bedeute nach wie vorm die AHA-Regeln konsequent zu befolgen: Abstand halten, Maske tragen, Hände desinfizieren.

"Deshalb halte ich die Diskussionen über die gänzliche Aufhebung der Maskenpflicht für verfrüht. Denn wir können ja mittlerweile sehr genau ausmachen, wo das größte Risiko besteht: Eben gerade in Innenräumen. Gefährdet sind Menschen, wie wir wissen besonders in geschlossenen Räumen - dieses Risiko potenziert sich natürlich vor allem dann, wenn die Impfquote noch nicht erreicht ist. Draußen ist das Risiko überschaubar", so Fries. "Es ist sicherlich zu empfehlen, dass vor allem in Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen, aber auch im öffentlichen und privaten Leben weiterhin Hygiene- und Abstandsregeln sowie eine konzentrierte Vorsicht zu leben sind", ergänzt Best.

Corona-Erkrankte werden in Limburg-Weilburg im Schnitt 21 Tage behandelt

Denn wenn wieder mehr Covid-Patienten in die Kliniken müssen, laufen diese schnell voll, auch, weil die Erkrankten dort sehr lange bleiben müssen. "Die durchschnittliche Behandlungsdauer der Covid-Patienten auf der Intensivstation beträgt 21 Tage", erklärt Best für Weilmünster. Sturm berichtet von einer Patientin, die fünf Wochen auf der Intensivstation lag und nun noch nachversorgt wird. In Limburg liegt die Behandlungsdauer laut Fries niedriger - bei 6,7 Tagen auf der Normalstation und 8,4 Tagen auf der Intensivstation.

Alle drei Krankenhäuser sehen sich aber auf eine mögliche vierte Welle gut vorbereitet. "Die enge Verzahnung mit den Gesundheitsbehörden sowie die Vernetzung der Kliniken in Hessen zu Versorgungsgebieten bieten eine exzellente Grundlage, um erneute Ausbrüche besser kontrollieren zu können", sagt Fries. Die Vorbereitungen seien bereits getroffen worden, sagt auch Best. "Sowohl personell, strukturell als auch organisatorisch - einschließlich der regionalen und überregionalen Krankenhausvernetzung - wurden an multiplen Positionen und Schnittstellen Veränderungen und Umstellungen erarbeitet, die jederzeit wieder aktivierbar sind. Somit gehe ich davon aus, dass auch ein erneutes Aufflammen des Infektionsgeschehens gut gemeistert werden kann." In Weilburg sei man ebenfalls gut vorbereitet, sagt Sturm. Es würden auch weiterhin Abschnitte für Covid-Patienten freigehalten. "Diese können jederzeit vergrößert werden."

Corona in Limburg-Weilburg: Krankenhäuser auf dem Weg zurück in die Normalität

Da unklar sei, wie lange der Impfschutz anhält, fordert Sturm aber, dass eine gute Vorbereitung erfolge, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst schnell nachgeimpft werden können. Fries verweist zudem auf "eine adäquate Versorgung mit persönlicher Schutzausrüstung". Außerdem hofft er auf die Forschung und Entwicklung eines medikamentösen Behandlungsansatzes. Er setzt zudem auf die Etablierung von Konzepten, wie bestimmte Bevölkerungsgruppen geschützt werden können, "ohne erneute harte Lockdowns vornehmen zu müssen". Und Fries betont abschließend: "Rücksicht ist weiter das Gebot der Stunde."

Die drei heimischen Krankenhäuser sind auf dem Weg zurück in die Normalität, auch wenn viele Hygienemaßnahmen weiterhin gelten. Sogar Besuche sind nun eingeschränkt wieder möglich. "Letztlich befinden wir uns im klinischen Normalbetrieb. Viele aufgeschobene Behandlungen und Eingriffe werden aktuell nachgeholt. Dieser Bedarf ist in vielen Fällen mehr als dringlich geworden und leider erleben wir vielfach auch später erkannte Erkrankungen und vereinzelt auch gravierend ernstere Verläufe und schwerwiegendere Folgen", sagt Dr. Michael Fries, Ärztlicher Direktor des Limburger St.-Vincenz-Krankenhauses.

Limburg-Weilburg: Zahl der Operationen bei etwa 80 Prozent des Wertes vor der Corona-Pandemie

Die Planung der Operationen richte sich nach permanent aktualisierten Vorgaben der Fachgesellschaften, erklärt Fries. "So halten wir beispielsweise in aller Regel ein Intervall von mindestens einer Woche zwischen einer Corona-Impfung und einer Operation ein." Dies geschehe unter anderem, um eventuell auftretende Symptome wie Fieber oder Schüttelfrost korrekt und möglichst eindeutig als Folge der Impfung und nicht einer möglichen Komplikation der Operation zuordnen zu können.

"Es müssen nun keine Behandlungen mehr verschoben oder gar abgesagt werden, die Klinik erfüllt ihren Versorgungsauftrag vollumfassend", sagt auch Dr. Christoph Best, Klinik-Direktor der Vitos Klinik für Neurologie Weilmünster. In Weilburg dagegen, berichtet der Ärztliche Direktor des Kreiskrankenhauses, seien die Sprechstunden noch etwas eingeschränkt. Daher liege die Zahl der Operationen auch noch bei etwa 80 Prozent des Wertes vor der Corona-Pandemie. Außerdem könnten nach wie vor nicht alle Betten belegt werden, "da Dreibettzimmer möglichst zu vermeiden sind". (ses)

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